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Die Modewelt und ihre Liebe zu hässlichen Sneakern

Von unserer Schwärmerei für Rafs Ozweegos bis hin zu Balenciagas neuestem Modell, das eher an Gesundheitsschuhe für eine deutlich ältere Generation erinnert – wir haben versucht, herauszufinden, warum die Modewelt dem hässlichen Schuh die Treue hält.

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Aug. 22 2017, 12:46pm

Collage via i-D UK

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Fakt ist: elegante, minimalistische Schuhe sind leicht zu übersehen. In den letzten fünf Jahren wurden schlichte Silhouetten, dezente Farben und vielseitige Modelle auf dem Laufsteg immer mehr durch auffällige, klobige und knallbunte Schuhe ersetzt. Aber wie definieren wir diesen berüchtigten Sneaker, der "so hässlich ist, dass er wieder cool ist", und wem sollten wir dafür danken (oder auch nicht), dass er sich modetechnisch auch durch das gesamte Jahr 2017 zieht?

Die zur Zeit beliebtesten Sportschuhe erinnern uns stark an die Modelle, die man schon vor fast einem Jahrzehnt in den Läden gefunden hat — und wie gemacht für unsere kränkelnden Großeltern waren, um ihnen bei ihrer schlechten Haltung zu helfen. Mit ihren dicken Sohlen und breiten Schuhzungen waren sie die Verkörperung der gefürchteten Regel Komfort über Stil.


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Was einst als ultimative Modesünde erachtet wurde, ist heute ein wichtiger Bestandteil des modernen, disruptiven Outfits. Ursprünglich wurden die hässlichen Sneaker von Hypebeasts und sogenannten Mode-Goths getragen, jetzt haben diverse Marken unsere Vernarrtheit der 90er Jahre in auffällige, merkwürdig klobige Schuhe aufgegriffen und ihr ein frisches Haute-Couture-Makeover verpasst.

Im Grunde sind die Styles, die wir heute lieben, die Nischen-Schuhe von damals. Vom Buffalo-Sneaker bis hin zum Gothic-Dschungel-Boot war diese Ära die Brutstätte einer offenen Underground-Generation, deren Schuhe als Ausdrucksform angesehen wurden. Elemente des Stils wie beispielsweise die dicken Sohlen sind auch in der modernen Version erhalten geblieben.

"Diverse Marken haben unsere Vernarrtheit der 90er Jahre in auffällige, merkwürdig klobige Schuhe aufgegriffen und ihr ein frisches Haute-Couture-Makeover verpasst."

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Das kreative Wunderkind der Modewelt Raf Simons hat bereits mit dem kontroversen Schuhdesign geliebäugelt, bevor es irgendeinem Hypebeast überhaupt aufgefallen wäre. Zu Beginn seiner Karriere hat der Designer schlichte Silhouetten mit schrägen Elementen wie Schnallen und Riemen versehen. Damals waren die Statements in der Mode eher dezent, aber es war der Beginn der neuen Inkarnation des Sneaker-Designs, das zu seinem mittlerweile legendären und lukrativen Deal mit Adidas führen sollte. Obwohl er auch Adidas-Klassikern wie dem Stan Smith einen modernen Touch verliehen hat, war es vor allem das Revival des Laufschuhs Ozweego, das unsere Meinung über hässliche Sneaker komplett auf den Kopf gestellt hat.

Mit seiner gewölbten Plateausohle, den krassen Farbkombinationen und vielen Schichten aus Silikon, Wildleder und Mesh fühlt sich jedes Modell von Rafs Ozweegos seit seinem Debüt im Herbst/Winter 13 wie ein tragbares Kunstwerk an. Er ist in den 2000er Jahren zum Prototyp der hässlichen Sneaker geworden: begehrt, sofort erkennbar und in vielerlei Hinsicht unübertroffen.

