Photo by Don Emmert/AFP via Getty Images.

Wie Klimapositivität die Modeindustrie revolutionieren könnte

Der neue Begriff, eingebracht von der Slow Factory Foundation, propagiert anpassungsfähige Lösungen statt leerer Nachhaltigkeitsversprechen.

von Laura Pitcher
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27 März 2020, 5:00am

Photo by Don Emmert/AFP via Getty Images.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Nachhaltigkeit in der Modeindustrie gerade eine massive Konjunktur erlebt. In ihrem letztjährigen Jahresbericht verkündete die globale Mode-Suchplattform Lyst, dass Suchanfragen, die Stichworte im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit beinhalten, um 75% angestiegen sind. Es gibt sogar eine Studie, wonach über ein Drittel aller Befragten auf Grundlage ihrer umweltlichen und sozialen Werte “aktiv von ihrer bevorzugten Marke auf eine andere umsteigen”. Diese neu gefundene Liebe zur Umwelt hat indes noch wenig Wirkung auf die Industrie im Ganzen gezeitigt. Wir konsumieren und werfen mehr Outfits weg als je zuvor, und die projektierten Budgets der Modeindustrie weisen darauf hin, dass sie bis zum Jahr 2050 für ein Viertel des weltweiten Klimabudgets verantwortlich sein könnte.

Aus diesem Grund schlägt die Slow Factory Foundation, eine gemeinnützige Organisation für soziale und Umweltgerechtigkeit, einen neuen Begriff vor, um Nachhaltigkeit zu ersetzen: “Klimapositivität”. Fast Company definiert das als “eine Aktivität, die über die Minimierung des Netto-CO2-Ausstoßes hinausgeht, um vielmehr einen echten Nutzen für die Umwelt zu produzieren, indem sie zusätzliches Kohlendioxid aus der Atmosphäre absorbiert.” Die Slow Factory Foundation beschreibt es auf Instagram als “Rückkehr zu unseren Wurzeln eines harmonischen Lebens mit der Natur”.

Céline Semaan, Executive Director der Slow Factory Foundation, glaubt, der neue Begriff und der Denkprozess, den er anregt, sind “nächste und notwendige” Schritte, um den CO2-Fußabdruck der Modeindustrie zu problematisieren. Sie hofft Lösungen anzuregen, die über das schwammige Gerede von nachhaltiger Mode hinausgehen; Lösungen zumal, die skalierbar sind. “So wie es heute steht, wird nachhaltige Mode immer mehr zum leeren Schlagwort, das nichts bedeutet”, sagt Semaan gegenüber i-D. “Marken nehmen links und rechts Nachhaltigkeit für sich in Anspruch. Unglücklicherweise bleibt das oft an der Oberfläche stecken, in den Marketingdepartments; es sickert nicht tiefer hinein, bis zu den Wurzeln des Problems.”

Letzten Monat haben sich 400 Menschen am Times Center in New York für die fünfte Ausgabe des Slow Factory Study Hall Summit versammelt, wo Klimapositivität Thema und Zentrum aller Diskussionen war. Eine der Diskussionsteilnehmerinnen, die sich mit skalierbaren Lösungen auf wissenschaftlicher Grundlage beschäftigt, war Dr. Theanne Schiros, Dozentin am Fashion Institute of Technology (FIT). Dr. Schiros ist wissenschaftliche Beraterin von Algiknit, einer Biomaterial-Firma, die Wissenschaft und Design zum Zweck der Textilverarbeitung verbindet. Ihre Studenten am FIT arbeiten an einer Algen-basierten, Strickgarn-artigen Textilfaser, aus der Kleidung gewebt werden kann.

