Paris (2), New York, 17 March 1993 © The Remsen Wolff Collection, owned by Jochem Brouwer

Bisher unveröffentlichte Fotos der 90er Drag- und Trans-Ikonen aus New York

20 Jahre lang schlummerten die fast vergessenen Schätze des verstorbenen Fotografen Remsen Wolff im Archiv.

von Lianne Kersten
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27 September 2019, 10:30am

Paris (2), New York, 17 March 1993 © The Remsen Wolff Collection, owned by Jochem Brouwer

Die Geschichte der ersten Begegnung zwischen Jochem Brouwer und Remsen Wolff liest sich wie ein Roman. 1990 arbeitete der 18-jährige Brouwer als Praktikant für ein Fotogeschäft in Amsterdam. Eines Nachmittags kam der amerikanische Fotograf Wolff in den Laden, unterhielt sich mit dem Besitzer und erzählte, dass er einen Assistenten suche. Brouwer war an diesem Tag zwar nicht da, zögerte aber keine Sekunde, als der Besitzer anrief und ihn fragte, ob er interessiert sei: Er stieg auf sein Fahrrad und eilte zum Laden. Der 51-jährige Fotograf lud Brouwer ein, für ihn in New York zu arbeiten. Dieser platzte fast vor Aufregung, aber seine Eltern wollten ihn nicht gehen lassen. "Wir gingen alle zusammen zum Abendessen, damit ich sie beruhigen konnte", sagt Brouwer. "Ich erinnere mich, dass mein Vater sagte 'Das ist zwar schön und gut, aber ich will erst einen Vertrag sehen.' Mir war das peinlich, aber Remsen stimmte zu. Er setze einen auf, in dem es hieß, dass ich einen Stundenlohn und eine bezahlte Unterkunft bekomme. Ich habe unterschrieben und kurz darauf ging es los."

Brouwer arbeitete fünf Jahre lang mit dem Fotografen zusammen; assistierte ihm bei seiner Strecke chronicling drag queens and transgender people, die er in Amsterdam und New York aufgenommen hatte.

1998 starb Wolff, doch die Zusammenarbeit zwischen den beiden war damit noch nicht vorbei. Brouwer erbte Wolffs gesamte Sammlung – 200.000 Fotos, vierzig Jahre Archivmaterial – und eine Aufgabe: die Präsentation seiner Werke in der Öffentlichkeit. Seitdem bewahrt Brouwer die Drucke und Negative in Ordnern auf. Sie füllen das Schlaf- und Wohnzimmer seiner Wohnung in Amsterdam-Nord.

21 Jahre später ist Wolffs letzter Wunsch endlich wahr geworden ...

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Amanda Lepore (2), New York, 7 February 1995 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Remsen Wolff ist trotz seines enormen Werks nicht wirklich bekannt. Kannst du uns ein wenig mehr über ihn erzählen?
Remsen war Fotograf und Dichter aus New York. Er wuchs in einer wohlhabenden Familie auf – Isabel Bishop, eine bekannte Malerin, war seine Mutter, sein Vater war Professor. Er selbst studierte Kunstgeschichte in Harvard und fotografierte bereits seit seinem zehnten Lebensjahr. Die Kamera war sein Anker, eine Art Rüstung, die ihm half, seine Platzangst zu bekämpfen und sich aus dem Haus zu wagen.

Seine Queerness war zeitlebens ein harter Kampf für ihn. Im Alter von vierzig Jahren hatte er sein Coming Out – er lebte damals mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern zusammen. Sein persönlicher Kampf inspirierte ihn dazu, sich ganz auf Gruppen zu konzentrieren, die sich auch anders fühlten. Er begann damit, Trans-Menschen und Drag Queens zu porträtieren, um ihnen eine Bühne zu geben.

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Constance, New York, 6 June 1992 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Die Fotos sind atemberaubend. Wie kommt es, dass Remsen nie berühmt wurde?
Das liegt vor allem an ihm selbst. Remsen lebte ein isoliertes Leben und war nicht gut darin, seine eigene Arbeit zu verkaufen. Ich würde ihn als intellektuellen Einsiedler bezeichnen. Seine Arbeit brachte nie Geld ein.

Warum war er so zurückhaltend?
Seine Vergangenheit spielte eine große Rolle – das habe ich erst später herausgefunden. In den 80ern lebte er in Texas, wo ihm zu Unrecht eine Reihe von Morden vorgeworfen wurde. Während einer Theateraufführung fand ihn die Polizei im Publikum – und nahm ihn mit. Aufzeichnungen seiner Verhaftung wurden kurz darauf im Fernsehen übertragen. Remsen galt später als unschuldig. Er verklagte den Kanal und erhielt eine Million Dollar Schadenersatz. Geldverdienen war ab diesem Zeitpunkt keine Priorität mehr; er konnte sein ganzes Leben der Fotografie widmen.

