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Die Schönheit von Pigmenten: So ist es, mit Muttermalen aufzuwachsen

Einst wurden Muttermale als Zeichen des Teufels, von Dämonen oder Sündern erachtet. Heute wissen wir, dass sie nichts weiter als meist gutartige Hautveränderungen sind – was nicht bedeutet, dass die Träger nicht immer noch mit Vorurteilen kämpfen...

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Sep. 28 2016, 12:20pm

Rose trägt ein Kleid von TLC. Ohrringe: Ebonny Munro. Ear Cuff: Two Hills. Wendy trägt ein Oberteil von Hunter the label. Kette: Underground Sundae.

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In fast jeder Kultur gibt es eine eigene Theorie zur Herkunft und Bedeutung von Muttermalen. Manche glauben, dass sie bereits in der Gebärmutter als Ergebnis bestimmter Verhalten der Mutter entstehen. Andere behaupten, dass sie sich infolge einer Ernährung bilden, die aus vielen roten Früchten besteht, die auf der Haut von Ungeborenen Schatten hinterlassen. Historisch gesehen trugen immer die Mütter die Schuld für ein mit einem Muttermal gekennzeichnetes Kind – die Flecken wurden als Spur überwältigender Gefühle, Ängste oder Verlangen gedeutet. Wie auch im Deutschen enthält die Bezeichnung in anderen Sprachen wie beispielsweise auf Niederländisch sogar das Wort Mutter .

In anderen Fällen galt der Schönheitsfleck als bedrohlicher Hinweis auf eine offene Rechnung – und somit als eine Strafe für ein Vergehen, dass man in seinem früheren Leben angeblich begangen haben soll. Die Träger von Leberflecken wurden oft ausgegrenzt und als Hexen, Dämonen oder Sünder angesehen. Heute wissen wir über die etlichen Gründe für diese besondere Markierung Bescheid, und etwas so Romantisches wie das gebrochene Herz einer Mutter gehört definitiv nicht dazu. Normalerweise handelt es sich dabei um eine Anhäufung pigmentbildender Zellen oder um erweiterte Blutgefäße unter der Haut; und auch wenn sie keine Sünder kennzeichnen, werden die Träger manchmal immer noch bestraft.


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Ich habe mein Erdbeer-Hämangiom auf meinem Hals und Ohr nie als Zeichen einer schlimmen Tat in einem vergangenen Leben erachtet. Ich mag es sogar. Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter oft, dass es etwas besonderes sei und ich für Großes bestimmt sei, und ich glaubte ihr. Vielleicht glaubte sie ja an die osteuropäische Vorstellung, dass es Glück bringt, wenn man jemanden mit einem Muttermal anfässt.

Und obwohl mich niemand aufgrund meines Leberflecks schlimmer Dinge verdächtigt hat, musste ich viele neugierige Blicke einstecken. Als ich klein war, wurde meine Mutter ständig darüber ausgefragt, und ich war mit Sicherheit nicht die einzige, die sich dabei gelegentlich sehr unwohl gefühlt hat. Nusha Gurusinghe hat das Muttermal auf ihrem Oberarm als Kind gehasst. Im Gespräch mit i-D erinnert sie sich: "Für mich war es das Ende der Welt, und ich dachte, dass ich es bis zu meinem Lebensende verdecken müsste, weil es so scheußlich war."

Nusha trägt ein Kleid von TLC. Badeanzug: Nu. Ohrringe: Underground Sundae und Pip Stent.

Für Bridget Griffiths war das alles nicht so schlimm, sie mochte ihren angeborenen, haarigen Nävus auf ihrem Unterarm sogar. "Als kleines Kind habe ich ihn immer meinen pelzigen Nävus genannt. Ich glaube, diese Beschreibung passt viel besser, es ist eine viel liebenswürdigere Art, darüber zu sprechen."

