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So fühlt es sich an, queer in Südkorea zu sein

Wir haben mit Kreativen aus der ostasiatischen LGBTQ-Community über die Probleme und Herausforderungen, vor denen sie stehen — und ihren Wunsch für mehr Diversität zu sorgen, gesprochen.

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Aug. 23 2017, 10:14am

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D Mexico.

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Was machst du? Ich bin eine Drag Queen. Wird die LGBTQ-Szene in Seoul aktiver? Definitiv, ja. Das Korea Queer Cultural Festival, das jeden Sommer in Seoul stattfindet, wird jedes Jahr besser. Der CSD in Daegu ist auch ziemlich groß. Es gibt sogar Drag Queens aus dem Ausland, wie Kim Chi, die für Auftritte hierherkommen. Was ist das größte Problem für die LGBTQ-Szene in Südkorea?Dass die Leute nicht verstehen, worum es bei Drag geht. Drag Queens sind für viele hier nur Männer, die Frauenkleider anziehen.


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Wie können andere die LGBTQ-Community in deiner Stadt unterstützen? Die Leute können auf Events der LGBTQ-Community gehen wie Shows von Drag Queens oder die CSD-Demos. Was ist das beste daran, in Seoul zu leben? Das Kimchi. Es verkörpert das Koreanische und ist für uns sehr besonders. Bei dem Tanz Rough Cut von Pina Bausch benutzte sie Kimchi als Thema für ihre Arbeit.

Punta, 21 und Ryoo, 21

Was machst du? Punta: Ich mache eine Menge Dinge: Design und Illustrationen, aber hauptsächlich arbeite ich als Tätowiererin und habe die queer-feministische Tätowierer-Gruppe Felis Ink gegründet. Ryoo: Ich zeichne und lerne, wie ich tätowiere. Wird die LGBTQ-Szene in Seoul aktiver? Punta: Sie ist sichtbarer als früher. Wir haben, was LGBTQiA-Rechte angeht, aber noch einen langen Weg vor uns. Man muss sich nur mal anschauen, wie die Medien über queere Menschen berichten. Ryoo: In Seoul blüht die LGBTQ-Kultur. In Gegenden wie Itaewon und Hongdae sieht man vergleichsweise viele queere Menschen — deswegen fühle ich mich da wohl. Was ist das größte Problem für die LGBTQ-Szene in Südkorea? Punta: Es gibt viele, die die queere Community hassen und Vorurteile haben. Im Stadtzentrum von Seoul gab es dieses Jahr eine hasserfüllte Demo gegen queere Menschen. Ryoo: Ich habe viele konservativ-christliche Freunde, bei denen ich mich nicht outen kann. Es existieren so viele falsche Informationen über die LGBTQIA-Community. Viele der Mainstream-Medien zeigen nicht, wie wir wirklich leben. Es ist ein Teufelskreis. Wie können andere die LGBTQ-Community in deiner Stadt unterstützen? Punta: Laut einer aktuellen Umfrage kennen die meisten Südkoreaner keine queeren Menschen. In Südkorea ist es extrem mutig, sich zu outen. Wir sollten uns aber weiter sichtbar machen. Es wird nicht leicht, aber wir werden das schaffen. Ryoo: Die Leute so zu akzeptieren, wie sie sind und sich bewusst machen, dass es dabei für uns um eine Frage des Überlebens in dieser Stadt geht.


Dozin Lee, 30

Was machst du? Ich bin Grafikdesigner, gebe das Schwulenmagazin DUIRO heraus und betreibe das LGBT-Zentrum Freckles. Wird die LGBTQ-Szene in Seoul aktiver? Sichtbare Veränderungen gibt es momentan noch nicht, aber die jüngere Generation informiert sich über die sozialen Netzwerke. Vlogger und Podcaster aus der LGBTQiA-Community sprechen die Leute auf eine entspanntere Art und Weise an. Das sorgt dafür, dass sich das negative Bild der queeren Menschen ändert. Die Leute haben Angst vor der Community, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben. Was ist das größte Problem für die LGBTQ-Szene in Südkorea? Die Beziehungen zu den eigenen Eltern. In ostasiatischen Ländern ist es schwer, als Individuum außerhalb von Gruppen zu existieren. Wegen der wirtschaftlichen Situation in Südkorea ist es für junge Leute auch umso schwieriger, selbstständig zu sein, sogar noch mit Anfang 30. Das erschwert das Coming-out , weil sie immer noch unter dem Einfluss ihrer Eltern stehen. Ihre sexuelle Identität kann zu einer Bürde für ihre engen Beziehungen werden. Wie hilfst du der LGBTQ-Community in Seoul? Einer der Gründe, warum ich das Magazin mache, ist, dass die Leute wissen sollen, dass es Kreative in der LGBTQ-Community gibt. Gute Inhalte können die Sichtweise von Menschen verändern. Das Zentrum Freckles steht offen für Vorträge, Ausstellungen und Treffen.


