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Modestudenten sprechen offen über den Druck ihres Studiums

... und wollen, dass ihr Abschluss und der damit verbundene Stress endlich ernst genommen wird.

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Mai 31 2017, 1:50pm

Die globale Textil- und Bekleidungsindustrie wird auf einen Wert von circa drei Billionen US-Dollar taxiert. Schätzungsweise bringen internationale Events wie die New York Fashion Week über 800 Millionen US-Dollar in die Stadt. Zwar ist es so gut wie unmöglich, genau zu sagen, wie viele Jobs es in dem Modesektor tatsächlich gibt, laut Fashionunited waren es im Jahr 2014 aber weltweit 57,8 Millionen Beschäftigte in der Bekleidungs- und Textilbranche. Um es kurz zu machen: Mode ist ein unglaublich großes Business.

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Trotz der enormen, wirtschaftlichen Bedeutung der Branche haben viele Probleme damit, ein Leben in der Modewelt als echte Karriere anzusehen. Viele Kreative müssen früher oder später die Erfahrung machen, dass ihre Jobentscheidung belächelt wird oder sie ihren Eltern diese zumindest erklären müssen. Besonders Modestudenten gilt dieses Gefühl des Nichtdazugehörens. Zusätzlich bringt das Modedesign-Studium besonderen emotionalen, finanziellen und kreativen Stress mit sich. Zu diesem kommt die schmerzvolle Erinnerung hinzu, dass ihre Arbeit weniger seriös sei als von Studenten, die traditionellere Fächer studieren.


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"Die fehlende Anerkennung für den immensen Aufwand, der in ein Designstudium hineingesteckt wird, macht mich wütend", sagt die Modestudentin Ruby McMillan. "Die Leute haben einfach keine Ahnung, wie viel Blut, Schweiß und Tränen in jedem Studienjahr stecken."

Sie ist mit diesen Gefühlen nicht alleine. Wir haben uns bei Modestudenten umgehört, die ihre persönlichen Geschichten mit uns geteilt haben. Außerdem haben uns Unmengen an Zuschriften erreicht, in denen Studierende ihre eigenen Eindrücke mit Stress, Druck und Isolation geschildert haben. Viele verwenden zwar ihre echten Namen, wollten aber nicht, dass wir den Namen ihrer Hochschule nennen.

"Bei mir dreht sich der Magen um, wenn ich endlich das tue, was ich liebe, aber total gestresst bin und mich mental und physisch hilflos fühle", schrieb uns die Bachelorstudentin Jordyn Smith in einer E-Mail.

"Ich habe noch nie zuvor diese Art von Stress und Druck gespürt. Arbeit, die ständig verbessert, aber auch so einfach zerstört werden kann", stimmt Mitstudentin Coral Jamieson ein.

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In einer E-Mail schildert die Mitbegründerin von Assk und ehemalige Studentin Sarah Schofield ihre Studienerfahrungen in Melbourne und Paris. Zwar haben alle Studierende Druck an den Hochschulen, aber Modestudenten leiden besonders unter Angstzuständen, weil die Arbeit nie endet. "Bei den kreativen Studiengängen ist der Workload immens. Es gibt immer mehr zu entdecken und mehr zu machen."

Es ist eine Realität, die Außenstehenden nur schwer zu erklären ist. "Designstudenten erhalten weniger Anerkennung für die Zeit und Energie, die sie reinstecken", so Jordyn. Kreative Studiengänge, bei denen das finale Abschlussprojekt im Mittelpunkt steht, können für Freunde, die im Studium standardisierte Tests absolvieren, manchmal auch nur schwer verständlich sein. "Es ist hart, wenn deine Freunde Fächer studieren, bei denen sie im Semester drei bis vier Mal getestet werden. Du hast dagegen ein Burn-out und wirst von ihnen ausgelacht, weil du ja nur Mode studierst und anscheinend nichts zur Gesellschaft beiträgst."

Die Jobaussichten nach dem Abschluss verschlimmern diesen täglichen Druck. Viele Studierende machen sich nicht nur Sorgen um ihr Studium, sondern auch darum, einen Job danach zu finden. "Die Mehrheit von uns Modestudenten wird keine Jobs in der Industrie bekommen, weil es so viel Wettbewerb gibt", erklärt Modestudentin Jess Gregory. Sie erlebt hautnah mit, wie dieser Wettbewerbsgedanken an der Hochschule immer sichtbarer wird: "Es gibt einige wenige Studenten, die sich unterstützen, anstatt sich gegenseitig fertig zu machen. Andere haben dagegen das Bedürfnis, sich ständig vergleichen und im Wettbewerb stehen zu müssen. Und das führt zu noch mehr Stress und Angstzuständen."

