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diese teenie-schlafzimmer aus den 90ern zeigen dir auch heute noch, was es bedeutet, jung zu sein

Das Kultbuch „In My Room: Teenagers in Their Bedrooms“ von Fotografin Adrienne Salinger aus dem Jahr 1995 erlebt gerade eine digitale Wiedergeburt. Warum interessiert es uns, welche Poster in den 90ern an den Wänden hingen?

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Juni 29 2016, 2:25pm

Rick V.

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Zu den besten Kollektionen von Christopher Shannon gehört die für Frühjahr/Sommer 2015. Von den Oversized-T-Shirts, -Windjacken und -Pullovern, die mit Cut-and-Paste-Applikationen und grafischen Collagen ergänzt wurden, träumen wir auch noch ein Jahr später. Was ihn inspiriert hat? Adrienne Salingers Buch In My Room: Teenagers in Their Bedroom, in dem Porträts von Jugendlichen in ihren Schlafzimmern zu sehen sind: Einige dekoriert mit Thrasher Tears und selbstgemachten Punkpostern, einige blau gestrichen und bis unter die Decke voll mit Stofftieren. Jedes Zimmer ist eine Ansammlung von Symbolen aus der Jugend. „Als ich In My Room entdeckt habe, hat mich fasziniert, wie die Leute ihre Zimmer eingerichtet haben. Wie sie die Wände mit Postern zugepflastert haben. Einfach wie sie versucht haben, diesen Raum zu ihrem eigenen zu machen und ihre eigene Identität zu finden", hat uns Christopher Shannon damals gesagt. „Ich glaube, dass wir diesen Rückzugsort nicht mehr haben, da wir jetzt sehr digitale Leben führen."

Diese Nostalgie für die Prä-Internetära ist es wahrscheinlich, was Salingers Bilder online gerade so beliebt macht. Tumblr und Pinterest sind voll mit ihnen: Virtuelle Plattformen, die versuchen das Echte nachzuahmen, auch wenn sie dabei doch sehr davon entfernt sind.

Ellen L.

Bereits in den 80ern hat Salinger begonnen, an der Fotoreihe zuarbeiten: Sie fotografierte amerikanische Schlafzimmer, von Seattle bis Los Angeles. Erst viel später in den 90ern in New York sind dann auch die Interviews dazugekommen, die ein wichtiger Teil bei In My Room werden sollten. „Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich genau das mache, das ich anderen vorgeworfen habe: dass sie nicht genug zu hören", erklärt uns Salinger, die mittlerweile an der University of New Mexico Fotografie unterrichtet. „Teenager bewahren alles, was ihnen gehört, in ihren Schlafzimmern auf. Das, was sie sind, verändert sich die ganze Zeit. Was an den Wänden hängt, steht auf gewisse Art und Weise, im Gegensatz zu dem, der sie in diesem Zimmer sind. Auch was sie sagen, steht im krassen Gegensatz zu", sagt Salinger. „Mich interessieren diese Widersprüche, die entstehen, wenn man herausfindet, wer man eigentlich ist."

Fred H.

Wieso hast du diese Teenager fotografiert?
Die Art und Weise, wie Teenager in den Medien immer auf Klischees reduziert werden, hat mein Interesse geweckt. Dabei wird vergessen, dass diese jungen Leute eine wichtige Entwicklung durchmachen. Es ist die letzte Zeit, in der man bei seinen Eltern wohnt. Man hat sehr starke Meinungen über die Welt, weil man noch keine Kompromisse eingehen muss. Mich interessiert außerdem, wie sich die Leute selbst durch diesen Raum identifizieren. Egal wie wohlhabend ihre Familie ist, die meisten Teenies leben auf 12 Meter mal 12 Meter. In der Mitte steht eine Lampe mit einer 60 Watt Glühbirne.

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Die Vielfalt der Teenager, ihrer Zimmer und ihrer Geschichten hat mich besonders fasziniert. So unterschiedliche Farben, Größen, einige sind straight edge, einige sind religiös und darunter ist auch eine alleinerziehende Mutter. Wie wichtig war dir diese Vielfalt bei der Fotoreihe?
Das ist keine Dokumentation, obwohl es vielleicht so aussieht. Aber ich glaube nicht wirklich daran, weil sie beinhaltet, dass es nur die eine Wahrheit und die eine Sichtweise gibt. Ich habe gar nicht versucht vorzugeben, dass ich einen Querschnitt durch alle Schichten mache.

Wie hast du diese Bandbreite an Leuten gefunden?
Ganz unterschiedlich. Ich bin ins Einkaufszentrum gegangen, wo unterschiedliche Gruppen von Teenagerinnen abhingen, ihr Ding gemacht habe und die Toiletten bevölkert haben. Da habe ich Leute gefunden und durch Mundpropaganda. Das war eine Kettenreaktion. Irgendjemand hat mich dann jemand anderem vorgestellt. Ich habe mich treiben lassen.

Donna D.

Erzähle uns mehr darüber, wie die Shootings in ihren Schlafzimmern abgelaufen sind. Einige halten ihre Musikinstrumente und andere ihre Haustiere in die Kamera.
Ich hatte eine Regel: Die Leute durften nicht aufräumen oder irgendetwas verändern. Ich habe mit jeder Person sechs Stunden verbracht, einschließlich eines zweistündigen Interviews. Mir war besonders wichtig, dass ich sie nicht hintergehe. Damit meine ich, dass es beliebt ist, so zu tun, als ob man als Fotograf Teil einer Gruppe ist. In Wahrheit werden die Bilder dabei aber von der Außenwelt her gedacht. Deine Macht zu missbrauchen und Fotos zu machen, die andere Leute herabsetzen. Dem widersetze ich mich ausdrücklich. Deshalb habe ich auch im Tageslicht fotografiert. Wenn man mit Blitz arbeitet, entsteht eine Innen- und Außenperspektive. Als Fotografin wirst du plötzlich zur Insiderin, während deine Motive der Außenseiter wird. Man möchte das Motiv für sein Publikum ins rechte Licht rücken.

