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Wie dieser Underground-Club die russische Jugend beeinflusst

"Russland ist mehr als Wodka, Bären und Gosha Rubchinskiy": Wir haben uns mit dem Gründer, den Club Kids und Resident DJs von Kisloty über die kreative Zukunft von St. Petersburg unterhalten.

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Aug. 30 2018, 12:27pm

Von der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft bis zu einem der einflussreichsten Designer der Gegenwart: Mit Russland verbinden wir vieles. Eine Sache, die dabei aber oft übersehen wird, ist die wachsende Musikszene des Landes. Zu Unrecht. Wie Musiker wie die Moskauerin Kedr Livanskiy und die Underground-Produzenten wie Buttechno und RASSVET records mit ihren Sounds eindrucksvoll beweisen.


Auch auf i-D: Wir waren unterwegs mit Gosha Rubchinskiys Crew in St. Petersburg


Die meisten dieser Musiker treffen sich in dem Club Kisloty, das Berghain von St. Petersburg. Damals, als es noch ein weitgehend unbekannter Club für bei Nicht-Einheimische war. Im Internet findest du nur wenige Informationen darüber. Bekannt ist nur, dass es sich um einen alten Bahnhof handelt, der in einen elektronischen Underground-Club verwandelt wurde. Neben den Partys organisieren die Macher Ausstellungen und Talks, um einen Raum für Gleichgesinnte zu schaffen. Wir stellen dir die Menschen hinter dem Club vor, der die russische Jugendkultur beeinflusst wie kein zweiter.

Sasha, 27, Gründer von Kisloty

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Was machst du? Ich ziehe zwei Kinder groß, mache Musik und arbeite an ein paar Projekten, darunter auch Kisloty. Ich versuche immer, so vielen Dingen wie möglich gegenüber offen zu bleiben und mich nicht nur auf eine einzige Sache zu beschränken. Warum hast du Kisloty gegründet? Das war mehr eine Entscheidung als eine Notwendigkeit. Wir haben schon seit zehn Jahren Events organisiert und keiner der Örtlichkeiten hat so wirklich zu dem gepasst, was wir machen wollten. Ich hatte das Gefühl, dass immer wieder die gleichen Musiker in verschiedenen Locations gespielt haben. Keiner der Clubs hatte seine eigenen Residents, sondern hat nur versucht, so viele verschiedene DJs wie möglich zu buchen, um ein größeres Publikum anzuziehen. Das wollten wir ändern! Welche Botschaft steckt hinter dem Club? Es war schon immer das Ziel, uns nicht nur auf das Nachtleben zu beschränken. Vor allem jetzt, im Sommer, benutzen wir den Ort auch für Ausstellungen und öffentliche Vorträge. Eine Community aufzubauen, die sich auf starke zwischenmenschliche Beziehungen stützt, ist wichtig für die Entwicklung von Kultur und für unser Land im Allgemeinen.

@sashatsereteli

Vika, 20, Clubkid und Muse von Kisloty

Was machst du? Ich bin Schauspielerin und Designerin. Zusammen mit meiner Mutter habe ich das Label SPACE LOCK gegründet. Was braucht ein guter Rave für dich? Gute Musik und eine großartige Soundanlage – und das in guter Gesellschaft ohne irgendwelche Rüpel. Was wünscht du dir für die Zukunft von Russland? Natürlich wünsche ich mir, dass unsere Regierung mehr Geld für Kultur bereitstellt, so kann auch die Zukunft des Kinos gerettet werden. Ich will, dass unsere Generation der Welt zeigen kann, dass Russland mehr ist als nur Wodka, Bären und Gosha Rubchinskiy. Wie würdest du die Underground-Musikszene hier beschreiben? Schwer zu finden und einfach zu verlieren. Was bedeutet Community für dich? Für mich geht es vor allem um gemeinsame Interessen. Es ist großartig, wenn du eine kleine Familie in den Leuten findest, die dich unterstützen.

@vikasobol

Tihon, 26, Art Director von Kisloty

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Inwiefern inspiriert St. Petersburg deine Arbeit? Die Stadt ist ein Ort voller Energie. Seine Einwohner, die Umgebung, die Orte, an denen ich Zeit verbringe: All diese Dinge bringen mich dazu, neue Ziele für meine Zukunft zu setzen. Diese Energie und das Verlangen, etwas zu kreieren, habe ich bis jetzt in keiner anderen Stadt erlebt. Was bedeutet Community für dich? Es ist mein enger Freundeskreis und allgemein Leute, die ähnlich denken und fühlen. Erzähle uns von deiner besten Nacht im Kisloty. Das war definitiv meine eigene Party "Модный Клуб". Wie würdest du deine Generation beschreiben? Wir sind Leute, die keinerlei Vorurteile haben oder sich nach von anderen auferlegten Stereotype richten, wie Menschen zu leben hätten. Wir machen das, was sich richtig für uns anfühlt – und das so gut wie möglich.

