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Warum ziehen sich immer mehr Pärchen identisch an?

Der "Twinning"-Trend aus Südkorea sagt viel über Geschlechternormen aus.

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Juli 25 2018, 1:35pm

Foto: Collage via i-D UK/ Screenshots von Instagram und Instagram

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Sie tragen die gleichen Pullis, Hosen und Shirts, teils in unterschiedlichen Farben, teils sogar identische Teile. Wenn sie verrückt drauf sind, trägt sie Rock oder Kleid, er Hose. "Twinning" gehört auch fernab der Seoul Fashion Week auf den Straßen der asiatischen Metropole zum Alltag. Und es hat wenig gemeinsam mit deutschen Mittfünfzigern, die das gleiche Jack-Wolfskin-Jackenmodell in unterschiedlichen Farben oder den gleichen praktischen Regenmantel tragen.


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Auch bekannt unter dem Begriff "Couple Look" weiß niemand so genau, woher der Trend kommt. Manche sagen, der Look sei von erfolgreichen Fernsehserien wie The Heirs und Secret Garden inspiriert worden, andere schreiben ihn Instagram zu. Dort findet man unter dem Hashtag #couplelook Tausende von Outfit-Inspirationen.

In kaum einem anderen Land auf der Welt genießen Dating und Romantik einen so hohen Stellenwert wie in Südkorea. Alle 100 Tage feiern Pärchen mit Geschenken und Ringen ihr Beziehungsjubiläum. Hier gibt es sogar jeden Monat einen Valentinstag.

Man könnte den Couple-Look aber auch als weiteres Symbol für die Besessenheit der Südkoreaner mit ihrem Aussehen interpretieren. Seoul ist nicht nur ein internationaler Mode-Hotspot, hier legen sich pro Bewohner die meisten Menschen unters Messer. In einem Land mit einheitlichen Schuluniformen und einer zweijährigen Wehrpflicht für junge Männer ist es keine Überraschung, dass Uniformität für viele eine besondere Anziehung ausübt.

Vor allem die junge Generation Südkoreas versucht, neue Freiräume innerhalb der konservativen Familiendynamiken zu erobern. Laut der chinesisch-kanadischen Autorin Crystal Tai, die in Seoul lebt, sei es für junge Südkoreaner und -koreanerinnen schwierig, emotional und sexuell intim zu werden. "Wenn man sich die Toiletten in der U-Bahn-Stationen anschaut, gibt es dort Automaten mit Kondomen und anderen Sex-Utensilien." Diese Dinge verwenden junge Südkoreaner vor allem in Liebeshotels, die gerade einen Boom erleben. Das liegt nicht nur an den vielen außerehelicher Affären – Scheidung gilt in Südkorea nach wie vor als Tabu. "Junge Pärchen haben keinen anderen Ort, an dem sie miteinander Spaß haben können, weil die meisten noch zu Hause bei ihrer Familie leben."

Für Joie Reinstein, Trendforscherin und Kulturanthropologin aus Südkorea, liegt die Erklärung für dieses Verhalten in der eigenen Welt der jungen Generation. "Ein südkoreanischer Freund meinte mal zu mir, dass ihn Ausländer oft fragen, warum die Pärchen in Südkorea immer die gleichen Sachen tragen und sich so öffentlich daten", sagt Joie. "Die Antwort: weil sie nirgendwo anders hingehen können. Der einzige Ort, an dem sie zusammen sein können, ist die Öffentlichkeit. Deswegen ist das Aussehen in südkoreanischen Beziehungen so wichtig. Netflix and chill kennen wir in Südkorea nicht."

Der Couple-Look sagt auch viel über die biederen Geschlechternormen aus, die jungen Südkoreaner vorschreiben, wie sie auszusehen und sich anzuziehen haben. Für das westliche Auge scheinen die männlichen K-Pop-Stars mit ihrer glänzenden Haut und den gefärbten Haaren vielleicht sehr feminin. Für ihre jungen weiblichen Fans stehen sie für eine neue Maskulinität. Diese südkoreanische Genderfluidität hat allerdings wenig mit einer progressiven Einstellung gegenüber der LGBTQ-Community zu tun. Sie entspricht vielmehr dem Uniformitätsgedanken der südkoreanischen Kultur.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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