Foto: Aus dem Film "Mein wunderbares West-Berlin" © Wilfried Laule, Galeria Alaska Productions

Warum der Paragraf 175 niemals vergessen werden darf

Drei Männer erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem diskriminierenden 'Schwulenparagraf'.

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11 Juni 2019, 11:29am

Foto: Aus dem Film "Mein wunderbares West-Berlin" © Wilfried Laule, Galeria Alaska Productions

Stell dir vor, du lebst in einem Land, in dem du nicht lieben darfst, wen du willst. Bis vor 25 Jahren ging es homosexuellen Menschen in Deutschland so. Mindestens 64.000 Personen wurden wegen des sogenannten Schwulenparagrafen, § 175 des Strafgesetzbuchs, verurteilt, unzählige diskriminiert. Erst am 11. Juni 1994 wurde das Verbot abgeschafft. i-D und VICE feiern dieses Jubiläum in einer Themenwoche. Mit Geschichten von queeren Menschen, die damals wie heute für ihr Recht kämpfen, zu lieben, wen sie wollen. Hier geht es zu allen Artikeln der Serie.

Komfortzonen sind nett. Gemütlich. Wohlig. Komfortzonen machen aber auch faul. Sie vernebeln den Blick auf die Realität. Denn: Viele von uns, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, irgendwann in den späten 80ern, in den 90ern, sehen die (vermeintliche) Gleichberechtigung in der Gesellschaft als etwas ganz Normales. Als etwas Selbstverständliches. Leicht blendet man dabei die Kämpfe aus, die die Generationen vor uns ausgetragen haben. Leicht vergisst man die Stimmen, die sich gegen die Diskriminierung diverser Existenzen erhoben haben. Dabei ist es wichtig – heute ganz besonders – aus diesen Kämpfen zu lernen und sie in unserer Sprache weiterzuführen.

Noch vor 25 Jahren gab es einen Paragrafen im deutschen Strafgesetzbuch, der Homosexuellen ihr Recht auf freie Selbstbestimmung abgesprochen hat. Noch vor 25 Jahren gab es einen Paragrafen, der die systematische Verfolgung, Kriminalisierung und Diskriminierung von gleichgeschlechtlicher Liebe vor dem Gesetz und in den Köpfen Konservativer legitimierte. Und heute, 25 Jahre nach der ersatzlosen Streichung des Paragraf 175, steigt die Anzahl homofeindlicher Übergriffe wieder an.

Umso relevanter ist es, den Menschen zuzuhören, die alles dafür getan haben, ihr Sein zu verteidigen. Wir haben uns mit drei Männern unterhalten, die in verschiedenen Episoden ihres Lebens von dem Paragraf 175 betroffen waren. Detlef Mücke, der für seinen Einsatz für homosexuelle Lehrkräfte das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam. Jochen Hick, dessen Filme die Vergangenheit unvergesslich machen. Und Bernd Boßmann, der in roten Stöckelschuhen kompromisslos die Eröffnung der ersten Berliner Pflegestation für HIV-Patienten durchsetzte.

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Foto: Shirin Siebert

Detlef Mücke

In deinen eigenen Worten, was war der Paragraf 175?
Es war ein Paragraf der Entwürdigung von homosexuellen Menschen. Ein Paragraf der Schande. Ein Paragraf, der so viele Menschen ins Unglück getrieben hat und nicht nur die Menschen individuell, sondern auch letztlich deren Umfeld, deren Familien. Es war eine Spirale des Schweigens, in der man sich nicht traute, auch nur darüber zu sprechen. Besonders durch die Verschärfung unter Hitler. Vorher wurde 'nur' Analverkehr bestraft, unter Hitler reichte schon ein intensiver Blick, um den rosa Winkel im KZ zu bekommen.

