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Was es bedeutet, im Jahr 2018 polnisch und queer zu sein

In einem Land, in dem 70 Prozent der Bevölkerung Homosexualität als unmoralisch betrachten, ist es ein Akt des Widerstands, queer zu sein. Wir haben mit zehn Kreativen aus Polen über die LGBTQ-Community gesprochen.

von Ryan White; Übersetzt von Michael Sader
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Mai 25 2018, 10:12am

Foto: Kinga Michalska

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Polen gehört zu den sieben Ländern der EU, die die gleichgeschlechtliche Ehe immer noch verbieten, und zu der Gruppe der fünf, in denen nicht einmal gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften zugelassen sind. Die polnische Verfassung garantiert LGBTQ-Menschen nur wenige Grundrechte. Auch nach 29 Jahren Demokratie in Polen ist die lokale Community weit davon entfernt, unter denselben Freiheiten zu leben wie ihre heterosexuellen Mitbürger.

Mehrere Umfragen zur Akzeptanz homosexueller Männer und Frauen sowie Transgender in Polen zeichnen ein deprimierendes Bild. Im Jahr 2008 stellte das Centre for Public Opinion Research fest, dass 69 Prozent der befragten Polen der Meinung sind, dass Schwule und Lesben ihre Sexualität nicht offen in der Gesellschaft ausleben dürfen. In einer jüngeren Umfrage des Marktforschungsunternehmen IPSOS sprachen sich 80 Prozent der Befragten gegen Adoptionsrechte für gleichgeschlechtliche Paare aus. Diese Einstellungen, kombiniert mit einer Regierungspartei, die traditionelle Werte propagiert, und dem Einfluss der katholischen Kirche lassen wenig Hoffnung aufkommen, dass sich etwas in unmittelbarer Zukunft verbessern wird.


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Aber wie in vielen Ländern emanzipieren sich junge Menschen auch in Polen von den angestaubten Ansichten der älteren Generationen. Sie sind der Funken Hoffnung und sorgen für den nötigen Optimismus. Die Palikot-Bewegung – die Partei wurde 2011 mit dem Ziel gegründet, die gleichgeschlechtliche Ehe in Polen einzuführen – gewann bei den letzten Parlamentswahlen 40 Sitze im Unterhaus des polnischen Parlaments. Mit Robert Biedroń gibt es zum ersten Mal einen offen schwul lebenden Bürgermeister in Polen. Und auch die Kunstszene macht mit. Kampagnen wie "Niech nas zobaczą" ("Lass sie uns sehen") – eine Fotoserie mit Bildern von schwulen und lesbischen Paaren, die 2003 öffentlich auf Plakaten gezeigt wurden – hat einmal mehr bewiesen, dass Kultur- und und Kunstschaffende sehr wohl Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen können.

In der neuen Gruppenausstellung Queer Gaze from Poland: A Portrait of Love and Desire präsentieren zehn Künstler ihre Interpretationen davon, was das Thema für sie persönlich bedeutet. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, was es für sie heißt, im Jahr 2018 polnisch und queer zu sein und was ihnen Hoffnung für die Zukunft gibt.

Mateusz Grzelak, Vlad, 2017

Mateusz Grzelak

"Polnisch, jung und queer zu sein, bedeutet, dass du auf der Straße dafür gemobbt wirst, weil du mit deinem Freund unterwegs bist – oder im Internet, weil du queere Kunst veröffentlichst. Queer-Sein in Polen bedeutet, anders und Teil einer unerwünschten Minderheit zu sein. Optimistisch stimmen mich die Menschen, die Veränderung wollen. Liebe ist für mich ein tiefsitzendes Gefühl. Es geht um Vertrauen und natürlich darum, Verlangen und Leidenschaft mit einem anderen Menschen zu teilen."

Mateusz Cyrankowski, Untitled Series, 2012-2015

Mateusz Cyrankowski

"Polnisch, jung und queer zu sein, bedeutet, in einem Zustand ständiger Anspannung zu leben. Die polnische Gesellschaft ist gespalten. Die Kirche und die politische Rechte wollen das Land zurück ins 19. Jahrhundert führen. Doch Homophobie gibt es im gesamten politischen Spektrum – links wie rechts.

Ich blicke optimistisch in die Zukunft, weil sich gerade eine LGBTQ-Community formt und ihre Identität und Stärke findet. In ganz Polen gibt es Demonstrationen für mehr Gleichberechtigung. Mit Robert Biedron existiert zum ersten Mal ein Politiker, der offen schwul lebt. Außerdem kämpfen viele Frauenrechts-Organisationen auf der Straße für die Rechte von Frauen."

Agata Kalinowska, Untitled, 2017

Agata Kalinowska

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"Polnisch, jung und queer zu sein, ist heute einfacher als 2006 – das Jahr, in dem ich mich geoutet habe. Heutzutage kannst du als queerer Mensch gut in den Großstädten leben: Wir haben jetzt sogar Schwulenbars. Doch es gibt immer noch die Fußball-Hooligans und die sogenannten Patrioten, die denken, dass sie polnische Werte verteidigen müssen.

Die LGBTQ-Community besitzt viel kreative Kraft. Wir sind wirklich gute Modedesigner, Fotografen, Musiker und Schriftsteller, und halten die Kultur frisch und lebendig. Um das zu erreichen, musst du dir aber Raum erkämpfen. Der gemeinsame Kampf für unsere Rechte hat uns einander nähergebracht. Wir empfinden mehr Empathie füreinander und dank der sozialen Netzwerke kann uns die Regierung auch nicht aufhalten."

