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im gespräch mit anthony vaccarello

Der Modedesigner ist in große Fußstapfen getreten, als er letztes Jahr die kreative Leitung bei Saint Laurent übernommen hat. Doch er hat sich für seinen eigenen Weg entschieden: „Hasst oder liebt es, ich mache das jetzt.“ Wir haben ihn zum Interview...

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März 6 2017, 9:05am

Anthony Vaccarello hat nicht lange gebraucht, um Anfang 2016 seinen neuen Job als Creative Director bei Saint Laurent anzutreten. Die Wohnung, die zum Jobpacket gehört, liegt in Saint Germain des Prés in der schicken Rive Gauche und verfügt über eine Dachterrasse, Zugang zum Café de Flore und ab und zu sieht er Catherine Deneuve. „Ich habe sie zwei Mal rauchen gesehen", sagt er leise. Unser letztes Interview hat vor zwei Jahren in seiner Wohnung in dem preiswerteren Stadtviertel Saint Martin stattgefunden, in dem Gebäude liegt auch das Studio seines gleichnamigen Labels Anthony Vaccarello, das aber ruht, seit er bei Saint Laurent angefangen hat. „Auf eine gewisse Weise vermisse ich die Rive Droite", gibt er zu und meint damit das rechte Seine-Ufer in Paris. „Ich bin irgendwie gefangen hier. Manchmal muss es einfach ein bisschen schmutzig sein, le droite eben. Ich habe mich zwar vorher immer darüber beschwert, dass die Leute auf der Straße urinieren, aber jetzt vermisse ich das Echte", erklärt er. Über ihm hängt feinster weißer Stuck in der palastartigen Pariser Zentrale von Yves Saint Laurent, nicht weit weg von seinem neuen Zuhause.

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Hat ihn das Fashion-Leben zu einem Bourgeois gemacht? „Nein, das möchte ich nicht, aber ich bin dazu gezwungen", antwortet er mit seiner weichen Stimme. „Wenn man in dieser Atmosphäre arbeitet, kann man kein Punk sein. Natürlich kann man es, aber es wäre lächerlich. Auf eine gewisse Art und Weise wächst man in diese Rolle, denke ich." Ich laufe durch das Tor, vorbei an dem großen, schwarzen Mercedes, im Hinterhof der Ateliers, durch sein riesiges Büro, zwar ohne Schreibtisch, dafür aber mit einem riesigen Sofa. Wer kann es ihm verübeln? Nach Jahren der nie enden wollenden Existenz eines jungen, unabhängigen Designers, die eher an ein Studentendasein erinnert als an ein luxuriöses Designerleben. Wer würde nicht den Skoda gegen einen Mercedes tauschen? „Das Auto fährt zwar schneller, aber im Grunde fährt es auch nur", sagt er. „Man nimmt dieselben Straßen. Das Leben auf der Überholspur sei nicht so, wie man sich das vorstellt. „Ich arbeite immer noch von 10 Uhr bis sehr spät in die Nacht. Man stellt sich vor, dass das Leben als Creative Director eines großen Modehauses komplett anders ist, aber das interessiert mich nicht. Ich habe immer noch das gleiche Team, eigentlich ist alles gleich geblieben, außer dass es schöner ist."

Vaccarello hat sein gesamtes Team mit zu Saint Laurent genommen und es in den riesigen Mitarbeiterpool integriert, den er jetzt leitet. Dieser Designer ist alles andere als protzig. Er sitzt still in seinem majestätischen Zimmer in der Zentrale — trägt eine schwarze Jeans und einen schwarzen Pullover —, seine Bescheidenheit erklärt seinen unaufgeregten Ansatz, mit dem er seine neue Aufgabe angeht, zu der er im April letzten Jahres berufen wurde. Über Monate hinweg war es das schlecht gehütetste Geheimnis in Paris. Das perfekte Futter für die Gossip Girls der Modewelt, die bei den Shows kaum stillsitzen konnten wegen der News: das Wunderkind der Modewelt, Hedi Slimane, mit seiner Heerschar an Fans und schwindelerregend hohen Umsätzen soll durch einen Designer ersetzt werden, der fast 20 Jahre jünger ist. Da wurden Erinnerungen an den Sommer 2007 wach, als Slimane Dior Homme verlassen hat und die Zukunft des Labels in die Hände von Kris van Assche gelegt wurden. Der Schatten seines Vorgängers hat er noch jahrelang gespürt, bevor Kris van Assches eigene Vision von Dior Homme ganz und gar akzeptiert wurde.

