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Im Gespräch mit Maria Grazia Chiuri, der ersten Frau an der Spitze von Dior

In ihrem ersten Jahr als Kreativchefin bei Dior hat Maria Grazia Chiuri den feministischen Zeitgeist in ihre Kollektionen übersetzt. Als wir sie auf ihrer Reise begleiten, erfahren wir aber, dass dahinter auch ein wichtiger persönlicher Grund steckt.

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Aug. 23 2017, 1:10pm

Dieser Artikel erschien zuerst in i-Ds The Acting Up Issue , Nr. 349, Herbst 2017.

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Kein anderer Designer hat im vergangenen Jahr so viel Aufsehen erregt wie Maria Grazia Chiuri. Als sie letzten Sommer im Alter von 52 Jahren die kreative Leitung von Dior übernommen hat, gab es viel Beifall für die Entscheidung, endlich eine Frau an die Spitze eines renommierten Modehauses zu ernennen — gleichzeitig wurde aber auch viel über ihre Vision als unabhängige Designerin spekuliert. Vor Dior hatte sie ab 2008 zusammen mit Pierpaolo Piccioli für Valentino gearbeitet. Seit 1999 dann für das Modehaus Accessoires entworfen, und in den 90er Jahren war sie Teil des Design-Teams bei Fendi. Nun musste sie sich den Erwartungen ganz alleine stellen — sicherlich keine leichte Aufgabe. "Nein, nein, nein – darum habe ich mir überhaupt keine Sorgen gemacht. Was hatte ich schon zu verlieren? Nichts", sagt sie und bricht in ihr charakteristisch-warmes, italienisches Lachen aus. Das ist sie, die vernünftige und durchdachte Welt der Maria Grazia Chiuri. Schleimen wird mit einem genervten Augenrollen abgetan, Ehrlichkeit hat hier oberste Priorität. Das ist die Frau, die Valentino verlassen hat, als die Verkaufszahlen auf dem absoluten Höchststand waren und die Kritiker sich vor Lob über ihre leichte, puritanische Ästhetik nicht mehr eingekriegt haben. "Okay", sagt sie mit einem Achselzucken, "aber … das liegt in der Vergangenheit! Es war ein toller Job und das Team war großartig: ein fantastisches Erlebnis. Wenn man schon mal verheiratet gewesen ist, bedeutet das ja auch nicht, dass man deswegen keinen zweiten Ehemann haben kann", lacht sie. Ihr neuer Ehemann hat vor Kurzem seinen 70. Geburtstag gefeiert.

Die Rede ist aber nicht von Paolo Regini — einem Hemdenhersteller aus Rom, der ihr echter Ehemann und der Vater ihrer Tochter Rachele und ihres Sohnes Nicola ist — sondern von Christian Dior, der geschichtsträchtigen Marke, die sie jetzt leitet. Ihre erste Saison in dem bekannten Modehaus, das bisher immer nur von Männern geführt wurde, hat sie mit einer Kollektion mit Elementen aus dem Fechtsport, einem bodenlangen Tüll-Rock und einem weißen T-Shirt mit der Aufschrift "We Should All Be Feminists" eröffnet (das sofort ausverkauft war, bald aber wieder verfügbar für den stolzen Preis von knapp 500 Euro verfügbar sein wird). Durch diese Show wurde sie schnell als Aktivistin/Designerin betitelt. "Die Leute fanden, es sei etwas für die Zeit sehr Spezifisches, aber das ist nicht wahr", erklärt Chiuri und deutet auf den vergangenen Herbst an, der von Trump und seinen frauenfeindlichen Aussagen geprägt gewesen ist. "In diesem Augenblick wollte ich etwas sehr Persönliches ausdrücken, und gleichzeitig war es eben etwas sehr Globales. Das Thema war einfach überall." Im darauffolgenden Jahr sollte ihr klar werden, dass jede von dem Moderiesen Dior gemachte Welle weltweit zu spüren ist, während sie überall auf der Welt in die Fußstapfen von Christian Dior selbst trat — dem ersten Designer, der die Bedeutung einer modernen, globalen Marke verstanden hat — und das bereits 1947.

