Kleider in der Mitte: Arona Paris

Die Tahiti Fashion Week ist eine Hommage an die reiche Tradition der Insel

Die polynesischen Designer*innen erobern ihre Kultur zurück.

von Alexander-Julian Gibbson; Fotos von Emmanuel Monsalve
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01 August 2019, 10:36am

Kleider in der Mitte: Arona Paris

Lange vor dem Einfluss britischer und französischer Kolonialisten überlieferten die Polynesier*innen ihre Traditionen durch Tänze an die nächste Generation. Diese Praxis war nicht nur ein faszinierendes Zusammenspiel von Bewegung und Klang, sondern ein Mittel um Geschichten mithilfe atemberaubender Kleidung zu erzählen. Trachten spielten eine integrale Rolle in den tahitianischen Tänzen, da die genutzten Materialien ihre Verbindung zur Erde und zu ihrem Land demonstrierten. Die Stoffe trugen die Werte, das Erbe der polynesischen Folklore und Kultur in sich.

In einer der Trachten wurden Girlanden verarbeitet, die aus lokalen Blumen und Samen gefertigt wurden. Es gab Röcke aus gras-ähnlichen Stoffen, die sich Móre nannten. Kopfschmuck aus Kokosnuss-Schalen verziert mit tahitianischen Perlen und Muscheln.

Für mehr als 130 Jahre wurden diese – und viele andere – Traditionen und polynesische Kunstformen wegen des religiösen Kolonialismus kriminalisiert.

Heute, nachdem fast ihre gesamte Kultur ausgelöscht wurde, beleben die Bewohner*innen ihr Volkstum wieder. Der Aufschwung traditioneller Tattoos und weltbekannter polynesischer Tanzgruppen haben ihren Teil dazu beigetragen, die Kultur in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Genau wie eine junge Generation lokaler Designer*innen, die traditionelle Materialien neu entdeckt, um daraus moderne, kulturell geladene Stücke zu kreieren. Stücke, die die Runways bei der Tahiti Fashion Week regierten.

"Weit entfernt von anderen Ländern, dabei der Natur jedoch so nah zu sein, hat uns dazu gebracht innovative, natürliche, unbekannte Materialien zu entwickeln – und ihnen einen praktischen Nutzen in der heutigen Welt zu geben", sagt Stylistin und Designerin Teani Liu. Die Kreativen haben eine dynamische Modeindustrie erschaffen, die von ihrem Stolz für ihr Erbe und der gewonnenen Freiheit angetrieben wird. Sie haben eine Realität erbaut, die viele von uns für selbstverständlich nehmen.

i-D hat die Menschen dahinter getroffen.

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Top: My Dear Tahiti (hergestellt aus Samen) Schmuck: Tropical Luxury

Manuarii Teauroa, 28, Designer My Dear Tahiti

"Die tahitianischen Tänze und Kleider wurden als teuflisch und obszön betrachtet. Sie wurden während der Kolonisation verbannt genau wie andere große Teile unserer Kultur. Besonders Frauen wurden Ziel von Verachtung, deswegen möchte ich mein Label dazu nutzen, unsere wunderschöne Kultur zu zeigen.

Heute können wir glücklich sein, in Freiheit auf diesen großartigen Inseln zu leben, dort, wo das Leben schön ist. Wenn du die Welt bereist, wirst du feststellen, dass unsere Kultur einmalig ist. Wir sind großzügige Menschen, lebensfroh und haben einen ausgeprägten Sinn für Solidarität. Diese Stärke ist ein Teil von mir. Das motiviert mich, mein Land zu unterstützen und meine Leidenschaft zu leben.

Ich hoffe, dass ich die Polynesier*innen, die Welt dazu ermutigen kann, zu träumen und ihnen die Mittel geben kann, es tatsächlich zu schaffen. Das Leben ist es wert, gelebt zu werden – und es gibt keine bessere Belohnung als die, eine ganze Nation stolz zu machen."

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Kleid: My Dear Tahiti (aus Muscheln und schwarzen Perlen) Fächer: Mama Fauura Creations (aus Kokosnussschalen und Griffen aus Muscheln)

"Dieses Kleid hat in der Herstellung drei Wochen gedauert und repräsentiert die Inseln Tuamotu und Gambier. Ich hatte einen Traum von einer Sirene, die im Pazifik sitzt, nur moderner, eleganter."

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Top und Shorts: My Dear Tahiti (aus Pupu-Muscheln) Schmuck: Tropical Luxury

"Die berühmten Pupu-Muscheln sind klein, orange, weiß und gelb. Man findet sie in der Erde der Insel Raivavae. Es ist schwer, sie überhaupt zu finden und zu kultivieren. Und dann müssen sie noch sortiert und gesäubert werden, bevor man sie zu den traditionellen Ketten verarbeitet."

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Kleider: Arona Paris (aus Móre)

Karl Wan, 29, Designer Arona Paris

"Obwohl ich bereits seit zwei Jahren in Frankreich lebe, spielt die polynesische Kultur in meiner Arbeit eine große Rolle – ich vermisse meine Heimat sehr. Móre ist eine natürliche Faser, die häufig in polynesischen Trachten genutzt wird. Móre ist stark und elegant und erlaubt mir, meine DNA zu bewahren. Es zeigt, wer ich bin. Wenn es um Mode geht, ist es besser, meine eigene Sprache zu sprechen."