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"Hedi hat für Dior Homme eine neue Silhouette geschaffen, aber nicht bei Saint Laurent, das ist anders. Bei Dior Homme war es wirklich etwas Neues, da kann man nur schwer nachziehen. Und außerdem war er der Assistent von Hedi", erklärt Vaccarello die ehemalige Position von van Assche, „und ich habe ihn nie getroffen. Deshalb habe ich keine Angst. Was ich tue, mache ich für mich selbst." In den Monaten vor der Präsentation der Debütkollektion im September 2016 hat sich Vaccarello nur Rat von einer einzogen Person geholt: Pierre Bergé, der 86-jährige Ehepartner von Yves Saint Laurent. Zwei Sätze sind seitdem bei Vaccarello haften geblieben: „Du bist nicht Yves Saint Laurent. Versuche nicht, Yves Saint Laurent zu sein." Diese Freiheit hat er gebraucht, um das historische Modehaus, 1961 von Bergé und Yves Saint Laurent gegründet, übernehmen zu können. Saint Laurent selbst war der Balanceakt zwischen Bourgeoisie und Rebellion nicht fremd — ein Spagat, den Vaccarello jetzt alleine hinbekommen muss.

Hier geht's zur Modestrecke.

„Er hat das alles gehasst. Aber auf eine gewisse Art war er auch wieder sehr bourgeois, wie er gelebt hat, mit welchen Leuten er sich umgeben hat", erinnert sich sein aktueller Nachfolger. Für Vaccarello geht es bei seiner Vision für das traditionsreiche Modehaus aber nicht darum, Parallelen zwischen ihm und Yves zu finden, oder ihm und Hedi Slimane. „Es ging nicht darum, das fortzuführen, was Hedi oder Saint Laurent gemacht haben. Ich wollte das machen, was ich will"; sagt er und erklärt, dass er nie Angst vor dem Job gehabt habe. „Ich mache mein Ding und das nicht des Applaus wegen. Ich denke nicht an die Kommentare. Es gibt nicht die perfekte Saint-Laurent-Kollektion, weil jeder darunter etwas anderes versteht. Entweder man liebt oder hasst Saint Laurent, das war von Anfang so, seit Yves Saint Laurent, Tom Ford oder Alber Elbaz", sagt er über seine Vorgänger. „Hasst oder liebt es, ich mache das jetzt."

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Beobachter dürfte es schwer gefallen sein, eine Linie zwischen Yves Saint Laurents romantischen Silhouetten und Vaccarellos trashigen Sexbots zu finden. Doch der belgisch-italienische Mix des 36-jährigen aus Introvertiertheit und Sexbombe bietet mehr Parallelen zwischen dem Neuling und dem Meister, als man vielleicht denkt. Yves Saint Laurent war unglaublich vielschichtig. In einer Minute war er der verschlossene Einsiedler, in der nächsten der intellektuelle Charmeur und plötzlich ohne Vorwarnung posiert Saint Laurent nackt, und schafft damit das bekannteste Porträt von ihm überhaupt. Vaccarello wurde 1982 in Brüssel geboren, sein Vater war Restaurateur und seine Mutter Sekretärin. Aufgewachsen ist er, wenig überraschend, mit den Femme Fatales der 80er und frühen 90er im Fernsehen, die breitschultrigen Businessfrauen aus dem Denver-Clan, den schönen Zicken aus Melrose Place und den Teenies mit 90er-Ättitude aus Beverly Hills, 90210. Musiktechnisch hat er sich von Mariah Careys Musikvideos, Madonna (sowie deren Sex-Buch), „manchmal Celine" und natürlich von den Supermodels, die nie weit weg von ihm waren, inspirieren lassen. 