Du bist 1944 geboren und in einer Kleinstadt aufgewachsen. Wenn ein Thema so tabuisiert wird, dass man kaum das passende Vokabular für seine Sexualität kennt, wie gestaltet sich dann die Lebensrealität?
Lange Zeit wusste ich nicht, dass meine Gedanken und Gefühle ein Ausdruck schwulen Begehrens waren. Homosexualität wurde tabuisiert und ich hatte das Bild von mir, dass ich irgendwann heirate, als Studienrat arbeite, drei Kinder und ein Einfamilienhaus habe. Mit 25 merkte ich, dass ich immer noch nicht mit einer Frau intim war. Dann lernte ich jemanden kennen – mit ihm hatte ich mein persönliches Coming-Out. Und ich kann nur sagen: Es war gut, dass ich es so spät hatte. Hätte ich vorher gewusst, was mit schwulen Lehrern passiert, hätte ich womöglich gar nicht erst mit dem Studium begonnen.

Ich kam als Berufstätiger nach Berlin und war direkt in der frühen Anfangszeit Teil der Homosexuelle Aktion West-Berlin, kurz HAW. Ich hatte Lust zu kämpfen und empfand es als tiefe Ungerechtigkeit, dass ich diskriminiert werde – sowohl im Beruf als auch im Privaten – nur weil ich Männer liebe. Damals wurde Pädophilie, sexuelle Gewalt und Homosexualität auf eine Stufe gestellt. In der ganzen Bundesrepublik gab es nur einen Lehrfilm zum Thema, "Christian und sein Briefmarkenfreund". Die Schüler*innen sollten lernen, dass Homosexuelle Verbrecher sind, mit einem perversen Sexualleben. Dabei braucht es gerade in der Pubertät homosexuelle Lehrkräfte als Vorbilder, die sich auch in der Schule outen und dazu beitragen, die Akzeptanz verschiedener Lebensweisen zu stärken.

Interessant für die Historie ist auch, dass 1957 ein Schwuler vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Paragraf 175 geklagt hat. Er ist dagegen angegangen, dass die Verschärfung des Paragrafen unter den Nazis weiterhin Rechtsbestand hatte – und das Gericht urteilte, dass das Gesetz nicht dem nationalsozialistischen Gedankengut entsprach, sondern dem 'gesunden deutschen Volksempfinden'. Doch was heißt das überhaupt? Wer repräsentiert das 'gesunde deutsche Volksempfinden'? Die Kirchen. Und damals haben sowohl die Katholische als auch die Evangelische Kirche Homosexualität als sündhaftes Verhalten bezeichnet. Dieses Denken verschwindet nicht von heute auf morgen …

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Aus dem Film "Mein wunderbares West-Berlin" © Peter Hedenström, Galeria Alaska Productions

Und dann hast du rebelliert.
Als wir Anfang der 70er auf die Straße gingen, war 'schwul' noch ein Schimpfwort. Wir wollten schockieren und haben uns bewusst unser Schwulsein auf die Fahne geschrieben. Wir wollten die angebliche Berliner Toleranz auf die Probe stellen und sind in Bars gegangen, um zu knutschen. Wir organisierten natürlich auch Demonstrationen. 1973 sollte ein Lehrer entlassen werden, weil er schwul war – dagegen haben wir protestiert. Zusammen mit Schüler*innen haben wir das Rathaus in Wilmersdorf gestürmt.

Aus Angst vor beruflichen Konsequenzen haben wir uns auf Demos häufig Mützen über das Gesicht gezogen, auf denen 'Lehrer' und 'Lehrerin' stand. Einmal sind wir mit 20 schwulen und lesbischen Lehrer*innen den Ku'Damm runtergelaufen, um zu zeigen, dass es uns gibt. Wir hörten furchtbare Sprüche wie: "Euch hat man unter Hitler vergessen!" Wir bekamen dann auch Rechtsschutz von der GEW, sodass ein Berufsverbot nicht mehr möglich war.