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Teani Liu, 36, Stylistin

"Alles an der tahitianischen Lebensweise wurde von weißen, religiösen Männern verboten. Unsere Tänze waren ihnen zu sexuell, unsere Kleider zeigten zu viel Haut, traditionelle Tattoos waren gottlos.

Weit entfernt von anderen Ländern, dabei der Natur jedoch so nah zu sein, hat uns dazu gebracht, innovative, natürliche, unbekannte Materialien zu entwickeln und ihnen einen praktischen Nutzen in der heutigen Welt zu geben."

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Matani Kainuku, 45, Leiter der Nonahere International Dance Group

"Traditionelle Kleidung und Trachten sind dafür gemacht, dass die Träger*innen der mana ihre Ehre erweisen. Sie können Macht, Prestige und die Fülle der Natur heraufbeschwören. Oder sie erzählen Geschichten von Partys, Liedern und Tänzen über Liebe, moralische Freiheit und Verführung.

Trachten müssen eine Verbindung zu einem Konzept, einer Legende oder Idee haben und sollen dafür genutzt werden, diese durch das Tanzen auszudrücken. Wenn wir eine Idee ausdrücken wollen, werden die Trachten die Künstler*innen dabei unterstützen. Wenn wir uns auf die Körperbewegung und den Gesichtsausdruck konzentrieren wollen, müssen die Kostüme genau dafür geeignet sein und den Tänzer*innen bei ihren Bewegungen helfen, ihre Emotionen betonen."

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Kleid: GaëlleF (zeigt Laserprint polynesischer Blumen) Kette: Mama Fauura Creations (aus roter Koralle)

"Die Farbe Rot ist die Farbe des 'ura. Ein roter Vogel, dessen Federn nur von den mächtigsten Anführern getragen wurden, die ari'i. Rot repräsentiert die mana von Macht und Königtum.

Gelb steht für die Sonne und ist die Farbe des Lebens, oder ora. Jede Farbe stammt von einer Pflanze und wurden mit den Samen polynesischer Pflanzen gefärbt. Die Farben müssen zu einer Geschichte, einem Konzept, einer Idee, einer Legende des Landes passen."

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Manu de Schoenburg, Producer

"Bevor die Europäer auf den Inseln eingetroffen sind, wurden die Marae Arahurahu von den Polynesiern als soziale, religiöse und politische Orte genutzt. Es waren heilige Plätze mit vielen Regeln – nur Angehörige der Königsfamilie und Priester durften den inneren Kreis betreten. Hier gab es religiöse Zeremonien, außerdem wurden Gaben an die polynesischen Götter überreicht."

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"Diese Stellen repräsentieren die Hinterlassenschaften der traditionellen polynesischen Kultur. Sie werden noch immer respektiert und ihre Regeln gefürchtet. Sie sind gewissermaßen ein lebendiges Erbe, genau wie die Kunst des Tätowierens oder die traditionellen Tänze."

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Kleid: Wardend 5 Necklace: Mama Fauura Creations (aus lokalen Burgo-Muscheln gefertigt)

Mama Fauura, 77, Schmuck Designerin und Unternehmerin

"Einige meiner ersten Inspirationen stammten aus dem Dorf Tautira, in dem ich aufgewachsen bin, meiner Kultur und den zwölf Jahren, die ich in Frankreich verbracht habe. Heute finde ich Inspiration in all meinen Begegnungen. Diese Muschel in dem Kleidungsstück ist typisch für Tahiti, sie wird Burgo-Muschel genannt. Du kannst die Burgos überall im tahitianischen Riff finden, doch vielen Menschen würden sie gar nicht auffallen. Sobald sie gesäubert sind, offenbaren sie jedoch all ihre Herrlichkeit – die schönen, perlenartigen Grüntöne.

Polynesier*innen wissen auch, wie jeder Teil des Kokosnussbaums verwendet werden kann. Diese Fächer gehören zur etwas dekorativeren und kreativeren Nutzung. Tänzer*innen waren dafür bekannt, den tahitianischen Kopfschmuck mit Niau Blanc, den jungen Blättern der Kokosnuss, zu dekorieren, um so einen atemberaubenden, visuellen Kontrast zu den gefärbten Muscheln und Samen zu kreieren."

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Outfit: Blossom (komplett aus Pflanzen und Blumen)

Krystal Vongue, 32, Designerin Blossom

"In der tahitianischen Kultur ist die Verwendung der Vegetation und Blumen eine Art zu leben und allen voran ein Zeichen, die Natur zu respektieren. Früher wurden sie für alles genutzt: Nahrung, Hausbau, Medizin, Bekleidung und sogar als Geschenke für die Zeremonien."

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Kompletter Look: Blossom (komplett aus Pflanzen und Blumen)

"Dieses Stück ist inspiriert vom Karneval in Rio. Ich wollte etwas Spektakuläres erschaffen und wunderschöne Blumen in unglaublichen Farben dafür nutzen. Ich habe mich für die Opuhi, eine traditionelle tahitianische Blume, entschieden. Das Rot der Blume steht für Königtum. Außerdem habe ich die Paradiesvogelblume verwendet, die ebenfalls typisch für Tahiti ist."

Credits



Creative Director/Styling: Alexander-Julian Gibbson
Fotografie: Emmanuel Monsalve
Assistenz: Lina Palacios, Teani Liu
Produktion: Manu de Schoenburg // Filmin' Tahiti
Make-up: Nadia Hilal
Haare: Mareva David
Models: Tia Wan + Hinaniui Campello BRAVE Models
Tänzer: NONAHERE Dance Group

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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