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Das Phänomen Sad Girl

Wir fragen uns, wie Traurigkeit zum Lifestyle wurde.

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Okt. 7 2015, 9:50am
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Falls du den Begriff "Sad Girl" schon einmal gehört hast, dann wahrscheinlich in Zusammenhang mit Lana Del Rey, Queen of Pop Melancholy, die für eine Flut von tausenden Selfies mit dem Hashtag #PrettyWhenYouCry auf Instagram gesorgt hat. Das hätte locker auch auf Tumblr stattfinden können, wo sich die Teenie-Angst als Dip-Dye-Zöpfe und unscharfen Bildern von Prellungen äußert. Sad Girls sind überall zu finden, man muss nur genau hinschauen: in Form der Twitter-Persönlichkeit @SoSadToday, in Form der Selfies der Künstlerin Audrey Wollen, Erfinderin von "Sad Girl Theory", und auf Etsy, wo man Sad-Girl-Ketten, -Anstecker, -Westen und -Handtaschen, meist in Pastellfarben, findet.


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Wie mit so vielem im Internet wurde auch aus Sad Girl eine Marke und zum Gegenstand von Artikeln, bevor es eine tragfähige kulturelle Bewegung wurde. Aber im Unterschied zu Health Goth steht Sad Girl für Leute mit identifizierbaren Eigenschaften. Sad Girls sind junge Frauen zumeist aus reichen, westlichen Ländern, die Zeit im Internet verbringen und die ein Paradox verkörpern: ein Verlangen, ihre tiefsten inneren Gefühle durch eine Ästhetik auszudrücken, die viele als aufgesetzt ansehen.

Vor zwanzig Jahren, als der Begriff Sad Girl das letzte Mal durch die Popkultur geisterte, war er mit einer ganz anderen Community verbunden; mit einer, die eher an Abziehtattoos und zerfransten Ponys interessiert war. In dem Film Mi Vida Loca von 1994 ist ein Sad Girl eine Chola aus L.A., deren Girlgang-Mitglieder sich den Nicknamen auf den Knöchel tätowieren. Anfangs denkt das Sad Girl - ihr echter Name ist Mona -, dass sie nicht in die Gang passt, aber nachdem ihr Freund sie und ihre beste Freundin schwängert, und dann bei einem misslungenen Drogendeal umkommt, wächst sie so langsam in die Rolle. Ihr Style fasst ihren Namen zusammen: drei Tattoos in Tränenform zieren ihren Wangenknochen und in jeder Szene trägt sie einen dunkelvioletten Lippenstift.

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Es gibt wohl kaum einen größeren Unterschied zwischen Echo Park aus dem Jahr 1994 und der Tumblr-Kultur von heute. Dennoch finden sich immer noch Spuren des originalen Sad-Girl-Stils wieder. In ihrem Musikvideo zum Song "Tropico" aus dem Jahr 2013, spielt Lana Del Rey eine L.A.-Stripperin, die einen Gangster-Boyfriend hat, große Ohrringe trägt und Tätowierungen in Tränenform im Gesicht trägt.

Sad Girls Y Qué, ein feministisches Künstlerkollektiv aus Tijuana, kritisierte das Musikvideo als kulturelle Aneignung. "Sie ist eine blonde Frau, die sich an den Symbolen einer Kultur bedient, die nicht ihre ist, und schlägt daraus Profit. Das ist offensichtlich beleidigend", erklärten sie Wonderland Magazine. Zu VICE sagte das Kollektiv, das seinen Namen aus Mi Vida Loca hat, dass die Bedeutung von Sad Girl nicht ohne den Kontext einer machohaften, katholischen Gesellschaft, die Frauen auf eine bestimmte Art und Weise unterdrückt, gedacht werden darf. Indem sie dem ganzen eine positive Bedeutung geben, kämpft die Sad Girls Y Qué gegen das Patriarchat und posten nicht einfach nur Bilder von Prellungen, weil sie schlecht drauf sind.