Als wir damals forderten, dass Sexualerziehung in die Schulen kommt, gab es zunächst einen Aufschrei – viele waren der Überzeugung, dass sich die Schule bei solchen Themen zurückhalten solle und es Sache der Eltern wäre. Wir wollten, dass Homosexualität und Heterosexualität als gleichwertige Unterrichtsformen betrachtet werden, was der Berliner Senat unter Bezugnahme auf den Paragraf 175 – Homosexualität als Kriminaltatbestand – jedoch abgelehnt hatte.

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Foto: Shirin Siebert

War damals an deiner Schule bekannt, dass du schwul bist?
Ich hatte einen Artikel für die Berliner Lehrerzeitung verfasst, "Die Angst eines schwulen Lehrers im Dienst", der sich mit dem Tabu Homosexualität im Erziehungswesen auseinandersetzte. Zuvor habe ich mich mit dem Kollegium zusammengesetzt und diskutiert, ob und wie ich mich vor den Schüler*innen, den Eltern und dem gesamten Schulkomplex oute. Sie versicherten mir ihre volle Solidarität.

Es gab schon länger das Gemunkel, vor allem unter den Schüler*innen, ob ich schwul sei. Ich hatte längere Haare, lief in einer lila Latzhose durch die Gegend und trug Schmuck an den Armen und am Hals. Als ich von den Gerüchten hörte, bin ich in meine Klasse gegangen und habe offen mit ihnen darüber gesprochen. Ich habe eine offene Fragerunde eröffnet und ihnen die Wahl gelassen, auch mit einem anderen Lehrkörper auf die bevorstehende Klassenfahrt zu fahren. Ich wollte, dass sie mit ihren Eltern darüber sprechen. Als wir uns ein paar Tage später wiedergesehen haben, waren die Reaktionen durchweg positiv. Ein paar wollten wissen, wie es sich anfühlt, wenn man auf Männer steht. Wie man merkt, dass man jemanden vom selben Geschlecht begehrt. "Das ist so ein Bauchgefühl, so wie ihr es auch habt, wenn ihr einen Jungen oder ein Mädchen sympathisch findet". Wir haben über Rollenverhalten, Kommunikation, Verantwortung und Vertrauen gesprochen.

Es war und ist heute immer noch wichtig, das Thema Sexualität zu normalisieren und eine unbefangene, positive Sprache dafür zu finden, die nicht vulgär oder zu medizinisch ist. Sexualität ist etwas Schönes. Außerdem müssen die diversen Lebensrealitäten auch im Unterricht stattfinden. Es gibt nicht nur die "Rama-Familie": Mutti, Vati, Hans und Dora. Es gibt geschiedene Elternhäuser, Wiederverheiratete und Alleinerziehende. Es gibt Schwule, Lesben und Trans-Menschen. Kinder dürfen nicht denken, dass sie in einer 'kaputten' Familie leben. Wir brauchen eine Pädagogik der Vielfalt. Und dafür haben wir in den 70ern einen wichtigen Schritt erkämpft.

Du hast für dein Engagement das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Wie hat sich das angefühlt?
Ich war erstmal erschrocken. Als ich den Brief las, habe ich mich gefragt, wer das denn angerichtet hat. Es waren Leute aus meiner AG Schwule Lehrer. Doch wollte ich wirklich von dem Staat, gegen den ich so lange gekämpft habe, eine Auszeichnung annehmen? Ich weiß, was ich gemacht habe und brauche nicht die Anerkennung der Politik. Dann habe ich mich letztlich doch dafür entschieden: Wenn ein anderer schwuler Lehrer von Eltern oder Behörden diskriminiert wird, kann er sich immer auf mich beziehen. Ich habe es aus politischen Gesichtspunkten angenommen – nicht meiner Vita wegen. Bisher habe ich den Orden auch nur einmal getragen: bei der Errichtung des Mahnmals im Tierpark für die Homosexuellen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden.