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Leider erfordert das ewige Streben danach, der Beste zu sein noch mehr Zeit und Aufmerksamkeit. "Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen, wie viel Geld ich für Uniprojekte ausgegeben habe, und die meisten finden es einfach nur lächerlich. Es kostet aber nun mal so viel, High-Concept-Kunstwerke zu produzieren", sagt Carol. "Es gibt so wenige Jobs in der Industrie. Um hervorzustechen, musst du auf einem hohen Niveau arbeiten und das erfordert eben viel Zeit und Geld."

Ein wichtiges Thema kam in den Gesprächen immer wieder auf: der finanzielle Druck. Den Studierenden wird gesagt, dass sie aufgrund des Workloads neben dem Studium nicht jobben sollen. Ohne sie wären allerdings nur die wenigsten in der Lage, die zusätzlichen Kosten des Studiengangs zu stemmen. Zwar können Modestudenten in der Uni die Nähmaschinen — zu den Öffnunsgzeiten — benutzen, trotzdem müssen sie aber immer noch ihre eigenen Stoffe und Materialien mitbringen. In einer Welt, in der das Hervorstechen alles ist und sich jeder Tag wie ein Vorsprechen anfühlt, kann die Schere zwischen denen, die sich die besten Ressourcen leisten können, und denen, die es nicht können, sehr weit auseinandergehen.

Natürlich sind sich die Hochschulen dieses Drucks bewusst und weisen darauf hin, dass sie keine teuren Materialien erwarten. "Alle kreativen Studiengänge kosten durch die Materialien mehr, besonders wenn es ins letzte Semester geht", erklärt Sarah. "Aber ich glaube nicht, dass die Hochschule erwartet, dass man für seine Kollektion viel Geld ausgibt."

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Studierende erhalten an den Hochschulen kreative und emotionale Unterstützung, Studioräume, grundlegende Materialien und Kontakte zum Großhandel. Diejenigen, die Materialien recyceln oder nicht-traditionelle Produkte entwerfen, werden für ihre Innovationen gefeiert. "Die Leute wissen, dass Studierende nur über begrenzte Mittel verfügen. Am Ende geht es um das Design und die Konstruktion, nicht darum, wer die teuerste Seide verwendet hat", fügt Sarah hinzu.

Designerin und Dozentin Ingrid Verner, die selbst einmal eine verzweifelte Studentin war und nun direkt mit ihnen arbeitet, erklärt dazu: "Es ist enttäuschend, wenn Leute wirklich gute Ideen haben, sie aber finanziell nicht in der Lage sind, sie umzusetzen." Zwar hätten vermögendere Studierende mehr Ressourcen zur Verfügung, das sei aber nicht immer von Vorteil. "Manchmal kann es etwas Positives haben, nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung zu haben."

"Es ist normal, dass du an deiner Nähmaschine sitzt und heulst", sagt uns Anita mit einem Lachen, die in ihrem dritten Jahr steckt. "Jeder hat Verständnis für einen Heulkrampf im Seminar. Das zeigt, dass wir alle für einander da sind." Im Studium hat Anita realisiert, dass die emotionale und soziale Intensität des Studiums sie auf die Industrie vorbereitet. "Wir sind alle gestresst und arbeiten wie Maschinen. Wir lernen, wie wichtig es ist, die eigene psychische und physische Gesundheit an erste Stelle zu setzen. Wir unterstützen uns gegenseitig, auch eine Pause zu machen, mit Freunden etwas trinken zu gehen, einen Spaziergang zu machen oder einfach auf der Couch zu liegen und sich nicht schuldig dafür fühlen zu müssen!"

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"Die Studierenden merken relativ schnell, ob sie für das Studium geeignet sind oder nicht. Wenn Modedesign das ist, was sie machen möchten, dann lernen die Mitstudierenden voneinander. Sie inspirieren sich gegenseitig und wachsen aneinander. Modedesign ist ein interessanter Studiengang, weil Außenstehende nur schwer nachvollziehen können, wie er funktioniert. Zwischen den Studenten entwickelt sich eine Bindung, eine Art Kameradschaft.", erzählt Ingrid über die Freundschaften, die durch das Studium entstehen können.

Das sind schöne Worte, doch wie geht es heutigen Studierenden damit? Ruby nähert sich dem Ende ihres Studiums und sagt: "Es ist der Druck und die Erwartungshaltung der Hochschule, die einen anspornen. Ich persönlich brauche den Druck der Deadline, um in die Gänge zu kommen." Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass Dozenten immer ihre Unterstützung anbieten. "Auch wenn es das stressigste Jahr meines Lebens war, hat es sich gelohnt."

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