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warum die jeans schon immer eines der skandalträchtigsten kleidungsstücke war

Angesichts der neuesten Kontroversen über durchsichtige Jeanstaschen, Reißverschlüsse am Hintern und teuren Schlamm blicken wir zurück auf die Geschichte des indigoblauen Stoffes.

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Mai 5 2017, 9:15am

Image via @vetements_official

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Dieses Jahr hat es in der Modewelt bereits so einige Kontroversen um die Jeans gegeben. Gefühlt jede Woche gibt es einen neuen Trend, der unsere Moralvorstellungen und unseren guten Geschmack in Frage stellt. Von Jeans mit durchsichtigem Plastik an den Knien über Vetements Reißverschlüsse am Hintern bis hin zu überteuerten Jeans voller Schlamm — immer, wenn es für Jeans neue, außergewöhnlichere Ideen gibt, wird es kompliziert. Irgendwie verstehen wir es ja auch. Jeans sind der Fels in der Brandung, ein kleines Stück langlebiger, bodenständiger Stil in einer turbulenten Zeit.


Auch auf i-D: Wir haben uns mit der Modeikone unterhalten


In seinem Buch Jeans: A Cultural History of an American Icon schreibt James Sullivan, dass das Kleidungsstück mittlerweile "unglaublich viele Mythen und Ideale der amerikanischen Kultur" verkörpert. Doch ihr Einfluss beschränkt sich nicht nur auf den amerikanischen Kontinent. Über ein Jahrhundert hinweg sind sie zum Sinnbild der Jugend, Rebellion, Klasse und Sex geworden — Themen, die stets den öffentlichen Dialog angeregt und Empörung ausgelöst haben.

Doch trotz der neuesten Aufregung über skandalträchtige Designs macht ein Blick in die Geschichte der Jeans deutlich, dass sie in der Vergangenheit schon öfters Kontroversen ausgelöst haben. Eigentlich gilt: Je skandalöser und auffälliger das Design, desto besser passt es zu den ursprünglichen Wurzeln des Kleidungsstücks, denn zu Beginn ihres Lebens war die Jeans Teil der Arbeitskleidung von Cowboys und Farmhelfern im wilden Westen. Als sich dann das 20. Jahrhundert mit großen Schritten näherte, wurden die Leute, die Jeans trugen, immer mehr zu romantischen und rätselhaften Außenseitern verklärt. Und an der Ostküste wurden die Männer, die Jeans trugen, als entferntes Ideal der amerikanischen Männlichkeit angesehen.

Jeans haben erst begonnen, sich in den Mainstream einzuschleichen, als Teenager sie neu erfunden haben. Vorangetrieben wurde ihre Beliebtheit außerdem durch die Darstellung der jugendlichen Existenzangst in Hollywood-Filmen, in denen Stilikonen wie Marlon Brando in Der Wilde von 1953 und James Dean in . ..denn sie wissen nicht, was sie tun von 1955 die Jeans einem breiteren Publikum schmackhaft gemacht haben. In einem Interview mit BBC hat Lynn Downey, Archivarin und Historikerin bei Levi Strauss & Co, gesagt, dass von da an alle Kostümbildner in Hollywood die typischen Bad Boys in Jeans gesteckt haben.

James Dean auf dem Filmposter für ‚...denn sie wissen nicht, was sie tun' in Jeans. Bild via IMDB.

Auch in den 50ern wollte der Jeans-Hype kein Ende nehmen, und so wurden sie an vielen High Schools schließlich verboten — was sie natürlich nur noch begehrenswerter gemacht hat. Mary Ellen Snodgrass, Autorin von World Clothing and Fashion: An Encyclopedia of History, Culture, and Social Influence, hat gegenüber dem Online-Magazin Bustle gesagt: "Die Medien und fundamentalistischen Kirchen haben ‚unordentlich' gekleidete Teens damals als Gangmitglieder, Schulabbrecher und potenzielle Unruhestifter dargestellt." Sie erklärte: "Schulen und Unis haben die Jeans wegen der Assoziation mit gesellschaftlicher Entfremdung und Jugendkriminalität verboten, weil das alles das genaue Gegenteil zum konservativen ‚Mann im grauen Flanellanzug' war."