Krystian Lipiec, from the Between Us series, 2012

Krystian Lipiec

"Polnisch, jung und queer zu sein, bedeutet nicht viel, um ehrlich zu sein. Mein Alltag dreht sich um ganz banale Dinge wie Arbeit, meine Wohnung, Rechnungen und Steuern. In diesem alltäglichen Kampf vergesse ich manchmal sogar, dass ich nicht die gleichen Rechte habe wie die heterosexuelle Mehrheit. Doch dann will mich mein Freund in der Öffentlichkeit umarmen und mir seine Zuneigung zeigen. Ich versteife aus Angst, weil es nicht sicher ist. Ich möchte das natürlich erwidern, fühle mich aber gleichzeitig wie gelähmt."

Oiko Petersen, Markus at Großer Alpsee (Allgäu, Summer 2015) from I now accept hope series, 2016

Oiko Petersen

"Was polnisch, jung und queer zu sein, bedeutet, kann ich gar nicht beantworten. Ich bin nicht mehr so jung und ich lebe jetzt in Berlin. Hier wird es einem definitiv leichter gemacht, queer zu sein. Angesichts der politischen Entscheidungen, die die Mehrheit der Polen in den letzten zwei Jahren getroffen hat, erscheint es mir irgendwie beschämend, mich im Jahr 2018 als polnisch zu bezeichnen. Ich habe diese Entscheidungen nicht getroffen, warum soll ich also die Verantwortung dafür übernehmen? Optimistisch stimmt mich die menschliche Fähigkeit zum Wandel."

Natalia Podgórska, Daniela and Santiago in Marylebone, autumn 2017

Natalia Podgórska

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"Polnisch, jung, und queer zu sein, bedeutet, alles über die Welt zu wissen und dir bewusst zu machen, dass es irgendwo auf der Welt Menschen wie dich gibt, die verfolgt werden. Und das in keinem weit entfernten Land, sondern vor unserer Haustür, in Russland. Dazu gehört auch das Wissen, dass unsere deutschen Nachbarn die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt haben. Meine Erfahrungen unterscheiden sich von denen der Leute, die in Polen aufgewachsen und dort geblieben sind. Kurz nach meinem 21. Geburtstag bin ich nach London gezogen. Ich komme zwar oft nach Warschau, aber ich kenne die Situation in Polen nur durch die soziale Medien.

Ich hoffe, dass es auch noch andere gibt, die von Hass und Angst die Nase voll haben. Mein Neffe ist für mich der Beweis dafür. Er ist so viel klüger als ich in seinem Alter."

Pamela Bożek, Ways to get pregnant, 2014

Pamela Bożek

"Polnisch, jung und queer zu sein, ist nichts Schlechtes, wenn du weiß, wie du damit umgehen musst. Viel ist noch im Fluss, aber es ist eine interessante Zeit, im Jahr 2018 queer in Polen zu sein. Ich war in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und habe ein Kind, war aber auch in einer Hetero-Beziehung. Der Unterschied war groß. Das waren zwei verschiedene Leben. Diese beiden Leben zu vergleichen, würde hier gar nicht reinpassen. Aber es ist einfacher als Frau, als Mutter, einen Mann zu lieben. Aber ich glaube immer noch an die Kraft der Bildung und auf Veränderungen."

Kinga Michalska, Guy and Jamaal, Montreal, Qc, 2017

Kinga Michalska

"Dass das Wort 'queer' immer häufiger in Polen verwendet wird, lässt mich für die Zukunft des Landes hoffen. Dass es Transgender gibt, die offen leben. Die Unterstützung durch meine Familie. Letztes Jahr habe ich das Queerowy Maj Festival in Krakau entdeckt. Durch das politische und progressive Programm konnte ich so viel lernen. Das Festival lebt vom DIY-Ethos und finanziert sich selber. Über zwei Wochen werden viele kulturelle, pädagogische, soziale und künstlerische Aktivitäten angeboten – und das kostenlos. Wir haben in Polen auch eine kleine, aber feine Drag- und Voguing-Szene, die mit jedem Jahr größer wird. Und zu wissen, dass die Zahl der Neo-Nazis, die die CSD-Demos angreift, mit jedem Jahr kleiner wird, lässt mich optimistischer in die Zukunft blicken."

Łukasz Rusznica, Untitled.

Łukasz Rusznica

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"Polnisch, jung und queer zu sein, bedeutet ... Ich bin nicht mehr jung, also hat sich für mich persönlich dieses Problem vor langer Zeit von selbst erledigt. Die gegenwärtige polnische Regierung mit ihrer Engstirnigkeit fördert die Unterdrückung von Polen. Diese vermeintliche Art des Polentums ist höchstproblematisch. Auf der anderen Seite sollten wir das Polnisch-Sein nicht dämonisieren. Ehrlich und authentisch zu bleiben, sind die Schlüssel dagegen. Entdecke deine unmittelbare Umgebung neu und setze dich mit den Menschen wie deinen Nachbarn auseinander. Und kein Dummkopf zu sein, hilft enorm viel dabei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen."

"Queer Gaze from Poland: A Portrait of Love and Desire" von Fresh From Poland kannst du dir noch bis zum 26. Mai im Bermondsey Project Space in London anschauen.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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