"Christian Dior hat sich sehr viele Gedanken über den Stil aller Frauen gemacht", sagt sie im April in Tokio, wo sie im Grand Hyatt in einer Jeans, einer Fechtjacke und dem oben erwähnten T-Shirt sowie riesigen Cocktail-Ringen an ihren Händen gemütlich auf einer Couch sitzt. In der japanischen Hauptstadt soll Chiuris Spring/Summer 17 Haute Couture Show erneut präsentiert werden, die ganz unter dem Motto Märchenwald steht. "Wenn man sich heute für Mode interessiert, ist man Teil einer Community", sagt sie. Während ihres ersten Jahres ist sie beruflich sehr viel gereist und konnte so die Gedanken und die weltoffene Philosophie von Mr. Dior nachvollziehen, als er damals alle Ateliers auf der Rue François 1er dazu aufgerufen hat, Mode für Frauen auf der ganze Welt zu machen. In einem Beduinenzelt in der Wüste Calabasas spricht Chiuri im Mai über die Fashionshow zur Cruise-Kollektion, die uns als nächstes erwartet. Es soll eine Art Umzug von Frauenrechtlerinnen werden, und sie sagt, dass es darin um Frauen gehen soll, die in Berührung mit den Naturelementen stehen. "Wir müssen auf unsere Instinkte vertrauen. Wir müssen uns selbst definieren und klar machen, was wir wollen", betont sie.

"Manchmal passt das Erbe eines Labels nicht zur echten Lebensweise der Frauen. Dann hat der Designer die Möglichkeit, die Tradition des Hauses auf moderne Weise zu interpretieren. Das versuche ich Tag für Tag umzusetzen." Im 70. Jahr von Dior scheint es mehr als passend, dass diese Herangehensweise von einer kreativen Frau stammt. "Ich bin eine sehr instinktive Frau. Ich denke nicht zu viel nach. Ich tue, was ich will", sagt Chiuri im Juli in ihrem Pariser Atelier wenige Tage vor der Präsentation ihrer — passenderweise unter dem Motto der Reise stehenden — Autumn/Winter 17 Haute Couture Show und der umfassenden Ausstellung in Les Art Décoratifs anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Modehauses. "Manchmal verliebt man sich in ein weißes T-Shirt, und manchmal ist einem eher nach einem wunderschönen Kleid." Chiuri glaubt an natürliche, globale und feministisch inspirierte Mode. Im Dior-Gebäude betritt sie ganz selbstbewusst einen leeren Konferenzraum, sie trägt eines dieser dramatischen Kostüme aus ihrer marineblauen Autumn/Winter 17 Kollektion, ihre Jacke hat sie ganz lässig offen gelassen. Sie sitzt am Kopf eines langen Tisches und muss plötzlich lachen.

In ihrem ersten Jahr als Kreativchefin bei Dior hat Maria Grazia Chiuri den weltweiten feministischen Zeitgeist in ihren Visionen umgesetzt. Als wir sie auf ihrer Reise von Tokio nach Calabasas und zurück nach Paris begleiten, erfahren wir aber, dass hinter ihrer Einstellung auch ein wichtiger persönlicher Grund steckt.

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"Du! Was machst du da?" Sie fuchtelt mit dem Finger wild in Richtung eines Platzes am Ende des Tisches und setzt ihr bestes zorniges Gesicht auf. Mit ihrem zurückgekämmten platinblonden Haar, dickem schwarzen Eyeliner und den vielen Ringen sieht sie voll und ganz aus wie der Boss im Haus. "Bin ich das?", überlegt Chiuri. "Da müsst ihr glaube ich die anderen fragen. Ich weiß ganz genau, was ich will, und bin, glaube ich, auch ein sehr umgänglicher Mensch, weil ich immer sage, was ich mir vorstelle. Ich trage hier eine große Verantwortung. Mode ist eine riesige Industrie, in der sehr viele Menschen beschäftigt sind. Mode ist ein wenig wie ein Traum, Mode ist schön, Mode macht Spaß — aber gleichzeitig ist es auch eine ernste Angelegenheit", sagt sie. "Maria Grazia kann gut zuhören, aber sie hat auch eine ganz klare Vision", schreibt uns Stephen Jones in einer E-Mail. Er ist seit 20 Jahren als Hutmacher bei Dior dabei, entwirft die Hüte für Chiuris Kollektionen und reist für internationale Shows mit ihr um die Welt. "Sie hat sehr ungewöhnliche Eigenschaften, denn sie hat die politischen und ethischen Ansichten sowie die Designphilosophie einer bestimmten Art von Designer, ist aber andererseits auch sehr produktorientiert, weil sie aus der Accessoires-Branche kommt", so Stephen weiter. "Es ist faszinierend — und für mich bisher einzigartig —, wie sie die beiden Bereiche miteinander verbindet. Sie probiert meine Hüte immer selbst an, um zu sehen, wie sie sich darin fühlt. Das hat zuvor noch kein Kreativchef gemacht. Obwohl sie wie eine Dame aus Rom aussieht, ist sie im Inneren ein kleiner Londoner Punk."

