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Warum sind wir so besessen von Neonlicht?

Im Zeitalter von "Fake News" und Reality-TV bietet uns das grelle Licht die Flucht in eine andere Welt.

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Aug. 3 2018, 12:41pm

Foto: Collage via i-D US / links: Signe Pierce 'Synthetic Lust'; rechts: Still aus "The Neon Demon" 

Neon ist überall: von Museen über Bars bis hin zu Filmen. Das wirft viele Fragen auf: Warum hat unsere Generation Neon zurückgebracht? Was fasziniert uns an dieser Form der Beleuchtung, die es schon seit hundert Jahren gibt? Ist das nur ein Trend, den sich einige Start-up-Bros im Silicon Valley ausgedacht haben? Oder steckt mehr dahinter? Wir gehen dem Phänomen Neonlicht auf den Grund.


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In einer Welt, in der Reality-Stars Präsidenten werden können und in der alles scheinbar fake ist, steht Neon für unser unbewusstes Verlangen nach einer anderen Realität, einer Hyperrealität. Für unsere Generation gilt: Neon als Flucht vor der Gegenwart. Eine Farbwelt, die es uns ermöglicht, im Unwirklichen zu schwelgen, auch wenn es nur für ein paar Stunden im Kino oder für eine Nacht auf einer beleuchteten Tanzfläche ist.

Das Neonlicht wurde 1910 in Paris von dem Chemiker Georges Claude erfunden und wurde später zum Symbol Hollywoods. Aber auch in Filmen spielte Neon eine entscheidende Rolle, so wie in Sunset Boulevard. Die Pepsi-Reklame in New York ist immer noch kirschrot und strahlt auch siebenundsiebzig Jahre später noch. Anfangs galt Neon als luxuriöseste Form des Lichts und sollte im Laufe der Zeit diese Stellung einbüßen. Heute gilt es als schäbig, ein Designelement, das nur in schmutzigen Spelunken und Sexshops verwendet wird.

Neon hat auch die Kunstwelt erobert. Wenn du in den letzten fünf Jahren nicht unter einem Stein gelebt hast, wird dir der Name Signe Pierce mehrmals im Internet begegnet sein. Ihre Bilder wurden auf Tumblr unzählige Male geteilt und waren in Galerien von New York bis Wien zu bestaunen.

"Bevor ich nach L.A. gezogen bin, hatte ich immer das Gefühl, dass mir hier in New York etwas fehlt", sagt Signe Pierce. "Mir wurde klar, dass es dort dieses besondere Leuchten gibt. L.A. ist ein Bollwerk der Moderne. Hier wird Fantasie zur Realität." Die in New York lebende Künstlerin wird nicht nur von der Westküstenmetropole inspiriert, sondern auch von Harmony Korines Kultfilm Spring Breakers: "Ich mag die Ästhetik und den Einsatz von Licht in diesem Film. Er ist ein interessantes Porträt Amerikas im spätkapitalistischen Zeitalter."

Foto: Screenshot von YouTube

Zum Zeitpunkt seiner Erscheinung im Jahr 2013 gab es keinen vergleichbaren Film wie Spring Breakers. Er war der erste wirkliche Neon-noir-Film, eine Weiterentwicklung des klassischen Film noir. Regisseure wie David Lynch und Nicolas Winding Refn stillen mit Filmen und Serien wie Twin Peaks, The Neon Demon und Drive unseren Hunger nach der Flucht in die Neonwelt. Gaspar Noé gehört mit seinem Thriller Enter the Void ebenfalls zu den Meistern des Genres. Diese Regisseure und Künstler sind der Grund dafür, warum die Neon-Ästhetik so stark in der heutigen Jugendkultur verankert ist.

Sind wir so verrückt nach Neon, weil wir uns nach mehr Romantik in unserem Alltag sehnen? Oder ist es mehr als das? Neon ist in der Popkultur gerade so weit verbreitet ist, weil der Wunsch – der Realität zu entkommen –, echt wird. Neon ist auch politisch. Weil gerade so vieles falsch in unserer Welt läuft, wollen wir vieles durch einen schönen Filter sehen. "Manchmal frage ich mich, ob meine Arbeiten eine zu einfache Möglichkeit für eine Fake-Realität bieten, deswegen habe ich meine Fotoserie Faux Realities genannt", sagt Signe Pierce über ihre Arbeiten.

Dieser Einschätzung stimmt auch die Neon-Künstlerin Kate Hush zu. Ihre Arbeiten kennst du vielleicht aus der Netflix-Serie Riverdale. "Neon ist Eskapismus", sagt sie. "Ich gehe nach Hause, lege mich ins Bett, schalte mein pinkes Neonlicht ein – und es fühlt sich an, als wäre ich an einem anderen Ort. Es beruhigt mich. Ich bin zwar zu Hause, aber gleichzeitig auch in einer anderen Sphäre."

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Wir leben im Neon-Zeitalter. Die Farben haben eine therapeutisch Wirkung auf uns. Durch sie können wir vor der Realität fliehen, der wir uns jeden Tag aufs Neue stellen müssen. Dieses leuchtend grelle Licht ist im Jahr 2018 mindestens genauso echt wie alles andere auch.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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