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In Mailand führt Gucci den kreativen Widerstand an

Andere Mailänder Designer taten es Kreativchef Alessandro Michele gleich. Ihre neuen Kollektionen sind ein Aufruf zur kreativen Freiheit und der Wunsch nach Veränderungen in der Industrie.

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Sep. 22 2017, 10:22am

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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"Kreieren ist ein poetischer Akt", heißt es einleitend in den Show Notes von Gucci. "Es ist ein eruptiver Prozess, der um einen magnetischen Kern kreist, umgeben von Geistern und Sehnsüchten. Ein Sturm, der endlich freigelassen wurde." Diese Worte waren nicht nur eine Erklärung der Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2018, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Alessandro Michele sich nicht ändern wird.


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Ständig wird nach mehr verlangt. Während manche Designer sich jede Saison radikal umorientieren, bleibt Michele seinen Prinzipien treu — es geht ihm in erster Linie um Evolution, nicht Revolution. Mit jeder Saison an neuen Referenzen und Inspiration lässt er uns ein Stück tiefer in seine sorgfältig ausgewählte Welt eintauchen.

Gucci

"Widersteht der Beschleunigung und dem zwanghaften Hinterherhecheln, die das Leben beeinflussen", heißt es weiter. "Und dem Mantra der Geschwindigkeit, das zum Verlust des eigenen Ichs führt. Widersteht der Illusion, dass Neues nichts kostet. Es gibt keine einfache Strategie dafür. Es braucht Mut, um etwas zu verändern, um eine Geschichte zu haben, in die man tiefer eintauchen kann." Die Frühjahr-/Sommerkollektion 2018 umfasst 108 Looks und lädt uns ein, in die Fantasien und Visionen von Alessandro.

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Die Fashionshow fand in einem Außenbezirk von Mailand statt. Die Halle wurde in ein riesiges Museum verwandelt. Es war eine antike Landkarte, in der Mitte die Villa des römischen Dichters Horaz. Überall prangten Zitate von Philosophen aus alten Epochen der Menschheitsgeschichte: Heidegger über Authentizität, Deleuze und Camus über die Natur der Rebellion — das Publikum wurde eingeladen, durch die verschiedenen Zeitalter zu reisen. Die Motive stammten aus der ganzen Welt: von den Bögen der Azteken und römischen Göttern bis zu chinesischen Buddhas und ägyptischen Pharaonen. Der Catwalk selbst symbolisierte den Fluss Tiber.

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Unter blinkendem UV-Licht war es schwierig, Details der Looks auszumachen. Ob es daran lag, die Copycats von den Ketten auf Distanz zu halten oder die Frontrow zu zwingen, genauer hinzuschauen, wissen wir nicht. Eins steht aber fest: alle waren gespannt auf die 80er-Glamrock-Entwürfe mit ihren Denver-Clan-Elementen.

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Anfang des Sommers veröffentlichte das italienische Modehaus seinen Finanzreport mit einem Anstieg des Umsatzes von 43,4 Prozent. Wenn Kunden in einen Gucci-Store gehen, betreten sie eine Welt und keine Saisonware. Der Kreativchef ist die moderne Variante eines Renaissance-Künstlers, in den wir uns verliebt haben.

No. 21

Alessandro Dell'Acqua hat sich bei No. 21 seine Handschrift zurückerobert. Der Designer hat sich vom Verlust über die kreative Kontrolle über sein eigenes Laben vor fünf Jahren erholt und uns mit der neuen Kollektion für No. 21 daran erinnert, warum er so gut in dem ist, was er tut. Warum hat er sich für No. 21 so auffällig bei seinen eigenen Kollektionen bedient? "Meiner Meinung nach ist die Mode momentan sehr durcheinander." Das war sein Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen.

No. 21

"Ich mixe die Sportlichkeit und die Weiblichkeit von No. 21 mit Alessandro Dell'Acqua", erklärt er seine Designs. Ein durchsichtiges Abendkleid war neben Leder-Parkas mit kristallbesetzten Hoodies auf dem Laufsteg zu sehen. Die sehr persönliche und emotional aufgeladene Modenschau hat uns an den wahren Wert von Kreativität in der Mode und die damit verbundene Hoffnung erinnert.

Alberta Ferretti

Eine weitere Designerin, die in die Vergangenheit nach Inspirationen gesucht hat, war Alberta Ferretti. "Ich hatte das Gefühl, dass es ein wichtiger Moment ist, um zurückzuschauen und darüber zu reflektieren, was ich von der Gegenwart erwarte", erklärte die Designerin backstage in den Ruinen des Barockklosters Rotonda della Besana. "Ich möchte nicht zu viel." Deshalb reduzierte sie die Federn, Rüschen und Stickereien, die wir aus den letzten Kollektionen von ihr gewohnt waren. Selbst nach Jahrzehnten in der Modeindustrie kann sie uns immer noch überraschen. Joan Smalls präsentierte einen schlichten schwarzen Badeanzug in dem neuen Design, gefolgt von Gigi und Bella, Hailey Baldwin und Karlie Kloss. In der ganzen Kollektion dominierte ein reduzierter 90er-Chic, der zusammen mit den derzeit angesagtesten Models eine passende Interpretation der Gegenwart ist. Denn wie Gucci eingangs meinte: Kreieren ist eine poetische Kunst.

Alberta Ferretti

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