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Viele der Bilder von Sad Girls Y Qués passen interessanterweise zum Sad-Girl-Zeitgeist. Auf der Website der Gruppe sieht man Sailor-Moon-Zeichnungen, pinke Charm- Armbänder, verloren wirkende Mädchen mit Glitzer und überall die Tumblr-Tags #pale grunge und #pastel goth. Der Unterschied ist, dass diese Tags dafür kritisiert werden, dass auf den Bildern kaum Frauen anderer Hautfarbe zu sehen sind, wie Autorin Rosemary Kirton erklärt. Das bedeutet nicht, dass nur Weiße diese Bilder posten oder etwa, dass die User bewusst rassistisch sind. Diese Entwicklung spiegelt eher das kollektive Verlangen nach einer Onlineästhetik, die begrenzten und deshalb ausgrenzenden Schönheitsidealen entspricht, wider. Eine Teilnehmerin des Onlineprojekts Sad Girls Guide veröffentlichte auf der Website einen Text, in dem sie erklärt, dass sie im Auslandsstudium depressiv wurde und Halt bei den Leuten gefunden hat, die ihre Interessen teilen: "Das Sad Girl hört bessere Musik als du und verbringt ihre Zeit damit, alleine französische Filme aus den 1960ern oder traurige Fernsehsendungen aus den 90ern zu schauen".

Sollte ein Gefühl wie Traurigkeit - eng verbunden mit einem so sensiblen Thema wie psychische Erkrankungen - überhaupt durch etwas so Triviales wie Geschmack ausgedrückt werden? Einige der Nutzerinnen verneinen das. "Als eine der weniger Tumblr-geeigneten Sad Girls , die Panikattacken aus nicht ersichtlichen Gründe hat, kann ich kein Verständnis für die plötzliche Glorifizierung aufbringen", schreibt eine. „Durch meine Traurigkeit habe ich kein krassen Sinn für Style oder eine Faible für französische Filmen entwickelt", witzelte eine andere.

Image courtesy Dolls Kill

Durch Kreativität Depressionen in etwas Schönes zu verwandeln, ist nichts Neues. Das ist eine alte Bewältigungsstrategie, die durch Social Media nur zugänglicher geworden ist. Einige der berühmtesten literarischen Werke haben die Traurigkeit zu einer Ästhetik erhoben: Romeo und Julia, die Gedichte von Emily Dickinson bis hin zu The Virgin Suicides von Jeffrey Eugenides. In diesem Roman von 1993 begehen Vorstadt-Teenagerinnen Gruppenselbstmord, eine Tragödie und faszinierendes Spektakel für den Jungen von nebenan, der die Geschichte erzählt. In vielerlei Hinsicht ist das Buch (und Sofia Coppalas Filmadaption) ein Ur-Sad-Girl-Text, geschrieben Jahrzehnte bevor Smartphones Voyeurismus unausweichlich gemacht haben.

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Also wieso sind Eugenides und Coppolas Selbstmord Kunst, während Teenagerinnen im Internet, die das auch tun, als oberflächlich und narzisstisch bezeichnet werden? Weil ihre Bücher und Filme eine höhere Qualität als der durchschnittliche Blog einer 16-Jährigen haben und weil die künstlerischen Interessen von Teenagerinnen - von Briefromanen aus dem 18. Jahrhundert bis hin zum Bloggen - nie so ernst genommen wurden, wie sie sollten. Oder wie Audrey Wollen es ausgedrückt hat: Teenagerinnen wurden durch Machtsysteme "zum Schweigen gebracht, unterdrückt und brutalisiert". Für sie ist das Sad Girl ein Symbol des Protests dagegen. Weibliche Traurigkeit, erzählt sie mir, sollte als Akt des Widerstands begriffen werden, auch wenn er passiv durch "Internalisierung anstatt durch Externalisierung, durch Gewalt gegen den eigenen Körper anstatt im öffentlichen Raum, durch Weinen anstatt durch Schreien" zum Ausdruck gebracht wird. In einer Aktserie stellt Audrey Wollen bekannte, von Männern gemalte historische Gemälde nach. "Wir können die Produkte der Unterdrückung nutzen, um sie sichtbar zu machen", sagte sie zu i-D.

So gesehen gab es Sad Girls schon lange vor Molly Soda, Fiona Apple, Mi Vida Loca und Emily Dickinson - und es wird sie auch noch lange geben. "Es gibt keinen Ausgangspunkt", sagt Audrey Wollen. "Denn es gab keine Zeit ohne Traurigkeit und jungen Frauen". Das Sad Girl ist wie ein wiederverwendetes Bild auf Tumblr, es ist ständig im Fluss - und das ist vielleicht auch gar nicht so schlecht.

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