Glaubst du, dass heute Gleichberechtigung herrscht?
Nein, solange konservative und extrem religiöse Ansichten herrschen, kann keine wahre Gleichberechtigung erreicht werden. Nicht solange es ein eingeschränktes Weltbild der Heteronormativität gibt. Ein guter Indikator sind auch die Frauenrechte im jeweiligen Land. Die Repression von Schwulen geht meist einher mit der Repression von Frauen. Und trotzdem ist es schön, den Generationenwechsel mitzuerleben, hin zu einer queeren Bewegung, mit neuer Terminologie, anderen Feldern, für die sie kämpfen. Ich bin ja mittlerweile nur ein alter, weißer Cis-Mann – und trotzdem stolz auf das, was wir damals erreicht haben. Jetzt geben wir die Staffel weiter an die Nächsten.

Was möchtest du der jungen, queeren Community mit auf den Weg geben?
Am Ende meiner Führungen im Schwulen Museum werde ich immer ganz pathetisch. Dann sage ich ihnen: "Lehrer geben immer Hausaufgaben. Ich habe euch jetzt von meinem Leben erzählt. Ich bin 75 und blicke auf mein Leben zurück. Du blickst auf dein Leben, das vor dir liegt. Egal wo ihr lebt und arbeitet, ist meine Bitte, meine Hausaufgabe an euch, sich immer dafür einzusetzen, dass Menschenrechte weltweit geachtet werden."

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Foto: Shirin Siebert

Jochen Hick

Was ist der Paragraf 175 für dich?
Es ist ein Paragraf, der 1872 erstmalig im deutschen Reich in Kraft getreten ist und speziell dafür benutzt wurde, Männer zu bestrafen, die sexuelle Neigungen oder Handlungen mit anderen Männern hatten. Es war ein Gesetz, das den Homosexuellen in Deutschland das Leben am meisten zur Hölle gemacht hat. Es gab zwar 'Lockerungen' in den Jahren 1969 und 1972 – doch erst 1994 wurde der Paragraf final aufgehoben. Da ich 1960 geboren wurde, habe ich den 175er eher indirekt mitbekommen. Über die Jahre hinweg habe ich natürlich viele Männer kennengelernt, die davon betroffen waren. Sie kamen in meinen Filmen vor und ich habe Interviews mit ihnen geführt.

In den 50ern und 60ern war die Strafverfolgung – insbesondere in der Bundesrepublik – noch sehr stark, es gab viele Verurteilungen. Als Filmemacher realisiert man, dass es kaum Fotos oder Filme aus einschlägigen Lokalen aus dieser Zeit gibt. Alle hatten Angst vor den Konsequenzen, wenn diese Bilder in falsche Hände gerieten. Trotzdem ist es eigentlich irre, was trotz des Paragrafen im Geheimen stattfand. Es ist ein Skandal, dass die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen es ermöglicht haben, dass eine bestimmte Personengruppe über Jahrzehnte hinweg solcher Gefahr und Verfolgung ausgesetzt war. Dabei muss man auch sehen, dass im Nachkriegsdeutschland keine Parteien so konsequent Politik gegen Schwule gemacht haben wie CDU und CSU. Das bleibt ein Fakt.

