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wie lebt es sich im jahr 2017 als junger, politisch engagierter mensch in russland?

Wir sind auf die Straßen von Sankt Petersburg gegangen und haben junge Aktivisten kennengelernt, die sich für Veränderungen in Russland stark machen.

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Juli 10 2017, 11:05am

Dieser Artikel ist zuerst auf i-D UK erschienen. 

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Dieses Jahr sollte der Tag Russlands, der jedes Jahr am 12. Juni gefeiert wird, von einer Reihe patriotischer Demonstrationen geprägt sein. Die Realität hat leider anders ausgeschaut, was zu landesweiten Anti-Korruptions-Proteste geführt hat. Die Kundgebungen haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt, vor allem wegen der sichtbaren Präsenz Tausender Millennials. Aber warum ist Russlands junge Generation, die oft als gleichgültig oder unterdrückt bezeichnet wird, gerade jetzt auf die Straßen gegangen?

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Die Anzahl an Leuten, die an den Märschen teilgenommen haben, war überwältigend, wenn man bedenkt, dass die Teilnahme an einem Protest in Putins Russland ziemlich schlimme Konsequenzen haben kann. Seit 2004 muss jeder Marsch, jede Kundgebung und jede Demonstration von den Behörden genehmigt werden — und die, die nicht genehmigt werden und dennoch stattfinden, werden von Polizisten geräumt. Selbst auf Märschen, die zunächst genehmigt worden sind, wird oft hart gegen die Teilnehmer durchgegriffen, und Massenverhaftungen, bei denen die Polizisten nicht gerade zimperlich mit den Protestanten umgehen, sind in Russland traurige Realität. Wenn man festgenommen wird, muss man üblicherweise eine Strafe in Höhe von 10.500 Rubel (etwa 150 Euro) zahlen und wird bis zu 14 Tage lang im Gefängnis gesteckt. Aber gerade scheint es so, also wären all diese Gefahren es plötzlich wert zu sein. 

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Das steigende politische Bewusstsein junger Russen könnte als Teil des globalen politischen Erwachens gesehen werden. Gleichzeitig scheint ein Punkt erreicht zu sein, an dem sich die jahrelang aufgestaute Unzufriedenheit in politisches Engagement umgewandelt hat. Der Aufstieg des Oppositionsführers Alexei Navalny, der für seine Protestaufrufe gegen die Korruption der Regierung unter Putin bekannt ist, hat die Leute dazu ermutigt, sich der Bewegung anzuschließen. Viele junge Russen verstehen nach und nach, dass die Staatspropaganda rein gar nichts mit der Wahrheit zu tun hat und dass die wenigen Leute, die an der Macht sind, keinerlei Bezug mehr zur Realität haben. 

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum junge Russen auf die Straßen gehen, hat sich i-D in Sankt Petersburg mit jungen Menschen unterhalten. 

Lisa, 20, und Sasha, 21

Lisa: Wir haben dieses Jahr das erste Mal bei einem Protest mitgemacht. Wir sind Anhänger von Alexei Navalny, und echt froh, dass es endlich mal eine aktive Opposition gibt. Viele hier haben lange gedacht, Politik sei langweilig und dass sie sie nicht betrifft. Putin und Medwedew sind Teil eines veralteten Systems, aber Navalny und sein Team sprechen die Sprache der jungen Russen. Man kann sich mit ihnen identifizieren. Ich glaube, dass wir alles das Gefühl haben, dass es in Russland besser laufen könnte. Wir wollen ein besseres Russland. Es hat schon lange mehr keine Hoffnung auf Veränderungen gegeben, aber jetzt ist es so weit. 
Sasha: Der Protest am 26. März ist sehr friedlich abgelaufen, er war wie eine Meme-Parade mit Leuten aus allen Altersgruppen. Die Atmosphäre bei der Demo am 12. Juni hingegen war ganz anders: Poster wurden sofort weggenommen, und sobald die Polizisten einen Jugendlichen entdeckt haben, haben sie versucht, ihn oder sie festzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen der Regierung vollkommen egal sind. Die Lebenshaltungskosten und Steuern sind sehr hoch, und die Lebensqualität ist wirklich extrem niedrig. Wir haben immerhin das Glück, in Sankt Petersburg zu leben — für Leute, die in kleinen Städten wohnen, ist es noch schlimmer.