Chiuris charismatische und hübsche Tochter Rachele Regini, die in Chelsea lebt und an der Goldsmiths Kunstgeschichte studiert, sagt, dass ihre Mutter nicht die Art Designer ist, "die einfach an seinem Schreibtisch sitzt und den ganzen Tag lang Kleidung entwirft. Sie geht in die Fabriken, sie kennt auch die andere Seite der Mode." Beim Abendessen in Chinois im Juni, also am Abend vor ihrer Reise nach Rom, wo sie ihre Diplomarbeit über die zweite Welle des Feminismus schreiben will, trägt Rachele ein Bustier von Vivienne Westwood, das sie aus dem mütterlichen Kleiderschrank hat. Ihre Mutter, erinnert sich Rachele, hat ihre haselnussbraunen Locken vor zwei Jahren gebleicht, weil sie "sich selbst nicht mehr wiedererkannt hat", und hat bis zu ihrem 40. Lebensjahr kein Make-up getragen — jetzt ist der schwarze Eyeliner zu ihrem Markenzeichen geworden. Rachele hat das Gefühl, dass die Veränderung, die Chiuri zu Dior gebracht hat, Teil einer größeren, instinktiven Selbstveränderung gewesen ist.

Davon spricht auch Chiuri, wenn sie sagt, dass ihre feministische Kollektion für Dior eher persönlich als politisch gewesen ist. "Sie hat mit 52 ganz von vorne angefangen", sagt ihre Tochter. "Es geht um ihren persönlichen Weg als Mensch, um ihre Rolle als berufstätige Mutter; um ihre Kindheit in Rom und ihren Umzug." Als Chiuri den Job bei Dior angenommen hat, ist sie alleine nach Paris gezogen und hat ihren Mann nur an den Wochenenden in Italien besucht. "Sie hat vieles alleine durchgemacht. Vielleicht merkt man es ihr nicht an, aber ich habe das Gefühl, dass sie die Kollektion deswegen gemacht hat", erklärt Rachele. Es war Chiuri, die ihre Tochter dazu ermutigt hat, mit 17 nach London zu ziehen. Sie selbst hatte als junge Frau nicht dieselben Möglichkeiten und wollte ihren Kindern alle Freiheiten geben. "Jedes Kind muss sich von seinen Eltern verabschieden, wenn es frei sein will, sein eigenes Ding machen will, und es ist keine leichte Entscheidung", sagt Chiuri in Paris. "Ich habe viele Dinge erst sehr spät verstanden. Ich habe Rachele dazu gedrängt, nach London zu ziehen, weil ich wollte, dass sie frei ist — für italienische Familien ist das eher ungewöhnlich. Aber ich will, dass meine Kinder die Freiheit haben, zu den Menschen zu werden, die sie sein wollen."