Du bist zwar in einer Zeit aufgewachsen, in der der Paragraf bereits gelockert wurde, trotzdem hast du dich in vielen deiner Filme ("Mein wunderbares West-Berlin", "Ich kenn' keinen – Allein unter Heteros") intensiv mit der Generation auseinandergesetzt, die die Kriminalisierung, die Diskriminierung in vollstem Maße miterlebt hat. Welche Geschichten haben dich besonders bewegt?
Ich selbst erfuhr ja die 'Gnade der späten Geburt'. Beeindruckt hat mich ein langes Interview mit Pierre Seel, das ich noch nie für ein Projekt verwendet habe. Er wurde von den Nazis wegen seiner Homosexualität in ein Lager deportiert, sein Freund wurde quasi vor seinen Augen umgebracht. Das hat ihn sein Leben lang verfolgt. Richard Moosdorf, einer der Protagonisten in "Ich kenn' keinen – Allein unter Heteros", erinnert sich daran, dass man in der NSDAP-Zeitung "Der Stürmer" lesen konnte, wer wieder festgenommen wurde. Er wundert sich generell, dass ihm – trotz aller Widrigkeiten wie Verfolgung und später auch AIDS – nie etwas Gravierendes zugestoßen ist. Früher war er immer zusammen mit einem Freund nach Zürich gefahren – da gab die Zeitschrift "Der Kreis", die sich mit Homosexualität beschäftigte und Feste, Zusammenkünfte organisierte. Bis weit in die 60er hinein fuhr Richard dorthin, da er in seiner Heimatstadt Stuttgart Angst hatte sein Schwulsein zu zeigen. Der Paragraf 175 verursachte vor allem, dass Hunderttausende ihr Leben nicht leben konnten.

Das Projekt "Ich kenn' keinen" hat eher zufällig angefangen. Ich war öfter in Stuttgart. Dort traf ich Männer aus ganz Baden-Württemberg, die lange, schwierige Fahrten auf sich nahmen, um einmal die Woche in einem schwulen Lokal auszugehen. Weil es in ihrem Ort einfach nichts gab, da sich das queere Leben extrem auf die Großstädte konzentriert. Ich wollte schauen, wie es für die Menschen ist, die geblieben sind. Ich bin in Orte gefahren, in denen die Protagonisten die einzigen geouteten Schwulen waren. Die im Kirchenchor singen und gleichzeitig offen HIV-positiv sind. Sie beweisen unglaublichen Mut, auch wenn ihnen das vielleicht gar nicht so bewusst ist, denn sie kämpfen an vorderster Front.

Auch in den Großstädten mussten sich Homosexuelle verstecken. Die jüngere Schwulenbewegung, die in den 70ern im Rahmen der Studierendenbewegung auf die Straße ging, meint oft, vor ihr hätte es keine Bewegung gegeben. Dabei gab es in den Jahrzehnten zuvor unzählige, mal erfolglose, mal erfolgreichere politische Aktionen, was dann 1969 zur teilweisen Entschärfung des Paragrafen geführt hat. Diese Vorkämpfer wurden jedoch nie für ihre Leistungen gewürdigt. Sie galten irgendwie als Spießer, die mit Häkeldeckchen Kaffeekränzchen veranstalteten und beim ersten CSD die Vorhänge zugezogen haben, damit niemand sah, dass sie aus dem Fenster schauen.

Das ist tragisch. Man muss sich nur überlegen, was es bedeutete, wenn man seine sexuell aktivste Phase ab 1935 hatte, nachdem die Nazis den Paragrafen verschärft hatten. Rechnet man die Nachkriegszeit hinzu, so hatten manche Schwule vom 20. bis 45. Lebensjahr nur in permanenter Angst gelebt, mit Polizeirazzien und allem, was dazu gehört. Es zeigt von unglaublichem Zynismus, wie lange in Deutschland gewartet wurde, die Urteile aufzuheben, die Betroffenen zu entschädigen. Nach einer Verurteilung waren ja das Leben, das Berufsleben hinüber. Und ohne Verurteilung oft genauso.