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Außerhalb der Schulhallen wurden sie auch als Uniform junger Soldaten, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen, betrachtet, die sich dem Traumbild des Familienvaters aus der Mittelschicht widersetzten. Diese ehemaligen GIs hatten keine Lust auf ein ruhiges Leben in der Vorstadt. Wie Downey anmerkt, "haben sie dem Establishment in den USA große Sorge bereitet, denn sie wollten sich nicht anpassen und trugen noch dazu Jeans."

Doch es waren nicht nur junge Männer, die in der Welt der Jeans für Aufruhr gesorgt haben. Als Levis 1934 die Lady Levi herausgebracht hat, hat Vogue den Stil als "wahren Chic des Westens" gelobt. Bereits seit den 1870ern haben Farmerinnen Jeans getragen, weil sie erkannt haben, wie praktisch und bequem die Hose ist. In den 1900ern sah man die Jeans dann auch immer öfters bei Rodeos an Cowgirls. Und auch wenn sich das aus unserer Perspektive nach dem vernünftigsten Outfit anhört, war es noch vor 117 Jahren für eine Frau sehr gewagt und radikal, Hosen zu tragen.

Bild via Levi Strauss.

Bis in die 1950er wurden Jeans für Frauen, wie die für Männer geschnitten. Als der Stil auch unter jungen Frauen an Beliebtheit gewonnen hatte, wurden schmeichelhaftere Designs für die weibliche Figur entwickelt. Es wurde leichter, an Jeans zu kommen, doch sie waren noch weit davon entfernt, ein Basic-Piece jeder Garderobe zu sein. Während Fotos von Audrey Hepburn oder Marilyn Monroe in ihren Skinny Cropped Jeans für uns der Inbegriff cooler Eleganz sind, hat die breite Öffentlichkeit die Hose damals als Beweis für den Verfall der weiblichen Moral gesehen. Looks, die heute als stilvoll gelten, wurden damals als schlampig angesehen.

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Bis Ende der 1970er Jahre waren Jeans ein ganz normaler Teil der Mode und wurden sowohl von Kindern, ihren Großeltern als auch von Jugendlichen getragen. Doch schon bald sollten sie ein weiteres Mal neu erfunden werden, denn die Designer setzten nun vor allem auf den Sex-Appeal der Hose. Marken wie Guess, Calvin Klein und Fiorucci haben in den folgenden Jahrzehnten die Jeans in der breiteren Kultur neu positioniert, sie der jüngeren Generation zugesprochen und ihr wieder einen rebellischen Touch verliehen. In einem Gespräch mit i-D hat Elio Fiorucci einst gesagt "Jeans haben die Welt verändert." Weiterhin erzählte er von dem Augenblick, in dem ihm klar geworden ist, dass Jeans einen wichtigen Teil von Fiorucci und somit auch von der ganzen Modewelt ausmachen würden: "Eines Tages fuhr ich mit meiner Frau im Auto durch Ibiza und zwischen den verstreuten Ferienhäusern sahen wir ein paar wunderschöne Frauen, die nur mit Jeans bekleidet ins Wasser liefen — ihre Jeans klebten an ihren Beinen, wodurch ihre schönen Beine und Pos betont wurden. Sie waren nicht einfach nur Frauen, sondern indigoblaue Statuen."

In diesem Augenblick kam ihm die Idee, dass "Frauen nicht länger Jeans tragen sollten, die für Männer designt wurden." Zusammen mit dem Aufstieg des Stretch-Jeansstoffes, der am Körper anlag, führte diese Idee zu einer indigofarbenen sexuellen Revolution. In den 80ern erinnerte Calvin Klein die Welt noch einmal daran, wie kontrovers Jeans sein können, als die damals 15-jährige Brooke Shields in einer Werbung provokant verkündete: "Nichts kommt zwischen mich und meine Calvins." In vielen Ländern wurde die Werbung damals verboten. 34 Jahre später hat Alexander Wang für Schlagzeilen gesorgt, als Anna Ewers sich für seine Jeans-Werbung vollkommen nackt auf einem Stuhl geräkelt hat, die Jeans auf Höhe ihrer Knöchel nur zu erahnen.