Um sicher zu stellen, dass die einzelne Person die Kontrolle behält, ich aber auch scharfe Bilder erhalte, habe ich mit Fachkameras gearbeitet, deren Negative lange Belichtungszeiten haben: eine Viertelsekunde. Das ist zu lange, um still zu bleiben. Wegen dieser Viertelsekunde muss das Motiv aktiv am Prozess beteiligt werden. Ich habe sie gebeten, zu posieren, die Gestik beizubehalten und sich selbst zu kontrollieren. Deshalb haben ihre Blicke etwas Intensives, weil die Belichtung so lange gedauert hat. Das ist mein Ansatz gewesen, um verantwortungsvoll mit dem Machtwechsel umzugehen, indem ich die Macht abgegeben habe. Ich habe ihren Ansichten so weit wie möglich Raum gegeben.

Jason C.

Wie waren die Interviews?
Ich wollte eigentlich gar kein Buch daraus machen. Aber nachdem ich die Arbeiten einige Male ausgestellt hatte, wurde ich immer und immer wieder darauf angesprochen. Als es dann so weit war, habe ich jedes Wort transkribiert. Ich hatte von allen die Genehmigung dafür, trotzdem habe ich sie angerufen und ihnen gesagt, dass ich die Interviews kürzen muss. Ich habe sie gefragt, ob es irgendwas gibt, das sie gesagt haben, was sie nicht im Buch haben wollen. Alle wollten die Sex-Passagen nicht im Buch lesen. Ich finde es immer noch interessant, dass sie sich selbst zensiert haben. Sie haben so tolle Sachen erzählt. Sachen, die herzzerreißend, wundervoll und einfach fantastisch waren und die zeigen, dass Teenager sich für mehr als eine Schlagzeile eignen. Wir verändern uns, wenn wir älter werden, aber diese Zeit hat etwas sehr Direktes und Wahres, die Zeit bildet die Grundlage.

Gavin Y.

Es gibt die jugendlichen Unsicherheiten. Aber auch sehr starke Meinungen über Religion, Abhängigkeiten und Familie. Die Interviews unterstreichen, was die Porträts kommunizieren: Das sind selbstständig denkende Individuen.
Genau. Das sind Menschen. Dass Teenager auf eine Schlagzeile reduziert werden, ist so falsch.

Schön ist auch, dass die Geschichten sich nicht direkt um die Gegenstände an den Wänden drehen. In den Interviews kommen andere, manchmal auch unerwartete Facetten ihrer Persönlichkeit zum Vorschein.
Ja! Das ist genau der Punkt: Man schaut sich die Fotos an und man steckt die Jugendlichen gleich in eine Schublade: Er ist der Skateboarder und sie ist die Punkerin. Die Texte sind mir sehr wichtig, weil sie alles so verkomplizieren und sie im Gegensatz dazustehen, was man denkt, was man sieht. Die Leute sollen den Wahrheitsgehalt der Bilder hinterfragen. Ich möchte, dass diese jungen Leute ernst genommen werden. Ich respektiere sie sehr.

Lynne M. 

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Was für einen Einfluss haben diese Bilder?
Damals haben das Fernsehen und die Werbung das Bild von Teenagern mit Mythen und Klischees bestimmt. Diese Bilder sind mein Versuch gewesen, das zu ändern. Fünf Jahre nach der Buchveröffentlichung habe ich in Filmen und im Fernsehen Zimmer gesehen, die genauso wie die Zimmer ausgesehen habe, in denen ich fotografiert hatte. Und ich habe mir nur gedacht: „Warum habe ich dieses Projekt überhaupt gemacht." Jeder dachte das. Dann habe ich einen Regisseur getroffen, der an Projekten wie Breaking Bad beteiligt gewesen ist, und der mir gesagt hat, dass das Buch nach wie vor von Setdesignern benutzt wird. Es wurde so schnell aufgezogen und kopiert. Das war faszinierend und auch beängstigend, aber irgendwie auch cool.

Jeff D. 

Die Bilder erleben im Internet einen zweiten Frühling. Vielleicht liegt es daran, dass durch die Bilder deutlich wird, dass die Identitätsbildung in den 90ern greifbar war, während sie bei heutigen Jugendlichen mehr online passiert.
Es macht aber einen enormen Unterschied, ob man seine unterschiedlichen Identitäten auf digitalen Plattformen beschreibt oder jemanden in deinem Zimmer Fragen beantwortest. Der Druck, mehrere Identitäten im Internet zu konstruieren, ist ein anderer Druck, weil du man sich bewusst darüber bist, wie man gesehen wird. Man kann sein Selbst für jede Website kuratieren und das sogar mehrmals am Tag. Das erfordert ein Bewusstsein dafür. Man hat die Kontrolle über diese Person und versucht, daraus eine einheitliche Persönlichkeit zu formen. Mich interessiert nicht, wie sich jemand durch die Augen Dritter sieht. Mich interessiert Authentizität, die Irrungen und Wirrungen. Uns wird gesagt, dass das Erwachsenwerden bedeutet, dass wir diese einheitliche, widerspruchsvolle Persönlichkeit entwickeln. Das ist einfach nicht interessant, Punkt. Menschen werden durch ihre Widersprüche interessant, weil wir von so vielen widerstrebenden Dingen beeinflusst werden, die aufeinanderprallen.

Carlos C.

Mehr Informationen findest du auf ihrer Website.

Credits


Text: Emily Manning
Fotos: Adrienne Salinger

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