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Die georgische Jugend tanzt für mehr Freiheit in Tiflis

Am Wochenende haben sie einen Rave vor dem Parlament veranstaltet, nachdem bewaffnete Polizisten zwei Nachtclubs gestürmt hatten. Wir haben mit den furchtlosen Kreativen darüber gesprochen, was passiert ist – und wie es weitergeht.

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Mai 16 2018, 12:25pm
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Am Wochenende wurde der Platz vor dem Georgischen Parlament in Tiflis zu dem größten Rave, den die Stadt je gesehen hat. Es war ein Moment der kulturellen Auflehnung. Der nicht genehmigte Rave war ein Protest gegen die brutalen Polizeiangriffe auf die beiden bekanntesten Nachtclubs der Stadt, Bassiani und Café Gallery. Am Samstagmorgen wurden sie von der Polizei gestürmt und Dutzende Clubgänger und die beiden Bassiani-Mitbegründer Tato Getia und Zviad Gelbakhiani festgenommen. Angeblich wurden die beiden Razzien durchgeführt, weil die Regierung das Bassiani für fünf durch Drogen verursachte Tode in den letzten Wochen verantwortlich gemacht hatte, obwohl sich keiner davon in dem Club selbst ereignet hatte.

Doch die georgische Jugend hat gezeigt, dass ihnen das Recht zu tanzen und frei zu sein, nicht so einfach genommen werden kann. Stundenlang bewegte sich die begeisterte Menge zu Techno-Klängen in pinken Rauchschwaden – vereinigt unter dem Slogan: "We Dance Together, We Fight Together".


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In den vergangen Jahren war die Kreativität die treibende Kraft für positive Veränderung in Georgien. Zwischen Asien und Osteuropa gelegen gehörte Georgien für den Großteil des 20. Jahrhunderts zur Sowjetunion. Danach folgten die turbulenten 90er Jahre, in denen das Land unter Bürgerkrieg, Wirtschaftskrise und den Einmarsch russischer Truppen litt. Heute steht es vor einem wichtigen Übergang: eine neue Generation will etwas verändern und dem Land zu internationaler Aufmerksamkeit verhelfen.

Prominente Talente haben Georgien bereits ins Scheinwerferlicht gerückt, dazu gehören Vetements' und Balenciagas Creative Director Demna Gvasalia und Künstler Andro Wekua – aber auch junge Talente wie Modedesigner und Situationist-Gründer Irakli Rusadze und George Keburia, der Outfits für Lady Gaga designt hat und Sonnenbrillen, die Rihanna und Solange getragen haben. Auch die blühende Techno-Szene des Landes zieht Leute von außerhalb an.

Wir haben mit den furchtlosen Kreativen in Tiflis über Freiheit, Kreativität und die Hoffnungen für ihr Land gesprochen.

Etuna Machavariani , 25, Psychiaterin
"Heute sind junge Leute zusammengekommen, weil eines der wichtigsten Grundgesetze verletzt wurde. Haben wir das Recht uns in unserem eigenen Land sicher zu fühlen? Müssen wir keine Angst davor haben, dass die Polizei die Unschuldigen zu Boden wirft und eine Waffe auf sie richtet? Als Antwort auf die Brutalität der Regierung habe ich eine Vereinigung vernünftiger, junger, wundervoller Menschen gesehen. Am Ende hat die Regierung nachgegeben, zu einfach und zu unproduktiv. Und nun, da sich der Staub der Begeisterung gelegt hat, frage ich mich: War das alles nur eine inszenierte Show? Ein kontrolliertes Theaterstück, um Macht und dann die beschwichtigende Freundlichkeit der Regierung zu demonstrieren? Dieser schlechte Nachgeschmack verdirbt mir den Sieg. Aber eines ist sicher: Die vereinigende und starke Willenskraft der Jugend ist das Einzige, das mir in Zeiten von Massenhysterie und Unsicherheit Hoffnung gibt.

