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Yaeji ist das Gesicht einer neuen Welle elektronischer Musik

"Dass ich diese Musik für mich entdeckt habe, kam mit voller Wucht. Ungefähr so, als ob du dich neu verliebst, nachdem du jahrelang dieselbe Person gedatet hast."

von Frankie Dunn; Fotos von Ben Grieme; Übersetzt von Michael Sader
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Aug. 20 2018, 1:46pm
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Kathy Yaeji Lee sitzt am Schreibtisch in ihrem Kinderzimmer in einem Vorort von Seoul, als wir sie anrufen. Sie wurde in New York geboren, danach lebte sie eine Zeit lang in Atlanta. Es folgten Aufenthalte in China und Japan, bevor sich die Familie schließlich dazu entschied, sich in Südkorea niederzulassen. Vor sechs Jahren trieb es die Musikerin für ihr Kunststudium wieder zurück in die USA, nach Pittsburgh.


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Dort schloss sich Yaeji dem Uni-Radiosender an, entdeckte ihre Liebe für elektronische Underground-Musik und zog nach Brooklyn. Sie fing an, als DJ zu arbeiten und zu produzieren. "Dass ich diese Musik für mich entdeckt habe, kam mit voller Wucht. Ungefähr so, als ob du dich neu verliebst, nachdem du jahrelang dieselbe Person gedatet hast. – auf einmal ist da diese Gefühlsexplosion."

Zwei EPs, mehrere Boiler-Room-Sets und eine BBC-Nominierung später gehört Yaeji heute zu den spannendsten Musikern der Welt. Nicht nur das, sie sorgt endlich für mehr Sichtbarkeit asiatischer Sound-Künstler – und verändert damit ihre Wahrnehmung. In ihren Sets vermischt sich House mit Techno und Yaejis eigenem Gesang. "Einerseits hat meine Musik immer noch Underground-Tendenzen, aber sie ist auch für Leute geeignet, die diese Art von Musik normalerweise nicht hören", sagt sie am Telefon. Ihr bekanntester Song "Raingurl" macht sie bis heute extrem stolz – zu Recht.

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Durch ihre Mutter, die sie schon sehr früh mit ins Museum genommen hat, ist Yaeji zur Kunst gekommen. Besonders die Ausstellung des koreanischen Künstlers Do Ho Suh ist ihr in Erinnerung geblieben, die sich um das Thema Heimat gedreht und die Frage aufgeworfen hat, was es überhaupt für Menschen bedeutet, zwischen mehreren Orten aufzuwachsen. "Da ich gerade in Südkorea bin, vermisse ich viele Dinge aus New York. Für mich ist meine Wohnung in Brooklyn meine Heimat. Wenn mich die Leute dagegen in New York fragen, woher ich komme, sage ich immer Südkorea." Dieses Konzept von Heimat und kultureller Identität durchdringen Yaejis Arbeiten. "Wenn ich Songs schreibe, sind sie für mich lokal und unmittelbar", sagt sie. "In ihnen spiegelt sich wider, was ich Tag für Tag erlebe." Yaeji setzt sich aktiv mit ihrem asiatisch-amerikanischen Erbe auseinander und verschweigt nicht, dass sie sich ein Leben lang wie eine Außenseiterin gefühlt hat. Sie bewegt sich elegant durch die Sprachen und feiert ihr kulturelles Erbe durch ihre Musik.

Yaeji singt auf Koreanisch, weil sich ihre Musik so geheimnisvoller anfühlt – zumindest für diejenigen, die diese Sprache nicht beherrschen. Jedes Jahr kehrt Yaeji nach Südkorea zurück und merkt wie sich das Land verändert. "Ich bin so glücklich darüber, dass ich den Zugang zu Ressourcen habe, um helfen zu können", sagt sie. "In New York und in Tokio gibt es bereits Safe Spaces für die POC- und LGBTQ-Communitys – in Seoul noch nicht wirklich. Das möchte ich ändern, indem ich Leute zusammenbringe, Vorschläge mache und wir so mit kleinen Schritten etwas bewirken können. Wer weiß, vielleicht werde ich ja eines Tages wieder in Südkorea leben."

Yaeji trägt einen Pullover von MSGM. Shirt: Marc Jacobs. Brille: Model's own

Credits


Styling: Max Clark

Haare: Adam Szabo / Frank Reps verwendet R+Co.
Make-up: Kristi Matamoros / Frank Reps verwendet Dr. Hauschka.
Fotoassistenz: Jordan Zuppa.
Stylingassistenz: Jay Barrett.

Dieser Artikel stammt aus unserer The Radical Issue, no. 351, Spring 2018.

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