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So verrückt sehen traditionelle, japanische Rituale aus

Charles Fréger hat jahrelang Zeremonien im ländlichen Japan fotografiert. Uns hat er erklärt, welche Faszination sich hinter der zeremoniellen Kleidung verbirgt.

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Feb. 15 2018, 9:58am

Yokainoshima ist ein Neologismus und bedeutet so viel wie Monsterinsel. Dieser Titel seiner Fotoreihe birgt etwas Geheimnisvolles, das uns erst wirklich bewusst wird, wenn wir uns Charles Frégers Arbeiten genauer ansehen. Auf seinen vielen Reisen durch die ländlichen Gegenden Japans wollte der französische Fotograf vor allem eines einfangen: rituellen Gewänder. Diese Outfits werden während Zeremonien getragen, die gute Ernten beschwören oder böse Geister vertreiben sollen.

Folkloristische Traditionen sind Charles Spezialgebiet. Vom üppigen Federschmuck der Mardi Gras Indianer bis hin zu den maritimen Uniformen der Arbeiter in Outremer – Frankreichs Überseegebiete – hat der Fotograf schon alles vor seiner Linse gehabt. Wir wollten mehr über diese ungewöhnliche Faszination erfahren und haben uns mit Charles über sein Interesse für Materialien und darüber unterhalten, warum er kein Anthropologe ist.


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Wann hast du dich zum ersten Mal für Fotografie interessiert?
Ich komme aus einer ländlichen Gegend. Mein Vater war Farmer und ich habe Agrarwissenschaften studiert, bevor ich mit 20 an die École des Beaux Arts in Rouen gegangen bin. In der Schule hatte ich angefangen zu malen, bin dann aber recht schnell auf die Porträtfotografie umgestiegen. Mir gefällt die Idee von Fotoreihen, meine letzten haben mich an meine ländlichen Wurzeln erinnert.

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Uniformen und rituelle Gewänder sind in deinen Arbeiten ein wiederkehrendes Thema. Hast du in Frankreich welche gesehen?
Ich komme aus einer Gegend, in der es nicht viele Rituale gegeben hat; die Region heißt le Berry. Es gibt zwar keine Tradition der Verkleidung, aber es gibt eine Tradition der Hexenkunst, die bis in die 1940er oder 1950er Jahre existiert hat und seitdem verschwunden ist. Es hat auch Glauben an Heiler, vor allem Heilerinnen gegeben, und die sind in der Region immer noch verbreitet. Wir haben sie Zauberinnen genannt.

In Yokainoshima scheinen die Traditionen nach Geschlechtern getrennt und größtenteils männlich zu sein. Wie inklusiv sind die Rituale letzten Endes?
In Europa und Japan ist es das gleiche Phänomen: die meisten Traditionen dieser Art Maskerade sind männlich. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Männlichkeit und landwirtschaftlichen Fruchtbarkeit. Es gibt auf der japanischen Insel Sado und auch in Kagoshima Festivals, auf denen Kostüme gigantische Genitalien haben, die Fruchtbarkeit bringen sollen – vor allem was den Reisanbau betrifft. Ich habe tatsächlich vorwiegend Rituale fotografiert, die von Männern durchgeführt wurden.

Dein Fokus liegt auf traditioneller Kleidung. In welchem Verhältnis stehst du zur Modefotografie?
Ich habe im Bereich der Modefotografie gearbeitet, und [meine Arbeiten] schneiden immer noch das Skulpturelle an, weil ich Menschen mit Materialien verbinde. Für meine Fashion-Shoots sehen die Posen der Models aus wie Tänze und erinnern an Rausch- oder Trance-ähnliche Zustände.

Hast du schon im Vorhinein bestimmte Posen im Kopf?
Es gibt zwar immer einen Kontext, aber du kannst nicht alles vorausahnen. Du passt dich der Situation, dem Wetter un den Reaktionen der Models an. Der Zufall spielt dabei eine große Rolle. Ich habe eine Art Protokoll für die Beleuchtung, meine Bildeinstellung und die Beziehung zu den Leuten, die ich fotografiere. Es ist alles sehr strikt und geht immer darum, eine Harmonie oder Verbindung zwischen Model und Umgebung aufzubauen. Die Wahl der Kulisse ist unglaublich wichtig, deswegen finden meine Shootings so gut wie nie im Studio statt. Es ist immer ein Ort, der bewohnt ist, den eine bestimmte Atmosphäre umgibt.

Hast du das Gefühl, dass deine Arbeiten auch anthropologische Elemente haben?
Es ist eine künstlerische Serialität. Wenn es Gruppen gibt, fotografiere ich nicht unbedingt jede einzelne Person, weil nicht jeder dem entspricht, was ich suche. Ich gehe nicht wissenschaftlich vor und suche auch nicht nach Neutralität. Oft sehe ich das Ritual gar nicht live, sondern wird für das Shooting nachgespielt. Ich fotografiere also nicht während des echten Rituals, sondern integriere die Motive in meine fotografische Vision.

@charlesfreger

"Yokainoshima" is on view at Les Rencontres d'Arles photography festival at Église des Trinitaires in Arles, France through August 28, 2016.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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