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Foto: Shirin Siebert

Trotzdem gab es, besonders in West-Berlin, eine aktive Untergrund-Kultur. Wie sah die aus nach der "Schwulen Revolution"?
Berlin hatte – ebenso wie Hamburg – keine Sperrstunde. Es gab die Berlin-Zulage und viele Studierende. Da Schwule gerne in große Städte ziehen, weil es dort mehr Gleichgesinnte gibt, war Berlin natürlich prädestiniert. Es entwickelte sich eine breite diversifizierte Szene. Wenn man in den 80ern in kommerzielle Lokale ausgegangen ist, sagte man noch, man gehe in die ‘Sub’, in die Subkultur. Es gab Selbsterfahrungsgruppen, schwule Unigruppen, Klingellokale. Es gab Drag-Shows und 'Polit-Tunten'. Und was mir ein bisschen auf die Nerven ging: viel Melodrama und Gloria Gaynor. Doch ist es auch verständlich und gut, dass die eigene sowohl als tragisch wie auch als einzigartig empfundene Lebensgeschichte in dieser Exzentrik verarbeitet wird. Und dann kam auch noch AIDS …

Was hatte sich durch das Aufkommen von HIV verändert?
Ich habe die Szene vor AIDS erlebt. Das war schon recht sorgenfrei. Und dann ging es los. Es war bei vielen der pure Horror, niemand wusste 'so richtig' was da passiert. Manchmal bekam man einen Anruf: "Mich hat jemand geküsst, ganz trocken auf den Mund und heute habe ich gesehen, dass ich einen kleinen Riss an der Lippe hatte." Dann erkrankten und starben richtig viele. Viele ließen sich aufgrund der mangelnden Behandlungsmöglichkeiten erst gar nicht testen und lebten in dem Gefühl ohnehin bald sterben zu müssen. Beim Ausgehen war AIDS immer präsent. Hatte Homosexualität zuvor etwas Verbotenes, so bekam sie nun auch etwas tödlich Morbides. Die Immunschwäche hat meine Generation enorm geprägt und ist auch heute noch ständig direkt oder indirekt präsent. Deswegen findet sich das Thema auch in vielen meiner Filme.

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Aus dem Film "Mein wunderbares West-Berlin" © Wilfried Laule, Galeria Alaska Productions

Damals muss es doch schwer gewesen sein, mit deinen Filmen Förderungen zu bekommen, Geld zu verdienen, sie in Kinos zu zeigen, oder?
Es war definitiv eine gewisse Art von Diskriminierung zu spüren. Hinter meinem Rücken habe ich von TV-Produzenten Dinge gehört wie: "Mit schwulen Säuen arbeite ich nicht." Auch wenn die Homofeindlichkeit teilweise versteckter ablief, war es schon auffällig, dass andere Kolleg*innen Fördergelder bekamen, während ich fast fünfzehn Jahre auf meine erste Förderzusage warten musste. Diese Homofeindlichkeit kann man noch bis heute spüren. Da kommen dann Aussagen, von Menschen in Berufsverbänden, wie: "Ich finde es gut dass du nicht so exaltiert bist, wie Schwule normalerweise." Oder sie denken, dass sich meine Filme ohnehin gut im Internet verkaufen, von wegen queeres Thema ist gleich Porno und so. Es herrscht immer noch eine starke Heteronormativität.

Von tatsächlicher Gleichberechtigung kann man also, auch wenn die Abschaffung des Paragraf 175 bereits 25 Jahre her ist, nicht sprechen. Was wünschst du dir für die Zukunft?
Die queere Nachkriegsgeneration ist damit aufgewachsen, dass eigentlich immer alles nur besser wurde. Freiheitlicher, offener, friedlicher. Doch müssen wir heute erkennen, dass diese Komfortzone zu Ende ist und nichts von dem bislang Errungenen von Bestand sein muss. Die Freiheit über die eigene Sexualität, den eigenen Körper und die eigene Genderidentität zu entscheiden, ist keine originäre Erfindung des Westens oder der Eliten. Diese Freiheit hat es überall auf der Welt immer wieder gegeben – und in allen Schichten. Ich würde mir wünschen, dass die gefährlichen Frontlinien in der Welt nicht wie oft als hysterisches Scheingefecht entlang des Pro und Contras zu sexuellen Minderheiten und zur Selbstbestimmung von Frauen ausgetragen werden. Man sollte eher die wirklichen Strippenzieher und Konflikttreiber dahinter identifizieren und angreifen. Dann wäre schon einiges gewonnen.