Iskander Vakhidov, 24

In unserem Land ist es normal, nicht über Politik zu sprechen oder darüber nachzudenken. Ich glaube, dass Proteste die einzige Möglichkeit sind, die Leute, die an der Macht sind, zu beeinflussen und etwas zu verändern. Die Regierung bekämpft die Leute jetzt ganz systematisch und versucht, ihnen Angst zu machen und uns auch noch das letzte bisschen unserer Grundrechte zu nehmen. Beim Protest am 26. März waren Zehntausende dabei, es war großartig. Es ist der einzige Weg, zu zeigen, dass das Regierungssystem nicht funktioniert. Es wird sich nichts verändern, wenn die Leute zu Hause sitzen und sich alles gefallen lassen. Dem Präsidenten sind unsere Rechte und die Konstitution völlig egal, das einzige, was ihn interessiert, ist seine größenwahnsinnige Vorstellung von noch mehr Macht. Wir haben alle genug von Lügen und Korruption. Nichts in diesem Land ist so ausgelegt, um das Leben der Menschen einfacher zu machen, im Gegenteil. Ich hatte große Schwierigkeiten, an die Uni zu kommen. Die meisten Kurse haben in oberen Stockwerken stattgefunden, zu denen es keinen barrierefreien Zugang gibt. Als ich meinen Abschluss hatte, wurde mir klar, dass ich keinen Job bekommen kann. Der Staat hilft Leute in Rollstühlen überhaupt nicht bei der Jobsuche, ganz im Gegenteil gibt es Gesetze, die sie tatsächlich noch mehr erschwert. Ich hätte für eines der landesweit größten Unternehmen arbeiten können, aber niemand wird mich einstellen, weil alle Angst vor Inspektionen haben. 

Lolja Nordic, 28, und Olga Shapovalova, 29

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Lolja: Nach der Protestbewegung auf dem Moskauer Bolotnaja-Platz zwischen 2011 und 2013 hat sich alles wieder beruhigt. Vor allem weil sehr viele festgenommen und ins Gefängnis gesteckt wurden. Dieses Jahr haben die Leute aber endlich wieder angefangen, sich für das politische Geschehen zu interessieren. Bolotnaja ist schon lange vorbei und wir haben keine Angst mehr. Wir nehmen jetzt schon seit ein paar Jahren an feministischen Demonstrationen teil. Jedes Jahr am 8. März gehen wir auf eine feministische Kundgebung, und bei der Demo am 1. Mai gibt es auch immer eine Feministinnen-Gruppe. In diesem Jahr wurde am 8. März besonders brutal gegen die Protestierenden vorgegangen, sowas haben wir vorher noch nicht erlebt. Vielleicht, weil sie dieses Mal nicht von den Behörden genehmigt worden war. Sobald jemand mit Sprechchören angefangen oder Banner oder Schilder rausgeholt hat, wurde er abgeführt. Wir haben unseren Banner versteckt, aber sind die ganze Strecke mit den Rosen in unseren erhobenen Fäusten gelaufen — dafür konnten sie uns nicht wirklich verhaften.
Olga: In den vergangenen 15 Jahren ist Putins Generation erwachsen geworden; es ist eine Generation, die keinen anderen Präsidenten kennt. Diese Generation hat immer sehr gut gelebt, in ihrer Jugend hat Russland nämlich gerade einen Aufschwung erlebt. Jetzt gibt es immer mehr Einschränkungen, alles wird teurer, doch die Löhne werden nicht angepasst, und so etwas wie Sozialhilfe gibt es praktisch nicht. Wir wissen, dass unsere Generation vom Staat beklaut wird. Bei einem der letzten LGBT- und feministischen Proteste hat die Polizei versucht, ein paar Typen festzunehmen. Ich habe mir also überlegt, was ich tun kann, um ihnen zu helfen. Vor mir stand ein Polizist, also habe ich angefangen, seinen Hintern zu streicheln. Es waren sehr viele Leute da, und irgendwann hat er sich dann umgedreht, um herauszufinden, was da vor sich ging, und ich Verwirrung und auch Angst in seinen Augen gesehen. Das hat mich auf die Idee gebracht, dass wir die Polizei dazu bringen müssen, Angst vor uns zu haben. Wir haben Angst vor ihnen, dabei sollten sie für uns da sein und uns beschützen. Es ist nicht ihre Aufgabe, uns zusammenzuschlagen und uns einzuschüchtern. Bei den Protesten müssen wir mehr zusammenarbeiten. Statt nur mit unseren Handys zu filmen, sollten wir aufeinander aufpassen und Solidarität zeigen. Es reicht nicht mehr aus, nur am Protest teilzunehmen, wir müssen die Menschen um uns herum aufklären. 

