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Warum leiden plötzlich alle am Impostor-Syndrom?

Die Geschichte einer geheimnisvollen Krankheit, die ziemlich 2017 ist.

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Nov. 9 2017, 2:14pm

Tavi Gevinson. Foto: Petra Collins.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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Obwohl sie die Teenie-Bibel Rookie gegründet und Hauptrollen am Broadway gelandet hat, enthüllte Tavi Gevinson 2014, dass sie am Impostor-Syndrom leide. Die Schriftstellerin Schrägstrich Schauspielerin sagte sogar, dass das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, der “Fluch ihres Lebens” sei. Damit ist sie keineswegs alleine. Erfolgreiche Frauen wie Natalie Portman oder Lady Gaga haben ebenfalls zugegeben, dass sie das psychologische Phänomen gut kennen, bei dem sie sich fühlen, als hätten sie sich ihren Erfolg nicht hart erarbeitet, sondern erschlichen.

Heutzutage wird mit dem Begriff “Impostor-Syndrom” irgendwie ständig um sich geworfen, und das nicht nur von Stars. Junge Leute benutzen ihn gerne, wenn sie sich in einer Rolle nicht wohlfühlen, sei es im Beruf oder im Freundeskreis. Aber was genau bedeutet es eigentlich, wenn jemand sagt, er leidet am Impostor-Syndrom und warum scheinen es plötzlich alle zu haben?


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Der Begriff des Impostor-Syndroms wurde 1987 von den beiden Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes eingeführt. Sie hatten eine Gruppe von Akademikerinnen untersucht und herausgefunden, dass viele von ihnen das Gefühl hatten, ihren Erfolg nicht verdient zu haben. Sie verwendeten den ursprünglichen Begriff “Impostor-Phänomen”, um damit die “interne Erfahrung intellektueller Heuchler” zu beschreiben.

"Leute, die sich wie Hochstapler fühlen, fällt es sehr schwer, ihre Erfolge zu internalisieren”, erklärt Dr. Valerie Young, Autorin des Buches The Secret Thoughts of Successful Women, am Telefon. “Sie reden ihren Erfolg klein und sagen Dinge wie ‘ich hatte nur Glück‘ oder ‘mir wurde ja geholfen‘. Aufgrund dieser Gefühle haben sie Angst, entlarvt zu werden.”

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Während die Bezeichnung sich ernst anhört, wird sie nicht als psychologisches Syndrom oder medizinische Erkrankung aufgeführt. Es ist ein verinnerlichter Dialog, durch den die Leute denken, sie seien nicht gut genug, und tatsächlich leiden mehr Leute an dem Syndrom, als man vermuten würde. Schätzungen zufolge erleben es rund 70 Prozent aller Leute mindestens ein Mal in ihrem Leben.

Wie die amerikanische Website Jezebel betont, ist das Konzept des Impostor-Syndroms 2012 wieder aufgetaucht, nachdem die Sozialpsychologin und Harvard-Professorin Amy Cuddy während eines TED-Talks erzählt hat, dass sie sich manchmal wie eine Betrügerin fühlt und Wege aufgezeigt hat, dieses Problem bewältigen zu können. Ihre Rede, die über 43 Millionen Mal angeschaut wurde, hat die Zuschauer offensichtlich angesprochen. In den darauffolgenden Jahren haben Frauen wie die leitende Geschäftsführerin von Facebook Sheryl Sandberg oder Schauspielerin Emma Watson öffentlich über ihre Hochstapler-Gefühle gesprochen, ganz zu schweigen von den Hunderten jungen Menschen online.

"Viele meiner Freunde haben zugegeben, dass sie sich in ihrer eigenen Umgebung oft wie ein Betrüger fühlen. Ich habe mich zum ersten Mal im ersten Jahr an der Uni so gefühlt”, erklärt Nisa Dang, eine Schriftstellerin, die über ihre Erfahrungen mit dem Syndrom getweetet hat. “In dieser Zeit habe ich viele Leute kennengelernt, die mehr gereist sind und belesener und viel redegewandter als ich waren.”

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Als Clance und Imes ihre Forschung beendet hatten, stellten sie die Theorie auf, dass das Impostor-Syndrom eine ausschließlich weibliche Erfahrung sei, später aber stellte Clance klar, dass es vom Geschlecht unabhängig ist. Männer können diese Gefühle der Unzulänglichkeit ebenso entwickeln wie Frauen. Laut Dr. Young haben Frauen aber eine größere Tendenz, ihre Fehler zu internalisieren.

Das Problem mit dem Impostor-Syndrom ist, dass es oft als innere Schwäche dargestellt wird, die sich Leute eingestehen und bewältigen müssen. Neue Situationen und Umstände führen meistens zu Angst und Unsicherheit – das heißt aber noch lange nicht, dass du am Impostor-Syndrom leidest. Wirft man zu schnell mit diesem Begriff um sich, tut man gewissermaßen die Probleme ab, die diese Gefühlen verursachen.

In vielen Fällen sind sie auf diverse Umweltfaktoren zurückzuführen. Ist man beispielsweise nicht von Menschen umgeben, die einem ähnlich sind oder es bestimmte Vorurteile gegenüber der Ethnie, dem Alters oder des Geschlechts gibt, kommt schnell das Gefühl in einem auf, dass man nicht dazugehört.

Auch Dang hatte das Gefühl, dass der Mangel an Vielfalt an ihrer Uni dazu beigetragen hat. “Berkeley ist nicht gerade für seine ethnische Diversität bekannt. In meinen Kursen war ich eine der wenigen schwarzen Frauen”, sagte sie. “Diese Atmosphäre unterdrückt das Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit. Ich kam mir immer wie eine Außenseiterin vor.”

Frauen schreiben diese Selbstzweifel für gewöhnlich dem Impostor-Syndrom zu, was problematisch sein kann, weil wir dadurch nicht die patriarchalen und häufig auch rassistischen Kräfte dahinter erkennen.

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Doch abgesehen von der Umgebung können jungen Leute sich laut Dr. Young wie Betrüger fühlen. “Wenn man von Leuten umgeben ist, die einem ähnlich sind, und trotzdem nach dem verzerrten Regelwerk des Betrügers handelt, wird sich nichts ändern”, sagt sie. “Ich empfehle allen, das Thema Selbstzweifel zu normalisieren. Man muss sich selbst erlauben, in einer Lernkurve zu sein, in der es ganz normal ist, sich unsicher zu fühlen.”

Tavi Gevinson ist ihr Impostor-Syndrom relativ schnell wieder losgeworden. Einige Monate nach ihrer Enthüllung teilte die 21-Jährige mit, dass sie sich keine Sorgen mehr macht, als Betrügerin entlarvt zu werden. “Ich habe kein Problem mehr damit”, sagt sie. “Ich werde mich selbst nicht mehr mit der Frage quälen, ob ich etwas verdient habe oder nicht. Ich meine, ich habe dafür vorgesprochen und die Rolle bekommen. Fertig.”

Und falls du daran erinnert werden musst, dass alles gut werden wird, solltest du dir Kate Nashs Rat an Tavi Gevinson zum Mantra machen: “I'm a badass bitch from hell and nobody can fuck with me” – für Tavi scheint es funktioniert zu haben.

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