“Um Klimapositivität auf großer Stufenleiter denkbar zu machen, müssen wir über Anfänge und Enden nachdenken”, erklärt sie. “Wir müssen schnell erneuerbare Materialien einsetzen, die nicht nur biologisch abbaubar, sondern auch kompostierbar sind. Das System muss Frauen und historisch marginalisierte Communities miteinbeziehen.” Für Dr. Schiros und die Slow Factory Foundation sind Fragen der sozialen Gerechtigkeit, die mit den Umweltfragen der Modeindustrie verschränkt sind, der Schlüssel, um Klimapositivität zu erreichen.

Dr. Schiros denkt, dass die Versprechungen hinsichtlich nachhaltiger Mode, die von Moderiesen derzeit ausgegeben werden, nicht ausreichen. “Was meinst du mit nachhaltig? Wenn dich jemand fragt, wie deine Ehe läuft und du sagst ‘nachhaltig’, dann wird die Antwort lauten, ‘das tut mir aber leid’”, sagt sie. “Was erhalten wir? Oder überleben wir gerade mal so? Mit all den Werkzeugen der Wissenschaft und all den Daten, über die wir verfügen, wissen wir, was zu tun ist. Und das ist Klimapositivität.” Ihr besonderes Interesse ist, das Genie der Natur, zum Beispiel auf mikrobieller Ebene, für menschliche Zwecke zu adaptieren; Inspiration dafür holt sie sich bei indigenem Wissen.

Sie ist nicht die einzige, die argumentiert, dass die Wissenschaft bereits die Antworten bereithält für einige der größten Herausforderungen, die uns hinsichtlich des Klimawandels und der ökologischen Katastrophe bevorstehen. Die Meeresbiologin Dr. Ayana Elizabeth Johnson spricht mit Leidenschaft über das Potenzial der Ozeane zur langfristigen Bindung von Kohlenstoffen aus der Atmosphäre, und zur Energieerzeugung etwa durch Hochseewindparks. “Wir denken viel darüber nach, wie die Ozeane durch die Effekte des Klimawandels erschüttert werden, hören jedoch selten, dass sie außerdem ein wichtiger Teil der Lösung sein könnten”, sagt sie. Für Dr. Johnson gehört dazu die Tatsache, dass küstennahe Ökosysteme fünf mal mehr Kohlendioxid absorbieren als der Regenwald, und dass erneuerbares Farming im Ozean (von Meeresalgen, Austern und Muscheln) tatsächlich zur Gesundheit des Ozeans beiträgt.

“Für mich bedeutet Klimapositivität zu verstehen, dass wir die Lösungen, die wir brauchen, bereits besitzen. Wie verfügen über das Wissen, den Verkehr auf Elektrizität umzustellen und Elektrizität zu entkohlen, wir wissen um die Möglichkeiten erneuerbarer Land- und Wasserwirtschaft und von Wiederaufforstung, um Ökosysteme wiederherzustellen”, sagt sie. “Wir haben hunderte großflächige Klimalösungen. Das Positivitäts-Ding heißt für mich einfach: Lasst uns anfangen!” In der Study Hall rät Dr. Johnson den Teilnehmern, “professionelle Unruhestifter in unseren jeweiligen Branchen” zu werden, und ermutigt die Leute, ihre Stärken und Wissensgebiete in den Kampf für Klimagerechtigkeit einzubringen, anstatt alle danach zu streben, als Aktivisten sichtbar an vorderster Front zu stehen.

Marco Tedesco, ein Professor am Lamont-Doherty Erdobservatorium an der Columbia University, ist professioneller Unruhestifter im Bereich der Plastikforschung. Er erinnerte Teilnehmer daran, dass Mikroplastik bereits in der Arktis aufgefunden wurde; er glaubt, dass Klimapositivität das Plastikproblem der Modeindustrie angehen muss, da Kunststofffasern die Ölgewinnung antreiben. “Wir müssen einen nachhaltigeren Weg finden in puncto CO2, um Produkte herzustellen”, sagt er. “Dieser Weg wird über erneuerbare Materialien führen müssen und über alternative Energiequellen, und wir müssen uns mehr um Kohlenstoffbindung bemühen.”

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