Yves Saint Laurent hat mit seinen Entwürfen und Visuals in dieser Zeit zu den einflussreichsten Stimmen in der Modewelt gehört, auch wenn der junge Vaccarello mehr Gefallen an Thierry Mugler und Jean Paul Gaultier gefunden hat. Wie kam er zu dem Job? „Ich glaube, sie haben mich eingestellt, weil ich mir etwas aufgebaut habe, meine eigene Firma und die Vision, die ich für Vaccarello hatte", sagt er über das Label, das er 2009 nach seinem Abschluss an der Brüsseler Kunsthochschule La Cambre und neben seinem Job bei Fendi gegründet hat. „Ich arbeite immer noch mit der Vision. Mich inspiriert das Archiv und was Yves Saint Laurent getan hat", sagt er. „Aber ich reproduziere nicht das, was es schon mal gab. Wenn ich mir meine alten Kollektionen anschaue, steckte schon immer etwas von der Saint-Laurent-Attitüde in ihnen, das war eine ganz natürliche Entwicklung." Bei seiner Debütkollektion für das Modehaus hat er das Offensichtliche vermieden und sich auf Rat von Pierre Bergé nicht von den Signature-Pieces beeinflussen lassen, die er in der Fondation Pierre Berge - Yves Saint Laurent gesehen hat.

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Außer von einem Piece: „Als ich zum ersten Mal im Atelier dieses Kleid gesehen habe, habe ich mich sofort darin verliebt." Ein schwarzes Samtkleid mit einem herzförmigen Dekolletee und Taft-Rock aus der Herbst-/Winterkollektion 1981/82, das Kleidungsstück ist ein Jahr älter als Vaccarello selbst. Sollte es ein Zeichen gewesen sein? Als Vaccarello in die Fondation gelaufen ist, stand es direkt neben Yves Saint Laurents Büro. „Ich dachte mir, dass es die Richtung ist, die ich einschlagen soll. Ich wollte das Kleid aber nicht einfach nur kürzen und es zu einem Mini Dress machen. Ich wollte mit der Kollektion als Collage spielen, hier ein Ärmel von dem Kleid verwenden, dort mit Leder experimentieren. Saint Laurent sollte mehr in der Attitüde sichtbar werden und nicht so sehr in den Entwürfen selbst." Das hat sich in einer emanzipierten Frau niedergeschlagen, wie sie Vaccarello bei seinem gleichnamigen Label zelebriert. „Bei Yves Saint Laurent standen durchsichtige Oberteile oder Kleider hoch im Kurs, das war nichts Sexuelles oder Verführerisches. Nacktheit ist nichts Schlimmes. Was er entworfen hat, war sehr sexy. Es gab vorher nichts Vergleichbares. Diese Idee habe ich weitergesponnen. Die Saint-Laurent-Frau ist stolz auf ihren Körper, sie versteckt ihn nicht unter Tonnen von Kleidung.

Vaccarello mag knappe Kleidung. Der in der Kollektion vorherrschende 80er Trash Glam hat die politischen Referenzen der Frühjahr-/Sommerkollektion 2017 widergespiegelt. Die breiten Schulterpolster der Reagan-Ära und die kurzen Rocklängen waren eine Reminiszenz an den Widerspruch zwischen der 80er-Mode und dem damaligen konservativen Zeitgeist im Kalten Krieg, — eine Idee, die unter Trump wieder an Aktualität gewonnen hat. Als Vaccarello seine Saint-Laurent-Kampagne mit zwei küssenden Frauen veröffentlicht hat, gab es starke Reaktionen. „Sie wurde in den USA, Italien und anderen Ländern abgelehnt, aber das ist mir egal. Ich möchte meine Vision für das Label nicht ändern, weil zwei küssenden Frauen in einigen Ländern Schockwellen auslösen. Das kann man politisch nennen, aber ich wollte kein politisches Statement setzen", stellt er klar. „Es liegt etwas in der Luft, das ich nicht zu sehr analysiere. Diese Energie war letztes Jahr in Paris spürbar, bei allem was passiert ist. Ich möchte keine Parallele ziehen, aber die 80er-Referenzen müssen eine Reaktion sein auf das, was passiert. Wir als Designer müssen solche Dinge aufnehmen."