Es fühlt sich an, als gäbe es zwei verschiedene Welten hier. Der eine Teil der Gesellschaft, der sehr aufgeschlossen ist und an die Zukunft denkt, und der andere, der die raue Realität der konservativen Mehrheit widerspiegelt. Der Fortschritt ist da, wir sind einen langen Weg gegangen, um dort hinzukommen, wo wir heute stehen. Ich will, dass Georgier aufhören, politische, religiöse und alle anderen Formen von Autorität als ihr Vorbild anzusehen und sich geistig davon befreien."

Giorgi Wazowski, Modefotograf und Stylist
"Ich war mit Freunden im Café Gallery, als plötzlich Leute zu uns rüberkamen, uns eine Waffe ins Gesicht hielten und uns dazu zwangen, uns auf die Tanzfläche zu legen. Wir wussten nicht, was passiert. Sie haben unsere Taschen durchsucht und wir durften unsere Handys nicht benutzen. Das Ganze hat fast 15 Minuten gedauert, bis sie uns gehen ließen. Wir haben erst gecheckt, dass es Polizisten waren, als wir draußen waren. Das haben sie uns davor nämlich nicht gesagt.

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Wir wollen in keinem Land leben, in dem die Polizei einfach mit Waffen auf uns zukommen und erzählen kann, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir wollen frei sein, zusammen tanzen und Spaß haben.

Die Kreativszene in Tiflis ist gerade sehr spannend, alles verändert sich sehr schnell. In Sachen Mode haben wir einige großartige Namen wie George Keburia und Gola Damian. Ich liebe die Tatsache, dass sie in der gleichen Stadt leben, aus der gleichen Generation stammen und trotzdem eine unterschiedliche Ästhetik haben. Ich glaube wirklich daran, dass Tiflis ein internationaler Ort für Mode sein kann, auch wenn es harte Arbeit und unglaublich viel Engagement verlangt."

Louisa Chalatashvili, 30, Fotografin
"Allgemein ist die georgische Gesellschaft immer noch konservativ, aber in den letzten 10-15 Jahren hat sich viel verändert – die Leute werden immer aufgeschlossener. Durch soziale Medien können wir unsere Position und unseren Protest artikulieren, was den Pluralismus fördert. Sogar die älteren Generationen fangen an, mehr Dinge zu akzeptieren, weil sie dazu gezwungen sind, viele verschiedene Positionen zu rezipieren. Die junge Generation ist definitiv anders. Wir haben einen DIY-Spirit, was Kunst und Mode angeht und wie wir allgemein kreativ sind. Wir wissen besser über Menschenrechte Bescheid und fühlen uns verantwortlicher. Unsere Gesellschaft muss toleranter werden, vor allem was Minderheiten und jegliche Art von Andersartigkeit angeht. Wenn wir mit einem bestimmtes Problem zu kämpfen haben, sollten wir uns nicht zurückhalten, sondern agieren."

Ika Jojua aka Aghnie, 34, Sound- und Visual Artist
"Gerade verändert sich etwas. Es tut gut, so viele junge Menschen zu sehen – und ältere natürlich auch –, die rausgehen und für Freiheit, Gleichberechtigung und Frieden kämpfen. Es hat sich so vereinigend angefühlt, inmitten dieser tollen Menschen zu stehen, Gedanken zu teilen, zu tanzen und Teil der gleichen Bewegung zu sein. Junge Menschen wollen, dass dieses Land ein besserer Ort wird – und das ist das Wichtigste für mich.

In Bezug auf die georgische Gesellschaft gibt es einige Werte, die bei einigen Menschen so tief verankert sind, dass es manchmal zu nichts führt, ein sinnvolles Gespräch mit ihnen zu suchen. Die georgische Gesellschaft wird progressiver werden, wenn sie anfängt, weniger traditionelle Ideen zuzulassen. Die Leute sträuben sich immer noch dagegen, Veränderung zu sehen – es macht ihnen Angst. Wir sollten alle darüber nachdenken, wie wir einen Schritt nach vorne gehen können, damit wir unvoreingenommen und einfühlsam sind."