Das hat andere Marken und Designer natürlich nicht davon abgehalten, auf den Erfolgszug des Ozweego aufzuspringen. Nachdem Raf entdeckt hat, welche große Nachfrage nach den klobigen Schuhen existiert, hielten die Treter in kürzester Zeit in so gut wie allen europäischen Modehäusern Einzug. Während die Hochburgen der Sportmode wie New Balance, Asics und Nike ihre Modelle überarbeitet haben, um sie der neuen Vorliebe der Verbraucher anzupassen, entwickelten die Luxus-Modelabels ein schönes und gewagteres Design.

Als Luxusdesigner sich dem Sneaker angenommen haben, kam selten etwas Weltbewegendes dabei heraus: schlichte und klare Silhouetten, die sich auf qualitativ hochwertige Materialien und raffinierte Schnitte konzentrierten. Ready-to-wear ist schon immer die Schnittstelle zwischen dem Verlangen des Labes nach guten Verkaufszahlen und dem Wunsch des Creative Directors, etwas Fantasievolles zu entwerfen, gewesen: Häufig setzt sich ersteres durch.

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"Vielleicht spiegelt unsere Vernarrtheit in eine so unpraktische – und oft extrem teuere – Schuhmode unsere Sehnsucht nach den guten alten Zeiten und den Trends von damals."

Das war aber nicht der Fall, als bei Balenciaga für die Herbst/Winter 17 Saison unter der Leitung von Demna Gvasalia der Triple-S Sneaker präsentiert wurde. Demna weiß, wie man neue Trends ins Leben ruft, doch seine verspätete Interpretation des hässlichen Sneakers hat auch diejenigen eines Besseren belehrt, die dachten,, der Trend sei bereits vorüber. Sein Design gab den Sneakern diesen besonderen Touch von Animes aus den Nullerjahren; so absurd, dass alle außerhalb der Modeblase den Hype nicht wirklich nachvollziehen und ihn deswegen nur belächeln konnten.

Was wiederum zeigt, wie wenig sie wissen: der Triple-S ist bereits jetzt ausverkauft. Und auch der kontroverse Sneaker Vetements x Reebok Insta Pump Fury, der ebenfalls von Demna Gvasalia designt wurde, war innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Bedeutet das jetzt, dass ihr in eurer Kleiderkiste aus den 90ern wühlen und eure Skechers rauskramen könnt, in denen ihr schon damals so cool ausgesehen habt wie heute? Vielleicht – denn die Kriterien, die einen hässlichen Sneaker von der Modesünde unterscheiden, sind uns immer noch nicht so ganz klar. Um bei dem Trend mitzumachen, haben auch Marken wie Fila ihre Plateauschuhe à la Spice Girls wieder auf den Markt gebracht. Es bleibt aber noch abzuwarten, ob diese Styles tatsächlich so begehrt sein werden, wie die der Designer.

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Doch auch hier spalten sich die Meinungen: In dieser Saison haben wir auf dem Laufsteg den Sneaker von Prada gesehen: den Cloudbust mit einer wogenden Sohle und einem zweifarbigen Klettverschluss. Je nach Geschmack ist es entweder ein Meisterwerk des disruptiven Designs oder das Merkwürdigste, das ihr je gesehen habt. "Ich habe die Zukunft gesehen", lästerte ein Redditor, als der Schuh präsentiert wurde, "und sie sieht grässlich aus."

Vielleicht spiegelt unsere Vernarrtheit in eine so unpraktische – und oft extrem teure – Schuhmode unsere Sehnsucht nach den guten alten Zeiten und den Trends von damals wieder. Wenn Raf Simons und Demna Gvasalia Sneaker-Fans allein durch die Ankündigung einer neuen Farbkombination glücklich machen können, sollten wir uns vielleicht doch alle ein Paar der Schuhe holen? Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, unsere Converse-Schuhe wegzuschmeißen? Wahrscheinlich nicht. Zwar dominieren die hässlichen Sneaker gerade wieder die Modeszene, doch bisher hat der Trend nie sehr lange angehalten. Es reicht ein einflussreicher Designer, der verkündet, dass wieder schlichte Schuhe in sind, und schon müssen wir die grellen Sneaker nach ganz hinten im Schuhregal verbannen. Genießt also lieber den Augenblick und rockt ganz selbstbewusst eure hässlichsten Sneaker, denn genau jetzt haben sie ihre Sternstunde.

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