Anzeige

Dieser Fotograf kämpft gegen das HIV-Stigma in der LGBTQ-Community

"Angst schützt dich nicht vor einer HIV-Infektion – Informationen und Wissen tun es."

|
Apr. 12 2018, 11:20am
Anzeige

"Ich bin ein offenes Buch", sagt Sam Stoich am Telefon. Er lügt nicht. Der in New York lebende Fotograf dokumentiert sein Leben als HIV-positiver, schwuler Mann ­­– die Höhen und die Tiefen. Seine Selbstporträts und die von engen Freunden und Partnern (einige sind ebenfalls HIV-positiv) zeigen eine ganz besondere Art der Sinnlichkeit und Verletzlichkeit. "Schweigen tötet", sagt Sam auf die Frage, woher er das Selbstbewusstsein nimmt, um gegen das Stigma zu kämpfen, das HIV nach wie vor umgibt. Er zitiert die Worte von den Postern der ACT UP-Gruppe, die Ende der 80er für HIV/AIDS-Aufklärung gekämpft haben. "Für mich hat Verletzlichkeit etwas unglaublich Starkes", so Sam weiter. "Ich bin ehrlich und möchte ohne Angst Seiten an mir erkunden können."


Auch auf i-D: Was Drag für junge Menschen heutzutage bedeutet


Sams Fotografien verfügen nicht alle über die gleiche melancholische Qualität; sie haben auch etwas Schönes an sich. Es sind sehr intime Aufnahmen – und genau das ist auch der Punkt: Er greift damit die Vorstellung auf, dass ein Leben mit dem HIV-Virus gleichbedeutend mit dem Ende von Romantik und des Glücklich-Seins sei. Seine Fotografien zeigen, dass HIV-positive Menschen ein erfülltes Leben führen. "Es gab große medizinische Fortschritte und HIV-positive Menschen können mittlerweile ein langes und gesundes Leben führen", sagt Sam. "Aber gleichzeitig gab es auch Rückschritte, wie wir wahrgenommen werden. Das HIV-Stigma ist nicht verschwunden."

Wir haben mit Sam über seine Fotoserie In A Red Room und sein Leben als HIV-positiver Künstler gesprochen.

Erzähl' uns mehr über deinen Hintergrund. Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich bin in San Francisco aufgewachsen und komme aus einer kreativen Familie. Ich musste von klein auf mit vielen Traumata kämpfen: meine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, meine Homosexualität und mit 19 wurde bei mir eine HIV-Infektion diagnostiziert. Die Kunst war für mich ein Weg, damit umzugehen. Anfangs haben mir noch viele Professoren geraten, meinen HIV-Status nicht öffentlich und erst recht nicht zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen. "Aus professionellen Gründen", wie sie sagten. Ich musste an die 80er und 90er denken, als der größte Slogan war: "Schweigen tötet". Dieser hat für HIV-positive Menschen bis heute nichts an Aktualität verloren. Dass mir meine Professoren gesagt haben, ich soll nicht darüber sprechen, hat mich nur noch mehr dazu motiviert.

Wie hat deine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte deine Identität in deiner Jugend beeinflusst?
Sie hat mich anders gemacht. Die Community, in der ich aufgewachsen bin, war sehr heteronormativ, weiß, reich und engstirnig. Das hat mich geprägt, weil ich es abstoßend fand. Ich habe ein Mitgefühl für all' diejenigen entwickelt, die durch solche Communitys ausgegrenzt und anders behandelt wurden.

Wie hast du von deiner HIV-Infektion erfahren?
Ich war 19, damals habe ich in West Hollywood gelebt. Die Ärzte haben mir gesagt, dass es drei Jahre dauern würde, um die Diagnose wirklich zu verarbeiten. Das hat gestimmt. Als Künstler habe ich auch solange gebraucht, bis meine Kunst über meinen HIV-Status auch wirklich gut war, weil ich mich zu dieser Zeit auch mehr für kommerzielle Modefotografie interessiert habe. Die HIV-Infektion hat das alles verändert. Ich habe sehr viel reflektiert und mich als Fotograf neu erfunden.