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In einer Zeit, in der Designer zwischen Modehäusern nur so hin und her wechseln, wird oft übersehen, was diese Positionen für indirekte politische Macht besitzen. Auch wenn die weiblichen Power-Shopper in Dallas oder Dubai wenig über die politischen Ansichten von Anthony Vaccarello wissen, werden sie die Kleidung kaufen und tragen, die eine Verkörperung seiner Kernwerte darstellen. Und nichts ist mehr Yves Saint Laurent als dem Establishment auf subtile Weise etwas entgegenzusetzen. Was Vaccarellos Menswear für Saint Laurent angeht, die neben der Womenswear für Herbst/Winter 2017 im Februar präsentiert wurde, geht es den Männern nicht anders. „Der Saint-Laurent-Mann ist femininer, weil es schon immer ein feminines Haus war. Man denkt nicht eine männliche Silhouette bei Saint Laurent, man denkt an seine Persönlichkeit. Für mich ist der Saint-Laurent-Mann sehr sensibel. Er kann sich das ein oder andere aus der Frauen Garderobe leihen", sagt er und spielt auf den einen Menswear-Look seiner ersten Show an, eine transparente Chiffronbluse.

„Das ist sehr persönlich", lächelt er. „Ich entwerfe mir meine eigene Garderobe." Auf die Frage, ob Chanel seine Arbeiten für das Haus gemocht hätte, hat Karl Lagerfeld mal genatwortet: „Was ich tue, hätte Coco gehasst. Es liegt an mir, es auf den Stand von heute zu bringen." Für sein Saint-Laurent-Debüt schwebte nicht nur Slimanes Erfolg wie ein Damoklesschwert über ihm, sondern auf ihm lastete das ganze Gewicht der Geschichte von Yves Saint Laurent, für die Modekritiker der Heilige Gral der Mode. „Ich höre nur auf Leute, die ich kenne und die ich in der Branche respektiere, das sind vielleicht drei Leute", sagt er. „Ein paar mehr als drei!", interveniert schnell Lucien Pages, sein PR-Berater, und lacht. „Ich weiß nicht, ob ich das sagen soll", Vaccarello pausiert, „aber ich traue den Kritiken nicht. Es ist nicht so wie früher, als es noch so war, dass man entweder eine Kollektion mag oder eben nicht. Mit der ganzen Werbung heutzutage kann man eine wirklich schlechte Kollektion kreieren und die Leute finden sie trotzdem amazing, weil sie es müssen. Deshalb respektiere ich keine Kritiken mehr. Nur wenige, die ich kenne, sind sich treugeblieben."

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Und was die Blogger angeht: „Ich bin mir nicht sicher, ob sie noch wichtig sind. Es sieht manchmal nur danach aus, dass sie wichtig wären. Die kann man sich einfach kaufen. Man muss wirklich neu als Blogger sein, um unabhängig zu sein. Sobald man Follower hat, kommen die Marken und nehmen einen unter ihre Fittiche, ich vertraue ihnen auch nicht." Würde das Yves Saint Laurent gefallen? „Darüber habe ich nachgedacht. Der beste Ratgeber ist für mich Pierre Bergé. Er ist zur Show gekommen, das hat mich sehr berührt." In den Tagen danach haben sie sich zum Mittag getroffen. „Er versteht all die Looks und auch woher die Inspirationen kommen. Es ist sehr interessant, mit jemanden zu sprechen, der nicht denkt ‚Oh, es ist eine sexy Kollektion', sondern der die Referenzen versteht und der Yves Saint Laurent kannte und kein Klischee von ihm ist", sagt Vaccarello zum Abschluss unserer Interviews. „Pierre Berge ist einer der Hohepriester des Tempels. Auf ihn kommt es an und wenn er sagt, dass es gut ist, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe."

Hier findest du alles aus unserer neuen The Family Values Issue.

Credits


Text: Anders Christian Madsen
Foto: Mario Sorrenti
Fashion Director: Alastair McKimm

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