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Dieser Künstler will, dass du lernst, dich unwohl zu fühlen

Terre Thaemlitz, auch bekannt unter ihrem Künstlernamen DJ Sprinkles, erklärt dir, warum du nicht immer nur glücklich sein kannst und welche Rolle Langweile in ihren Sound-Performances spielt.

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Apr. 10 2018, 10:49am

Foto: Ruthie Singer DeCapite

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Terre Thaemlitz ist anders. Nicht nur weil sie sich in ihren Arbeiten mit wichtigen Themen wie Sexualität und Gender auseinandersetzt, sondern weil er an etwas interessiert ist, das die wenigsten von uns gerne lange aushalten: Langeweile. Anstatt sich zu fragen, wie sie erst gar nicht aufkommt, konfrontiert Terre seine Zuhörer lieber damit. Wie er das genau schafft, hat er in vier, sehr unterschiedlichen Sound-Performances im Rahmen von MaerzMusik in Berlin gezeigt. Falls du diese verpasst haben solltest, geben wir dir einen kleinen Einblick in die Welt von Terre Thaemlitz und ihrer politischen Ambientmusik.


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Mittlerweile lebt die Amerikanerin in Japan, hat mit Comatonse Recordings ihr eigenes Plattenlabel gegründet, spricht regelmäßig über Gender und Sexualität auf Panels und gehört zu den Urgesteinen der Deep-House-Szene. Im Interview erklärt uns Terre, warum Traurigkeit und Unbehagen zum Leben dazugehören und warum wir lernen müssen, uns unwohl zu fühlen, anstatt davor wegzurennen.

Wie würdest du jemandem beschreiben, was du machst, der sich zum ersten Mal mit deinen Arbeiten auseinandersetzt?
Alle Performances drehen sich um Langeweile als Möglichkeit, konzentrierter zuzuhören. Ich finde, dass es ziemlich einfach ist, eine unterhaltende Umgebung zu schaffen. Wenn die erwartete Freude aber nicht eintritt, werden die Leute schnell frustriert. Sobald du die Langeweile akzeptiert hast – und das braucht Zeit –, gelangst du zu einer anderen Art des Zuhörens, bei der es nicht mehr um Unterhaltung geht. Man muss sich durch die Langeweile durcharbeiten.

Was soll der Zuhörer von deinen Performances mitnehmen?
Bei meinen Studiokompositionen interessiere ich mich für den Dialog, wenn es aber um Live-Performances geht, wird die Reaktion des Publikum zu einer Belastung. Ich mag es, wenn diese nicht immer glatt verläuft. Nach einer meiner Performances bei MaerzMusik gab es zum Beispiel für 30 Sekunden keinerlei Reaktion vom Publikum. Diese merkwürdige Pause war großartig, weil ich gespürt habe, dass es nicht sofort auf das reagieren kann, was es gerade gesehen und gehört hat. Das Unbehagen der Leute zu fühlen, war viel besser als Applaus.

Foto: Comatonse Recordings

Was hatten all' deine Performances bei der diesjährigen MaerzMusik gemeinsam?
Mich [Lacht]. Aber nicht in einem totalisierenden Sinne. In verschiedenen Genre und Stilen zu arbeiten, ist auch eine metaphorische Verlängerung meiner Zugänge in Sachen Gender und Sexualität. Es ist etwas Vielschichtiges, das manchmal auch im Gegensatz zueinander steht. Um genau diese Gegensätze und Gleichzeitigkeit geht es mir – und das weder in einem romantischen, noch tribalistischen oder fetischistischen Sinn. Es geht vielmehr darum, zu verstehen, dass sich die meisten Menschen immer noch in einer sehr schwierigen Lage befinden. Und die Art, wie die Mainstream-LGBTQ-Kultur dazu strebt, unsere Schwierigkeiten durch Heteronormativität zu lösen, lässt nur neue Spannungen entstehen, die wiederum durch die Globalisierung in die ganze Welt herausgetragen werden.

Foto: Elmar Kaiser

Ich habe gelesen, dass du "das Verborgene frei legen möchtest, ungefühlte Machtdynamiken, die unser Verlangen im Hier und Jetzt formen". Kannst du das ein bisschen genauer erklären?
Es geht prinzipiell darum, die sozialen Dynamiken hinter den Dingen freizulegen, die wir verinnerlichen, als natürlich wahrnehmen und mit denen wir uns am wohlsten fühlen. Je mehr sich jemand mit seiner Identität wohlfühlt, desto konstruierter ist sie – zumindest ist das für mich der Fall, vor allem in Bezug auf Gender und Sexualität. Es ist sehr wichtig, Mittel zu finden, mit Unbehagen im Leben zurechtzukommen, anstatt ständig davor wegzurennen. Wir fühlen uns alle unwohl und sind alle unglücklich.

Würdest du sagen, dass wir uns aus unserer eigenen Komfortzone bewegen sollten, um uns unwohler zu fühlen?
Das Leben ist für jeden unbequem. Kapitalistische Gesellschaften wollen uns erzählen, dass Zufriedenheit von unserem Lebensstil abhängt. Dieses falsche Versprechen könnte nicht vermarktet werden, wenn die Leute tatsächlich glücklich wären. Es geht also nicht darum, sich aus etwas herauszubewegen, um etwas zu werden, sondern die kulturellen, sprachlichen und ideologischen Mittel zu finden, um eine unvermeidliche Realität direkter anzusprechen. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass Unbehagen und Traurigkeit Teil unserer Existenz sind. Was würde es bedeuten, wenn wir uns nicht mehr darauf konzentrieren würden, dem Elend zu entfliehen, sondern ehrlicher und direkter darauf reagieren würden? Es ist wichtiger, Wege zu finden, mit dem Unbehagen zu leben, anstatt ständig zu versuchen, es zu unterdrücken.

@terrethaemlitz

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