@lord_tihon

Milyukos, 20, Resident Artist im Kisloty

Wie würdest du die Atmosphäre im Kisloty beschreiben? Es ist gemütlich und fühlt sich nach Zuhause an. Du machst die Poster für die Events im Kisloty. Was braucht es deiner Meinung nach für ein gutes Poster? Es muss überzeugen. Um das zu gewährleisten, musst du zuerst deinen eigenen Stil finden, ohne dabei andere zu imitieren. Inwiefern inspiriert St. Petersburg deine Arbeit? Es sind die Menschen hier, das Gedränge auf den Straßen und all die Schwierigkeiten, mit denen du jeden Tag fertig werden musst. Kisloty wurde aber auch zu einer großen Inspiration für mich. Welchen Rat würdest du jedem jungen Kreativen mit auf den Weg geben? Vertraue dir selbst und mache Dinge nicht einfach nur, weil du anders als die anderen sein möchtest. Du solltest immer versuchen, deinen eigenen Stil zu finden und deine Gedanken auf ehrliche Weise in deinen Arbeiten widerspiegeln.

@milyukos

Rostislav, 25, Clubkid und Freund von Kisloty

Was machst du? Menschen dazu inspirieren, gut auszusehen und teure Klamotten zu kaufen. Wie würdest du die Underground-Musikszene in St. Petersburg beschreiben? Entweder ist es so Underground, dass ich nicht darüber Bescheid weiß, oder super offensichtlich. Wohin gehst du, wenn die Musik aufhört und die Lichter angehen? Die Party ist immer dort, wo meine Freunde sind. Der Ort spielt keine Rolle.

@puhloland

Yana, 24, Clubkid und Freundin von Kisloty

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Was machst du? Ich bin Künstlerin und Model. Erzähl uns von deiner besten Nacht im Kisloty. Wir haben eine Ausstellung vorbereitet, sind über Nacht im Club geblieben und haben auf Leinwänden geschlafen. Was ist das Beste daran, in St. Petersburg zu leben? In der Stadt kannst du deine Kreativität ausleben, außerdem kannst du hier sehr billig leben. Aber es kann auch schnell langweilig werden und es gibt nur wenige sonnige Tage – trotzdem liebe ich es hier. Wohin gehst du, wenn die Musik aus und die Lichter an gehen? Zur Bar. Wenn du der Welt eine Frage stellen könntest, welche wäre das? Für was lebst du?

@yanakryukova

Kirill, 21, Resident DJ im Kisloty

Was machst du? Ich bin Künstler und DJ. Wie würdest du die Atmosphäre im Kisloty beschreiben? Sie ist definitiv anders. Es fühlt sich hier absolut nach Zuhause an, nur dass im Kisloty verrückter getanzt wird. Der beste Track, um die Party zu beenden? Ich kann mich nicht entscheiden, deswegen habe ich drei: 1) Modelist – Sine Silex, 2) Trust – Shoom and 3) Ton Rire – Bionda E Lupo. Was ist das Beste daran, in St. Petersburg zu leben? Meine Freunde! Es gibt nichts Schlimmeres als neidische, scheinheilige Menschen, die dich nicht in Ruhe lassen. Wie wichtig ist das Kisloty als Safe Space? Meiner Meinung nach gibt es keine sicheren und unsicheren Orte – alles passiert in unseren Köpfen. Wenn du der Welt eine Frage stellen könntest, welche wäre das? Würdest du lieber in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft leben wollen?

@shapovalokirill

Gleb, 22, Resident Artist im Kisloty

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Was machst du? Ich zeichne und bin Tattoo-Künstler. Wie würdest du die Atmosphäre im Kisloty beschreiben? Es ist der einzige Underground-Club in St.Petersburg, in dem jeder tun und lassen kann, was er will. Hier macht es immer Spaß! Was inspiriert dich? Im Moment zu leben. Mich inspiriert die Haltung der Leute hier, wenn es um Kunst geht. St. Petersburg steckt voller kreativer Menschen. Was ist das Beste daran, heutzutage jung zu sein? Die jüngere Generation hat mehr Möglichkeiten, etwas in der Welt zu verändern. Welchen Rat würdest du jedem jungen Künstler mit auf den Weg geben? Hab' keine Angst, neue Leute kennenzulernen.

@g.pesoc

Lolja, 28, Resident DJ im Kisloty

Was machst du? Ich bin DJ, Künstlerin und eine intersektional-feministische Aktivistin. Ich studiere zeitgenössische Kunst und arbeite mit verschiedenen Medien wie Fotografie, Video und Sound. Für mich ist es wichtig, meine politischen Ansichten durch meine Arbeit zu kommunizieren. Was braucht es für einen guten Rave? In Russland ist ein guter Rave einer, der nicht von der Polizei dicht gemacht wird und deine Freunde nicht durchsucht werden. Erzähle uns von deiner besten Nacht im Kisloty. Sasha, der Besitzer des Clubs, hat eine spontane Party zum Internationalen Weltfrauentag organisiert. Durch Social Media hat es sich so schnell verbreitet, dass plötzlich ein Haufen Leute da waren. Wir haben die ganze Nacht lang improvisierte Sets gespielt – das hat sich wirklich sehr befreiend angefühlt. Wie würdest du deine Generation beschreiben? Unsere Generation wird immer kosmopolitischer – und dadurch hoffentlich auch vorurteilsfreier. Einer der größten Probleme in unserer Gesellschaft ist die fehlende Bildung. Unser staatliches Bildungssystem wird jedes Jahr schlechter, weil die Regierung keinerlei Interesse zeigt, die Leute auszubilden. Zum Glück haben wir das Internet und die sozialen Netzwerke. Es ist eine großartige Möglichkeit für junge Menschen, sich Dinge selbst beizubringen und an die Informationen zu kommen, die sie brauchen.

@loljanordic

Credits


Fotos: Nikita Gavrilov
Video: Paveil One
Creative Production: Roman Gunt

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