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Foto: Shirin Siebert

Bernd Boßmann

Welche Auswirkungen hatte der Paragraf 175 auf dein Leben?
Ich habe das gar nicht so stark mitbekommen. Als ich meine Sexualität entdeckte, war das Schlimmste schon vorbei. Er wurde nicht mehr so rigide angewendet, konnte jedoch noch geahndet werden, wenn du unterhalb einer gewissen Altersgrenze warst. Das war so absurd: Es gab unterschiedliche Regelungen in Ost- und West-Berlin. Im Osten wurde der Paragraf schon viel früher abgeschafft. Fickst du deinen Partner im Westen, konntest du Probleme bekommen, im Osten war es plötzlich OK.

Du bist in einem kleinen Dorf am Niederrhein aufgewachsen. Wie war deine Jugend dort? War dir bewusst, dass du schwul bist?
Ich war damals schon ein Kämpfer, habe mich immer engagiert und mich für Menschen eingesetzt, die ausgegrenzt wurden. Dass ich schwul sein könnte, war mir allerdings nicht wirklich bewusst. Ich habe immer nur gesagt: "Ich bin sexuell." Ich habe nie etwas ausgeschlossen, konnte und wollte mich auch gar nicht festlegen. Wenn ich mich verliebe, verliebe ich mich in den Menschen. Irgendwann habe ich mich mal in ein wunderschönes Mädchen verguckt und war ganz eifersüchtig, dass sie immer von so vielen Männern umgeben war. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass sie gar kein Mädchen war, sondern ein androgyner Typ.

Wie war es für dich, als du dann nach West-Berlin gezogen bist?
Ich war noch so jung, ganz dumm und naiv. Ich dachte, ich mache jetzt mal den Härtetest und gehe in eine Schwulenkneipe. Wie überrascht ich war, als alles ganz harmlos und gesittet zuging. Nach und nach habe ich meine Erfahrungen gesammelt. Der erste Typ, mit dem ich nach Hause ging, erzählte plötzlich etwas von AIDS. Das war zum Kotzen, gerade dein Coming-Out gehabt und dann steht dir der nächste Kampf bevor.

Ein Freund von mir nahm mich damals mit in das Schwulenzentrum, das 'SchwuZ'. Wir waren alles komische Vögel, haben uns dann zusammengeschlossen, um ein Kabarett aufzuführen, dessen Erlöse zu Gunsten der Berliner AIDS-Hilfe gesammelt werden sollten. Die Ladies Night wurde gegründet. Fun Fact: Gemeinsam mit drei anderen Tunten habe ich auch mal über mehrere Monate das SchwuZ besetzt. Es gab nur einmal die Woche eine Disko da – das hat uns nicht gereicht. Also sind wir eingezogen und haben dort Events veranstaltet.

Was hatte es mit der Ladies Night auf sich?
Das war eine Drag Show, die aus dem Bedürfnis entstand, Gelder für die Finanzierung der Berliner AIDS-Hilfe zu akquirieren. An dem ersten Abend waren wir 35 bis 40 Leute, die gemeinsam auf der Bühne standen, 400 Zuschauer*innen, viereinhalb Stunden Programm. Irre!

Wir wollten gern eine AIDS-Pflegestation gründen, merkten jedoch schnell, dass wir stark diffamiert wurden, unter anderem von einigen Leuten bei der AIDS-Hilfe, die behaupteten, dass wir "unseriöse, dumme Tunten" seien. Das haben wir dann als Anlass genommen, mit roten Stöckelschuhen und rotem Lippenstift zu allen offiziellen Verhandlungen zu gehen. Nie aufgeben, nie heulen – Stöckelschuhe an und ordentlich in den Arsch treten.