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Austine (1), New York, 31 July 1990 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Wie hast du reagiert, als er dir davon erzählt hat?
Ich war schockiert. Er hat es mir erst nach einigen Jahren erzählt. Ich habe aber immer gewusst, dass irgendetwas nicht stimmt. Wenn es um die Arbeit ging, war er ein großer Geldgeber. Er wohnte monatelang im American Hotel in Amsterdam, flog erste Klasse. Nach seinen Fotoshootings achtete er immer darauf, dass die Models die besten Snacks und Weine aus seinem Kühlschrank essen konnten.

Wie hat er seine Models kennengelernt?
Er platzierte Werbung in schwulen Zeitungen, traf seine Models durch Bekannte oder scoutete sie in Clubs wie The Webster, The Limelight und Tunnel. Wir gingen oft zusammen aus und trafen die fantastischsten, farbenfrohsten Charaktere. Doch Remsen fotografierte nicht nur irgendjemanden – ein echtes Interesse an der Person war für ihn entscheidend. Im Fokus seines Projektes stand immer eine Geschichte, er war wirklich interessiert daran, was die Leute gemacht haben.

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Clare Scandelle, New York, 8 August 1994 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Gibt es Modelle, die dir immer in Erinnerung geblieben sind?
So viele von ihnen. Als ich 21 Jahre alt war, traf ich Kabuki Starshine in einem Club. Ich werde nie vergessen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Wir durften sie fotografieren; kurz darauf wurde sie von Thierry Mugler gescoutet. Später wurde Kabuki die Visagistin von Sex and the City. Die Tatsache, dass wir in einem so frühen Stadium ihrer Karriere zusammenarbeiten konnten, bleibt für mich etwas Besonderes.

Das Leben in New York in den 90ern muss interessant gewesen sein. Wie hast du das damals als 18-Jähriger erlebt?
Ich habe das Beste aus diesen Jahren gemacht, aber es war auch eine turbulente Zeit. Während die 90er in Europa relativ schwulenfreundlich waren, wurde New York von Gay Basher überschwemmt: Menschen, die grundlos schwule Männer verprügeln wollten. Als ich ankam, gab mir Remsen als erstes eine Pfeife. Sie waren üblich in der Community, damit jeder auf sich aufmerksam machen konnte, falls er sich bedroht fühlte. Er erfüllte damals eine Art Vaterrolle für mich.

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Kabuki Starshine, New York, 29 April 1993 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Hast du ihn als Vorbild gesehen?
In gewisser Hinsicht, ja. Er hatte neben meinen Eltern den größten Einfluss auf mein Leben und hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Er gab mir Selbstvertrauen. Obwohl ich erst 18 Jahre alt war und New York nicht gut kannte, gab er mir viel Verantwortung. Ich habe alles für ihn organisiert: Dreharbeiten, Materialien, sogar Upgrades für bessere Hotelzimmer. Alle paar Jahre juckte es ihn unter den Fingern, seine Umgebung zu verändern, also half ich ihm, in ein neues Viertel in New York zu ziehen. Er war ein wenig weltfremd. Ich wurde sein Sprachrohr, derjenige, der die Dinge für ihn in der realen Welt regelte. Er sagte immer: "Effizienz Jochem, immer Effizienz." Dieser Satz schießt mir selbst heute noch durch den Kopf.

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Miss Guy, New York, 29 January 1991 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Nach seinem Tod überließ er dir plötzlich die größte Verantwortung aller Zeiten.
Kein Zweifel. Er hinterließ mir sein gesamtes Werk, eine Tasche mit Geld und die Mission, seine Werke der Welt zu zeigen. Am Anfang war es hart: Erst 2001 gehörte das Archiv wirklich mir, da seine Töchter das Testament angefochten haben. Nach dem 11. September war in Amerika niemand mehr an den Fotos interessiert. Ich schätze, die Welt war noch nicht bereit für seine Arbeit. Ich konnte Remsens Auftrag nicht ausführen und war lange Zeit enttäuscht. Remsen ließ nur wenige Menschen in sein Leben. Er war etwas Besonderes für mich, sowohl als Menschen als auch Fotografen.

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Paris (1), New York, 17 March 1993 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Warum glaubst du, ist die Welt nun endlich bereit für seine Arbeit?
Seine Serie umfasst Themen, die bis heute relevant sind. In den letzten Jahren haben Anliegen wie Anti-Rassismus und die Repräsentation der LGBTQI+-Gemeinschaft große öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Remsens Arbeit aus den 90er Jahren ist wichtig im Hier und Jetzt. Seine Fotografie ist ehrlich und wohlüberlegt. Ich habe nie an dem Wert seiner Arbeit gezweifelt. Ich musste nur zwanzig Jahre lang Geduld haben, bis andere ihn auch erkannt haben.

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Christian Womyn II, New York, 10 April 1994 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer
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Misstress Formika, New York, 16 March 1992 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer
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James, New York, 15 June 1991 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer
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Eric Pelka, New York, 11 September 1994 © The Remsen Wolff Collection, im Besitz von Jochem Brouwer

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unseren Kolleg_innen aus der niederländischen Redaktion.

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