Paul Esipovich, 20

Ich habe mit etwa 18 Jahren angefangen, mich für Politik zu interessieren, weil ich damals das erste Mal wählen durfte. Was mich echt sauer gemacht hat, war der Bau des neuen Stadions in der Stadt für die Weltmeisterschaft 2018, und wie viel Geld währenddessen unterschlagen wurde. Die gesamte Regierungs-Maschinerie Putins ist von Korruption geprägt. Die Politiker handeln ganz eindeutig nicht im Interesse des Landes. Ich glaube, dass sich viele junge Russen auch dank Alexei Navalny mehr mit der Politik auseinandersetzen. Er ist der erste Politiker Russlands, der YouTube nutzt; seine Videos gehen jedes Mal viral. Ich glaube, dass wir uns auch mehr mit einbringen wollen, weil wir freien Zugang zu allen möglichen Informationen haben. Beim Protest am 12. Juni wurde ich verhaftet und auf eine Polizeiwache am Rande der Stadt gebracht, weil die im Zentrum alle schon überfüllt waren. Ich musste 24 Stunden auf mein Verfahren warten und dann eine Geldstrafe zahlen.  

Varvara Mikhnova, 24

Ich werde oft danach gefragt, warum ich zu den Protesten gehe. In Russland ist es normal, zu Hause zu bleiben und Protesten fernzubleiben. Wenn man doch geht, muss man das immer rechtfertigen. Wir wissen vielleicht noch nicht, wie wir das System verändern können, aber irgendwo müssen wir ja anfangen und den Leuten zeigen, dass sie am politischen Prozess teilhaben können. Bei den Protesten herrscht immer ein überwältigendes Einheitsgefühl, man sieht, dass man nicht alleine ist, und dass wir zusammen vielleicht tatsächlich etwas verändern und bewirken können. Die jungen Leute beteiligen sich jetzt auf jeden Fall stärker, als früher. Navalny hat es geschafft, die junge Generation von Russen wachzurütteln. Er hat die richtigen Kanäle gewählt — Social Media und YouTube — , um die Jugendlichen zu erreichen. Außerdem redet er in einer leicht verständlichen Sprache über ernste Dinge. Im Idealfall würde ich gerne das gesamte stillstehende politische System verändern.  

Danila Gavrin, 26

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Ich hasse die Korruption in unserem Land. Die Regierung schaut nur auf ihren eigenen Vorteil und interessiert sich nicht fürs Volk. Ich habe genug von den Überbleibseln der Sowjetunion und ihren Werten. Ich bin es leid, ältere Leute zu sehen, die ihr ganzes Leben für den Staat gearbeitet haben und sich jetzt gerade mal so Brot leisten können. Ich bin es leid, dass in unserem Land niemand seine Versprechen hält. Ich war am 12. Juni auch bei den Protesten dabei. Die Polizei hat gesagt, es hätten nur 900 Leute teilgenommen, dabei waren es mindestens 5.000. Ich wurde verhaftet und habe einen Tag und eine Nacht unter ziemlich schlimmen Bedingungen auf einer Polizeiwache verbracht. Ich wurde zu fünf Tagen Haft und einer Geldstrafe in Höhe von 10.000 Rubel verurteilt. Ein junger Mann, um die 20, der auch festgenommen worden war, wurde zu zehn Tagen Haft verurteilt. Dabei war er französischer Staatsbürger und hatte nicht mal an dem Protest teilgenommen. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. 

Credits


Text: Anastasiia Fedorova
Fotos: Dima Komarov

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