"Sie hat mich und meinen Bruder immer wie Erwachsene behandelt", erinnert sich Rachele. "Wir waren immer bei den Gesprächen dabei. Sie war nie sehr streng mit uns. Sie hatte eher die Einstellung 'Ich tue, was ich tun muss, damit ihr tut, was ihr tun müsst.'" Chiuri wollte ihre Kinder ganz bewusst anders erziehen, als sie selbst erzogen worden war. "Meine Mutter ist verrückt — komplett verrückt — und sehr egozentrisch! Wahrscheinlich bin ich deswegen so schüchtern, weil ich sie viel zu egozentrisch finde. Sie blamiert mich, aber man kann sich seine Mutter ja nunmal nicht aussuchen", sagt sie und lacht herzlich. "Ich muss einen gewissen Abstand zu ihr halten, denn sie spricht mit jedem über mich, und ich würde trotz meiner Position gerne noch ein Privatleben haben. Sie erzählt jedem, der es hören will, alles über mich." Rachele beschreibt ihre Großmutter als fantastische Exzentrikerin, die früher selbst Schneiderin gewesen ist und hohe Erwartungen an ihre Tochter hatte. "Die erste Option war es, zu studieren, um einen guten Job zu haben, am besten als Ärztin oder Rechtsanwältin. Meine Eltern haben mich gezwungen, an die Uni zu gehen, aber das war nichts für mich… Ich sagte ihnen 'Ihr müsst mir erlauben, das zu machen, was ich machen möchte.' Es war unmöglich, da nein zu sagen."

Chiuri begann also ihre Karriere in der Modewelt als junge Designerin in Florenz, und sie erinnert sich noch gut an die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen auch aufstrebende Designer von heute zu kämpfen haben. Später, in Rom, habe sie Glück gehabt, ihre Kinder bekommen zu haben, als sie bei Fendi gearbeitet hat, was damals ein Familienunternehmen war, das von Frauen geleitet wurde. "Dort wussten sie, was es bedeutet, berufstätige Mutter zu sein." Seit Chiuri bei Dior die Zügel in die Hand genommen hat, ist ihre Tochter zu ihrer Muse und zu einer Art Beraterin geworden und begleitet sie auch auf den Reisen im April und Mai. In Tokio sagt Chiuri, dass sie ihre Kollektion eigentlich durch ein vom Kimono inspiriertes Kleid ergänzen wollte — aber Regini sagte nein. "Sie meinte, das sei 'kulturelle Aneignung'. Wir diskutieren oft über dieses Thema. "Ich liebe die afrikanischen und japanischen Kulturen… es ist eine tolle Möglichkeit, eine andere Kultur und die Menschen kennenzulernen. Wir müssen versuchen, andere zu verstehen." Mit 53 und als Kreativchefin einer der größten Marken der Welt sagt Chiuri, dass ihr größtes Privileg sei, dass sie sich keine Sorgen mehr machen muss. "Mit 22 war ich so ernst. Zuhause hieß es immer nur 'Du musst studieren, du musst eine Arbeit finden'. Und ich finde, dass Rachele jetzt auch viel zu ernst ist. Ich sage ihr immer 'Bitte, Rachele, lass' dir Zeit!' Jetzt, wo ich 53 bin, sage ich, OK, ich kann mich jetzt entspannen. Ich kann auf eine verspieltere Weise arbeiten." Bestes Beispiel: Nur zwei Tage vor ihrer zweiten Haute Couture Show hat die Designerin ihren Laden in der Rue François 1er geschlossen und ist auf ein Konzert von Depeche Mode gegangen.

Inmitten ihren bodenständigen Ready-to-Wear Kollektionen und den extravaganten Couture-Shows ist Maria Grazia Chiuri die Verkörperung der modernen Frau, für die sie ihre Kleider designt — romantisch aber eben auch pragmatisch. "Ich träume sehr viel vor mich hin, aber mir ist klar, dass ich realistisch sein muss, wenn ich überleben will", sagt sie mit ihrem großen italienischen Lächeln. "Ich würde gerne in einem Traum leben, aber das ist für mich unmöglich, weil ich lieber dabei zusehen will, wie meine Träume Wirklichkeit werden."

Credits


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Text: Anders Christian Madsen
Foto: Zoë Ghertner
Styling: Julia Sarr-Jamois

Haare: Marki Shkreli von Bryant Artists verwendet Marki Haircare. Make-up: Maki Ryoke von Streeters verwendet Dior. Setdesign: Spencer Vrooman. Fotografie-Assistenz: Caleb Adams. Styling-Assistenz: Bojana Kozarevic, Alexandra Bickerdicke und Megan King. Haar-Assistenz: Tanasia McLean. Setdesign-Assistenz: James Rene und Brian Steinhoff. Produktion: Connect The Dots. Casting Director: Angus Munro von AM Casting (Streeters NY). Model: Selena Forrest von Next.

Selena trägt Dior.

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