Doch auch im letzten Teil des Jahrhunderts sind Jeans nicht aus dem Fokus geraten, auch wenn das Interesse jetzt eher darauf gerichtet war, wie niedrig geschnitten und wie eng die Hosen sein konnten. Der Trend der Baggy Jeans hat seinen Ursprung in den 1960ern, doch erst in den 90ern, als Skater und HipHop-Künstler den Look für sich entdeckt haben, erreichte er seinen Höhepunkt. Als dann auch junge Männer nachzogen und die ersten Proteste besorgter Eltern folgten, fühlte man sich etwas an den Aufschrei aus den 1950er Jahren erinnert. Bei Frauen war die extreme Low Waist Jeans sehr beliebt, vor allem nach der Präsentation von Alexander McQueens mittlerweile ikonischer "Bumster"-Jeans aus seiner 93 Taxi Driver Kollektion. McQueen hat immer wieder betont, dass es ihm beim Design nicht darum ging, den Hintern zur Schau zu stellen, sondern eher darum, den unteren Teil des weiblichen Rückens optisch zu verlängern. Später hat er dem Guardian erklärt, dass es ihm "nicht wirklich um die Pobacken ging, sondern um das Ende der Wirbelsäule — das erotischste Teil eines jeden Körpers."

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Und obwohl er sein Design als Liebeserklärung an den weiblichen Körper gemeint hatte, waren nicht alle Leute Fans von diesem Stil. 2004 hat Derrick Shepherd, der Landesgesetzgeber von Louisiana, versucht, den Look per Gesetz zu verbieten, und ihn respektlos und obszön genannt. Wäre sein Gesetzesentwurf durchgegangen, hätte jeder, dessen Unterwäsche über der Hose rausgeguckt hätte, eine Strafe in Höhe von 500 US-Dollar zahlen müssen. Der Entwurf wurde jedoch vom Abgeordnetenhaus Louisiana abgelehnt; der niedrig-geschnittene, enge Stil wurde aber trotzdem unter medizinischem als auch moralischem Gesichtspunkt weiter diskutiert.

Ein Jahr vorher waren im Canadian Medical Association Journal nämlich ein Artikel erschienen, in dem behauptet wurde, dass die Jeans Druck auf einen Sinnesnerv ausübt, was zu Schmerzen und sogar zu Parästhesie führen könnte. Mehr als ein Jahrzehnt später, im Jahr 2015, wurde eine 35-jährige Australierin ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie aus ihrer Skinny-Jeans herausgeschnitten werden musste, weil ihre Waden angeschwollen und ihre Füße taub geworden waren. Es wurde bei ihr das sogenannte Kompartmentsyndrom diagnostiziert, das durch die Skinny Jeans noch zusätzlich verschlimmert wurde. Die Ärzte haben zwar betont, dass der Fall ziemlich außergewöhnlich und Skinny Jeans ungefährlich waren, dennoch folgte eine Flutwelle von Kommentaren, in denen der Jeans-Stil als gefährlich verschrien wurde.

Nach einem Blick zurück auf mehr als ein Jahrhundert nervenaufreibender, kontroverser, sexy und gefährlicher Jeans-Geschichte ist eine Sache klar: es gibt beim Tragen von Jeans kein richtig oder falsch. Sie gehören ebenso sehr zur Arbeitskleidung als auch zur High Fashion und können lässig-elegant als auch Ausdruck gesellschaftlichen Protests sein. Das Einzige, das die Ära noch stärker geprägt hat, als die Jeans selbst, ist die ganze Aufregung, die sie über die Jahrzehnte hinweg immer wieder ausgelöst hat und es wohl auch in Zukunft weiterhin tun wird.

Credits


Text: Wendy Syfret

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