Fotografie Zoë Ghertner. Styling Julia Sarr-Jamois. Ugbad trägt einen Blazer von Chanel. Hoodie Stylist’s own. Kopftuch Berwick St Cloth Shop.

Warum wir alle das Model Ugbad Abdi kennen müssen

Ugbad floh mit ihrer Familie in die USA. Heute löst sie als gefeiertes Model Vorurteile über muslimische Frauen auf – und zeigt, dass ein Hijab mehr ist als ein Stück Stoff.

von Jess Cole
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29 April 2019, 1:48pm

Fotografie Zoë Ghertner. Styling Julia Sarr-Jamois. Ugbad trägt einen Blazer von Chanel. Hoodie Stylist’s own. Kopftuch Berwick St Cloth Shop.

Wenn du an muslimische Lebensläufe in den USA denkst, ist Iowa nicht unbedingt die erste Region, die dir in den Sinn kommt. Doch inmitten der saftigen Hügel lebt die älteste muslimische Gemeinschaft des Landes – mit einer durch und durch US-amerikanischen Geschichte: 1885 kamen Menschen aus Syrien und Libanon auf der Suche nach religiöser Freiheit hierher und wurden in der Stadt Cedar Rapids sesshaft.

Mehr als ein Jahrhundert später haben Ugbad Abdi und ihre Familie 2009 ein neues Leben in Iowa begonnen. Hier fanden sie endlich Frieden und Stabilität, nach neun Jahren in kenianischen Camps für Geflüchtete, die vor dem unaufhörlichen Bürgerkriegs in Somalia Schutz suchten. Die Vereinigten Staaten von heute wären ohne Einwanderer nicht denkbar. Denn: Abgesehen von den Native Americans hat die Geschichte jedes einzelnen Menschen in den USA mal woanders angefangen.

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Mantel und Rollkragenpullover The Row. Hoodie Los Angeles Apparel. Balaclava Noel Stewart.

Angezogen vom Goldrausch verließ zufälligerweise im selben Jahr, 1885, ein junger Mann namens Friedrich Trump seine deutsche Heimat und emigrierte nach Queens, New York. Heute hat Friedrichs Enkel Donald – der aktuelle Präsident der USA – Einwanderer zum Sündenbock erklärt. Er nimmt ihnen Chancen auf Teilhabe und hat empörende Einreiseverbote für geflüchtete Menschen aus muslimisch geprägten Ländern wie beispielsweise Somalia eingeführt.

Trotz aller feindlicher Äußerungen und Taten des Präsidenten hatte Ugbad nun vor ein paar Monaten ihren Durchbruch als Model und ist zu eine begehrten neuen Gesichter der internationalen Szene geworden. Solch ein rasanter Aufstieg kann Nachwuchsmodels leicht dazu bringen, sich selbst zu vergessen und zu sehr auf fremde Stimmen zu hören, die ihnen einreden wollen, wie sie sein, wie sie aussehen dürfen. Im Telefongespräch mit Ugbad wird jedoch schnell klar, dass ihre Geschichte eine andere ist: Sie ist enthusiastisch und motiviert. "Ein Traum ist in Erfüllung gegangen", erzählt sie. "Das Ganze ist komplett surreal, wundervoll und verrückt."

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Kleid Christopher Kane. Hodr Kwaidan Editions. Haarband Berwick St. Cloth Shop. Socken Falke. Schuhe by FAR.

Es war ein Höhepunkt ihrer Karriere, als sie im Januar in der Valentino Haute Couture Spring/Summer 19 Show von Pierpaolo Piccioli lief, einer Feier zu Ehren der Schönheit Schwarzer Frauen. Wenige Augenblicke bevor Naomi Campbell als finales Model den Catwalk hinab schritt, präsentierte Ugbad unter tosendem Applaus eine wunderschöne Explosion aus rostbraunem Tüll. In New York öffnete sie die Marc Jacobs Show in einem langen Mantel mit Leopardenmuster. Sie war das erste Model mit Hijab, das für Fendi lief – in der letzten Show von Karl Lagerfeld.