Gvantsa Jishkariani, Künstlerin und Mitbegründerin der Patara Galerie
"Nachdem wir durch die Hölle gegangen sind, muss ich sagen, dass so viel Liebe von Freunden und Unbekannten sehr unerwartet kam. Ich hatte Angst auf den Straßen, Menschen in schwarzer Kleidung kamen aus der Dunkelheit und haben Leute angegriffen, aber ich wusste, wenn wir zusammenbleiben, können sie uns nichts. Wenn wir füreinander da sind, ist unsere Liebe größer als alles andere. Wir tanzen zusammen, wir kämpfen zusammen.

In Tiflis haben wir uns bereits so viele Überlebensfertigkeiten angeeignet, einfach nur, weil wir etwas Kreatives machen wollen. Ich glaube immer noch daran, dass auch nur ein paar Menschen, die eine Revolution starten können und werden, die Dinge verändern können. Bring die Menschen dazu, die Dinge zu hinterfragen. Mach sie neugierig, Desinteresse führt zu Ignoranz – und das hilft nicht dabei, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Mach sie mutiger und risikofreudiger. Entscheidungen basieren auf Hoffnungen und nicht auf Ängsten."

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Lado Bokuchava, 27, Modedesigner
"Alles was am Wochenende passiert ist, ist meiner Meinung nach sehr wichtig – nicht nur für die Jugend, sondern für das ganze Land. Wir mussten dafür kämpfen, dass das Land so ist, wie es heute ist – und wir werden keinen Schritt zurückgehen. Ohne Freiheit ist es unmöglich, sich sicher zu fühlen. Ich möchte keine Angst vor der Polizei haben, die mich eigentlich beschützen sollte. Ich will ihren Hass nicht fühlen, ich bin keiner von ihnen. Ich will keine Angst davor haben, dass mir grundlos eine Waffe an den Kopf gehalten wird, wenn ich in einem Club tanze. Ich will nicht, dass meine Freunde Angst haben, wenn sie durch die Straßen laufen. Ich will nicht, dass meine Tochter in einem Land aufwachsen muss, in dem Faschisten versuchen, einen friedlichen Protest zu stürmen."

Gola Damian, 26, Modedesigner
"Der Angriff auf die Nachtclubs war das Schlimmste, was die Regierung hätte machen können. Für mich sind sie der einzige Ort in Tiflis, an dem du dich wirklich frei fühlen kannst. Und dann stürmen sie sie und verbieten uns, unsere Freiheit zu genießen und zu tanzen – und haben noch dazu bedeutungslose Ausreden dafür. Ich war an diesem Abend erst zu Hause und bin dann zum Bassiani gefahren, um meine Unterstützung zu zeigen. Ich wurde festgenommen und für vier Tage in Untersuchungshaft genommen, bis mir die Kaution gestellt wurde. Ich bin mir nicht sicher, was jetzt passieren wird, aber ich zweifle daran, dass sich die Situation von heute auf morgen verändern wird. Unserer Regierung ist es egal, was die Leute wollen, denken und wie sie sich fühlen."

Nina Bochorishvili, 26, Chaos Concept Store
"Wir kämpfen für Freiheit und gegen Ungerechtigkeit. Die Regierung muss verstehen, dass niemand einfach so akzeptiert, dass sie in unsere Safe Spaces eindringen und unschuldige Menschen angreifen. Sie dürfen nicht die Taktiken der Sowjetunion nutzen, wenn sie ein demokratisches Land aufbauen möchten. Das Wochenende hat der Regierung gezeigt, dass wir keine Angst haben und sie uns nicht einfach mundtot machen kann. Für mich war die Art und Weise am wichtigsten, wie wir unseren Protest ausgedrückt haben: mit Musik, Tanzen und Lachen. Wir waren wirklich sehr wütend, aber Gewalt bekämpft man immer noch am besten mit Frieden und Liebe."

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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