Ich bin ausgebildeter Krankenpfleger und als ich mitbekommen habe, wie AIDS-Patienten in den Krankenhäusern behandelt wurden – sie wurden isoliert, festgebunden, ruhig gestellt, alles aus der Angst vor der 'neuen Pest' –, gab es für mich keine andere Option. Nach ganz vielen Höhen und Tiefen, nach unzähligen Auseinandersetzungen mit Politiker*innen und anderen nervigen Leuten, bekamen wir schlussendlich die Fördergelder, organisierten eine große Benefizveranstaltung im Tempodrom und konnten die erste AIDS-Pflegestation in Berlin gründen.

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Foto: Shirin Siebert

Mit welchen Stigmata wurden schwule AIDS-Patienten konfrontiert?
Die Schwulenseuche. Eine undefinierbare Erkrankung von der nur Schwule, Junkies und Bluter heimgesucht wurden. Absurd war auch, dass es eine Rente für Leute gab, die sich 'nicht schuldig', also beispielsweise durch Blutinfusionen oder bei deinem Job als Pfleger, infiziert haben. Damals habe ich auf der Bühne auch ein Stück aufgeführt, in dem ich diese Problematik auf die Schippe genommen habe. Ich habe Pumpen für die Junkies, Kondome für die Schwulen und Pflaster für die Bluter verteilt und einen Brief aufgesetzt, in dem ich gefragt habe, was passiert, wenn man ein schwuler Krankenpfleger ist. Bekommt man dann die Hälfte der Rente? Ganz widerliche Maßregelungen gab es da.

Du hast dich selbst als 'Tunte' bezeichnet. Wie hat deine Umgebung darauf reagiert?
Damals hat man sich selbst als Tunte bezeichnet, um dieser Beschimpfung eine positive Wendung zu geben. Ganz oft sind wir nach den Abenden im SchwuZ in die schicksten Cafés gegangen und haben Eier im Glas gegessen. Wir wurden ganz normal bedient so wie die anderen Gäste. Busfahrer, Wirte, alle total nett. Mir ist nie etwas passiert, obwohl ich absolut verrückt aussah. Mit Glatze, schrillem Make-Up und Omakleid.

Heute betreibst du ein Friedhofscafé. Wie ist es dazu gekommen? Traditionell gesehen, sind kirchliche Institutionen ja wenig aufgeschlossen gegenüber offen gelebter Homosexualität.
Als die Mauer noch stand, war hier in Schöneberg eine Art Bermuda-Dreieck, was auch mit der Nähe zum Nollendorfplatz zusammenhängt. Dort war ein richtiger Hot Spot für homosexuelle Männer. Als dann die ersten Leute an den Folgen von AIDS verstarben, ergab es sich, dass hier viele Beisetzungen von Menschen aus der Szene stattfanden.

Irgendwann bin ich mit Uwe, meinem besten Freund, hier gelandet und wir haben uns den Friedhof angesehen – ich hatte immer den Wunsch, mir mit ihm ein Grab zu teilen. Dann sah ich dieses kleine, leerstehende Häuschen und hatte direkt die Idee, hier ein Café und einen Blumenladen zu eröffnen. Als Uwe dann nach einer schweren Krankheit verstorben ist, war ich wieder an diesem Ort – und entschied mich, diese Idee von damals zu realisieren.

Glaubst du, dass heute Gleichberechtigung herrscht?
Gleichberechtigung kannst du nicht durch Gesetze oder den Erlass solcher bestimmen. Toleranz steckt in den Köpfen, nicht in den Gesetzbüchern. Das merkt man auch bei Politiker*innen wie Annegret Kramp-Karrenbauer, die den Karneval nutzt, um zu diffamieren, um zu denunzieren. Und das auf ekelhafteste Art. Es ist wohl noch ein weiter Weg.

Credits


Porträts: Shirin Siebert

Vielen Dank an Daniel Sander und das 'Schwules Museum' für die Gespräche und die Vermittlung von Kontakten.