Seesea, 30

Was machst du? Ich bin DJ und Schreinerin. Wird die LGBTQ-Szene in Seoul aktiver? Ja, ich denke, dass die Leute die LGBTQ-Community bewusster wahrnehmen — und diese bestimmt gerade die Kultur in Seoul. Was ist das größte Problem für die LGBTQ-Szene in Südkorea? Die katholische Kirche. Wie können andere die LGBTQ-Community in deiner Stadt unterstützen? Koreaner verstehen das Konzept von Diversität nicht, aber das müssen sie. Das sollte ihnen schon in der Grundschule vermittelt werden. Was ist das beste daran, in Seoul zu leben? Das Essen.

Lindsay Gary Ryklief, 28

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Was machst du? Ich bin DJ, Promoter und Fotograf. Wird die LGBTQ-Szene in Seoul aktiver? Ja. Ich lebe seit 5 Jahren in Südkorea und jedes Jahr merke ich kleine Veränderungen. Der CSD wird zum Beispiel immer größer und es gibt mehr LGBTQ-Partys und Clubs. Und hier gibt es eine große Drag-Queen-Kultur. Was ist das größte Problem für die LGBTQ-Szene in Südkorea? Die Gesellschaft ist immer noch sehr konservativ. Die älteren Generationen akzeptieren sie nicht und sehen öffentliche Zuneigung als verpönt. Deswegen sieht man sie auch kaum, es sei denn, man läuft im Schwulenviertel herum. Es gibt hier keine gleichgeschlechtliche Ehe. Und viele Koreaner können mit ihren Familien nicht über ihre Sexualität reden, weil sie Angst haben, verstoßen zu werden. Wie beeinflusst deine Arbeit die LGBTQ-Community in Seoul? Als Promoter versuche ich, Safe Spaces für die Community zu schaffen, damit sie ohne Scham sie selbst sein können. Mit unseren Partys verändern wir das Klima und schaffen eine Alternative in der Underground-Musikszene. Ich versuche auch, die LGBTQi- mit der heterosexuellen Community an einem Ort zu integrieren, weil wir alle die Liebe zur Musik teilen. Wie können andere die LGBTQ-Community in deiner Stadt unterstützen? Seid respektvoll und hört auf die Community in Klischees einzuteilen. Unterstützt sie lieber und setzt euch für sie ein.

Chulhee Park, 29

Was machst du? Ich bin Grafikdesigner und besitze eine schwule Buchhandlung. Wird die LGBTQ-Szene in Seoul aktiver? Ja. Als ich die Buchhandlung eröffnet habe, war die Anzahl der LGBT-Veröffentlichungen überschaubar. Jetzt hat sich das grundlegend verändert und es erscheinen viele Sachen so schnell. Vielleicht bin ich auch fauler geworden. Was ist das größte Problem für die LGBTQ-Szene in Südkorea? Korea ist traditionell sehr konservativ, was Geschlechterfragen angeht. Es ist nicht leicht, die Ansichten der Leute zu verändern. Ich glaube zwar, dass es sich verändern wird, aber ch werde wohl tot sein, wenn der Punkt gekommen ist, dass ich ein angenehmes Leben führen kann. Warum hast du eine Buchhandlung eröffnet? Einer der Gründe ist, dass die meisten LGBTQ-bezogenen Läden nachts geöffnet haben. Ich dachte mir einfach, dass es toll wäre, wenn es auch tagsüber einen Ort für LGBTQ-Kultur gibt. Deshalb habe ich den Laden auch Sunny Bookshop genannt. Für manche Leute erfordert es eben enormen Mut, ein schwules Buch zu kaufen. Wir veranstalten auch offene Workshops, bei denen berühmte Karikaturisten kommen, die Penisse zeichnen — und es gibt auch Wettbewerbe. Was ist das beste daran, in Seoul zu leben? Dass man Veränderungen sieht.

Credits


Fotos: Kanghyuk Lee

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