MIt ihrem Erfolg konnte sie Fehlvorstellungen über den Hijab auflösen und neue Gebiete der Mode-Szene für muslimische Frauen erschließen. Der Hijab ist nicht einfach nur ein Tuch, sondern eine erweiterte, spirituelle Idee eines Schleiers. Ugbad war in der Autumn/Winter 19 Saison in einer Fülle von Kopfbedeckungen zu sehen – von Kopftüchern bis Hüten – und zeigte damit, dass ein Hijab und innovative Mode hervorragend zusammenpassen.

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Cape Valentino. Hoodie Wardrobe NYC. Hose Gucci. Kopftuch Berwick St. Cloth Shop. Sonnenbrille Gentle Monster. Socken Falke. Schuhe Manolo Blahnik.

Die Vorarbeit hatte Halima Aden gemacht, die 2013 das erste Hijab-tragende Model war, das weltweise Aufmerksamkeit bekam. Nun vollziehen Ugbads zahlreiche Auftritte einen wichtigen und längst überfälligen Fortschritt in der Mode. "Vor Halima habe ich einfach gedacht, es gäbe keinen Platz für Hijabs in der Branche", meint Ugbad. "Aber muslimische Frauen möchten gern ihre Geschichten teilen und andere Leute bilden. Der Glaube, dass muslimische Frauen nicht in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen und dazu gezwungen werden, einen Hijab zu tragen, muss sich ändern."

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Mantel und Hose Kwaidan Editions. Hoodie Wardrobe NYC. Kopftuch Berwick St. Cloth Shop.

Als sie 14 Jahre alt war, entschloss sich Ugbad dazu, einen Hijab zu tragen. "Meine Mutter ist meine größte Inspiration. Als ich sie fragte, weswegen sie das Tuch trägt, antwortete sie, dass sie sich damit bescheiden und wohl fühlt", sagt sie. "Damit konnte ich mich identifizieren und heute fühlt sich der Hijab an wie ein Teil von mir. Wenn ich ihn trage, fühle ich mich gut." Für viele Muslima bedeutet der Hijab viel mehr als ein Stück Stoff. "Ich bin so glücklich, dass ich meine Reichweite dafür nutzen kann, Stereotype über muslimische Frauen aufzubrechen", sagt sie. "Die Menschen müssen Muslime als Individuen kennenlernen."

Diese globale Perspektive will Ugbad in Zukunft weiter verfolgen. "Ich möchte gern mit Unicef arbeiten, die uns dabei geholfen haben, als Geflüchtete in die Vereinigten Staaten zu kommen. Vielleicht möchte ich nach Afrika zurückgehen und das Camp besuchen." Eine kleiner Teil dieser Wünsche ist bereits in Erfüllung gegangen: Am Tag nach unserem Telefonat fliegt sie für einen Job nach Tansania. "Ich habe meiner Mutter gestern davon erzählt und wir beide sind vollkommen ausgerastet", lacht Ugbad. "Es ist das erste Mal, dass ich nach Afrika fliege, seitdem meine Familie geflohen ist."

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Mantel Balenciaga. Rollkragenpullover The Row. Hose Wardrobe NYC. Kopftuch Berwick St. Cloth Shop.
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Jacke Alexander McQueen. Rollkragenpullover The Row. Hose Stylist’s Own. Strumpfhose WOLFORD. Kopftuch Berwick St. Cloth Shop. Sonnenbrille Gentle Monster. Schuhe Yuul Yie.
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Ugbad trägt einen Blazer von Chanel. Hoodie Stylist’s own. Kopftuch Berwick St Cloth Shop.

Credits


Fotografie: Zoë Ghertner
Styling: Julia Sarr-Jamois

Make-up: Fara Homidi / Together nutzt Chanel
Set Design: Spencer Vrooman
Fotografie-Assistenz: Caleb Adams und Milan Aguirre
Styling-Assistenz: Christina Smith und Megan King
Make-up-Assistenz: Monica Alvarez
Produktion: Meghan Gallagher / Connect The Dots
Produktion Co-ordinator: Jane Oh / Connect The Dots
Produktion-Assistenz: Nikki Patrlja und Jeremy Sinclair
Retouching: studio rm
Model: Ugbad at Next Models

Diese Geschichte erschien in der neuen i-D 'The Voice of a Generation Issue', no. 356, Summer 2019. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

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