Wie kam es zu deiner Fotoserie In The Red Room?
Der Titel ist eine Allegorie. Seit der Diagnose habe ich das Gefühl, in einem roten Raum zu leben. Alles, was ich erlebe, und jede Begegnung mit anderen Menschen wird davon durchdrungen. Mit der Farbe Rot illustriere ich dieses Gefühl. Einige Fotografien zeigen meinen ersten Partner, der auch wie ich HIV-positiv ist. Wir haben uns viel mit Intimität zwischen zwei HIV-positiven Männern beschäftigt. In der Serie geht es aber auch um andere Menschen. Denn mein Status betrifft fast jeden Kontakt mit Mitmenschen. Ich habe viele Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, ein zweites Mal kennengelernt.

Anzeige

Wie hast du die Models gefunden?
Einige sind selbst HIV-positiv, von anderen werde ich inspiriert und wieder mit anderen erkunde ich einfach meine Sexualität.

Was für eine Rolle spielt Sexualität in deinen Aufnahmen?
Die Sexualität in meinen Fotografien ist bewusst und mit Bedacht gewählt. Als schwuler, HIV-positiver Mann wird meine Sexualität negativ gesehen. Dieses Stigmata will ich mit meiner Fotografie bekämpfen, indem ich meine Botschaft entgegenhalte: "Ich bin stolz auf meine Sexualität". Die Menschen haben Angst vor HIV-positiven Menschen, gerade wenn es um Sex und Dating geht.

Du machst viele Selbstporträts und zeigst gerne deine Gefühle und deinen Körper. Woher nimmst du dieses Selbstbewusstsein?
Ich dachte mir, dass ich andere Leute nicht nackt fotografieren sollte, wenn ich es selbst nicht mache. Seit ich mich und mein Leben ins Zentrum meiner Arbeiten gestellt habe, interessieren sich viel mehr Menschen dafür – viele kommen zu mir und wollen auch so dargestellt werden. Ich habe mir lange sagen lassen, wie ich mich fühlen soll, gerade was meine Sexualität angeht. Dass ich mich selbst fotografiere, gibt mir wieder die Kontrolle darüber, wie ich mich selbst sehe. Ich bin begehrenswert, weil ich einfach ich selbst bin.

Wie reagieren die Leute auf die Fotoserie?
Je mehr ich die Serie mit anderen teile, desto mehr wollen für mich vor der Kamera stehen. Ich schaffe einen Safe Space für diese Leute, so können sie ihre verletzliche Seite zeigen. Es gibt heute kaum noch Artikel über Menschen mit HIV. Die Geschichten in den Medien über HIV und AIDS haben mit dem Ende der 90er aufgehört. Ich merke, wie wichtig diese Arbeit gerade heute wieder ist. So viele melden sich bei mir und sagen, dass sie dankbar dafür sind.

Was schlägt dir als HIV-positive Person von der LGBTQ-Community entgegen?
Es gibt viel Stigmata. Der Hass wegen meines HIV-Status kommt nicht von Heteros, sondern von Leuten aus der Community. Er kommt online von Leuten, die Angst haben, mit mir Sex zu haben, weil sie denken, dass ich sie mit HIV anstecke. Ich kann die Sorge verstehen. Aber weil ich unter der Nachweisgrenze bin, bin ich nicht ansteckend. Nur weil jemand HIV-positiv ist, bedeutet das nicht automatisch, dass man von ihm auch HIV bekommt. Das wissen viele einfach nicht. Es herrscht viel Ignoranz in der Community, gegen die man arbeiten muss. Angst schützt dich nicht vor einer HIV-Infektion – Informationen und Wissen tun es.

samstoich.com

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

more from i-D