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Sie trug ihr Muttermal voller Stolz und genoß die Aufmerksamkeit, die sie damit auf sich zog. Ohne einer bereits vorgefertigten kulturellen Theorie dazu begann sie, sich selbst die wildesten Geschichten auszudenken. "Als ich sechs war, erzählte ich meinen Klassenkameraden immer, dass ich für eine Art Voodoo-Ritual ein Stückchen Haut mit einem ‚Mann von einer Insel' getauscht hatte", fügt sie hinzu. "Und als ich sieben war, erzählte ich den anderen Kindern, dass es eine Verbrennung sei, weil ich Katzenbabys aus einem Feuer gerettet hatte. Das einzige Mal, dass ich überlegt habe, mir mein Muttermal entfernen zu lassen, war, als es mich ein bisschen zu sehr an meine Akne erinnert hat."

Rose Willis' Leberfleck ist auf ihrem Hals, und je nachdem, wen man fragt, wird man als Antwort hören, dass er die Form eines Herzen, eines Apfels oder der Mappe von Tasmanien hat. Es kommt oft vor, dass fremde Leute auf der Straße sie ansprechen, um ihr zu sagen, wie schön er ist. Wie auch in meinem Fall haben Roses Eltern dafür gesorgt, dass sie sich immer glücklich geschätzt hat, ihr Muttermal zu haben. Aber als Teenager wurden die Dinge dann etwas komplizierter. "Ich ging auf eine Mädchenschule, und ich mochte den Winter am meisten, weil ich dann einen Schal zu meiner Uniform tragen durfte, was bedeutete, dass ich mein Muttermal verdecken konnte."

Bridget trägt ein Oberteil von Hunter the label. Top, Ohrringe und Kette: Underground Sundae und MLD. Armband: Building Two.

Selbst Bridget überkamen irgendwann dann doch Zweifel. "In der High School gefiel mir meine Körperbehaarung nicht und ich entschied mich, die Haare abzurasieren, auch die auf meinem Muttermal. Erst letztes Jahr habe ich die Haare wieder in ihre natürliche, pelzige Form wachsen lassen."

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Je älter wir wurden, desto weniger Aufmerksamkeit zogen unsere Muttermale auf sich. Vielleicht fallen wir jetzt, da wir selbstsicherer sind, auch einfach nicht mehr so sehr auf; oder die Leute haben einfach mit dem Starren aufgehört. Vielleicht haben sich die Menschen durch die vielen Gespräche über Vielfalt an anders aussehende Leute wie uns gewöhnt. Und in Zeiten, in denen Shaun Ross und Chantelle Winnie zu den ganz normalen Models zählen, ist mein Muttermal vergleichsweise unspektakulär.

Doch die Beziehung zu seinem eigenen Muttermal hört mit dem Erreichen eines gewissen Alters nicht auf, sich weiterzuentwickeln. Als ich Rose fragte, ob sie meint, dass sie ohne ihrer herzförmigen Muttermale eine andere Person wäre, zögerte sie kurz: "Ich glaube, mein Charakter besteht aus viel mehr Dingen, als nur aus meinem Muttermal, aber ich habe dadurch auf jeden Fall vieles gelernt. Ohne meinem Leberfleck hätte ich vielleicht nicht die selben Lektionen gelernt. Es beschleunigt definitiv den Prozess der Selbstakzeptanz. Das Mal hat meine Beziehung zu meiner eigenen Haut vertieft, betont aber auch ihre Frivolität."

Bridget geht es da ähnlich. "Ich denke, ich habe durch die Male auf meinem Körper einen stärkeren Individualismus entwickelt. Mein Muttermal war die erste Sache, die mir dabei geholfen hat, mich selbst als Individuum zu akzeptieren." Wenn man ein Muttermal hat, wird man von klein auf daran erinnert, dass man anders ist. Durch mein dunkelrotes Mal führe ich ein andauerndes Gespräch mit mir selbst darüber, wie ich mich selbst sehe und wie ich anderen erlaube, mich wahrzunehmen.

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Während mein 13-jähriges Ich sich darüber den Kopf zerbrach, ob es sich sein Muttermal entfernen lassen soll oder nicht, bin ich heute sehr froh darüber, dass ich mich damals dafür entschieden habe, meine Haut unberührt zu lassen. Mein Erdbeer-Hämangiom ist kein Zeichen von Sünde, Angst oder Verlangen, sondern eher eine Mitgliedschaft in einer stillen Gruppe, und ich bin stolz darauf, dazuzugehören.

Credits


Fotos: Ben Thomson
Styling: Savannah Anand-Sobti

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