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Warum "fett" kein Schimpfwort ist

"Fett ist ein wichtiger Teil meiner Identität", sagt die queere Tätowiererin und Aktivistin MKNZ.

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Juni 15 2018, 11:17am

Foto: Collage via i-D US / Screenshots von Instagram

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MKNZ bezeichnet sich selbst als "fette, queere Femme-Frau". Die DIY-Tattoos der in Seattle lebenden Künstlerin sind sehr persönlich. "Ich tätowiere so, wie ich in meinem Tagebuch zeichne. Das war eine natürliche Entwicklung. Die Inhalte sind absichtlich laut, unanständig, provozierend und extrem queer", sagt sie uns. "Fett ist ein wichtiger Teil meiner Identität." Sie habe auch keine Angst davor, ihre Speckrollen anzufassen, sie zusammenzudrücken und anderen zu zeigen. Und noch wichtiger: Sie ist stolz auf jede Rolle.


Auch auf i-D: Wir haben die Aktivistin Paloma Elsesser zum Interview getroffen


"Eine positive Darstellung von Körpern wie meinem in den Medien ist sehr wichtig", sagt die Künstlerin. "Es geht dabei um Freiheit und den Kampf gegen diese langweiligen Schönheitsstandards, die einem die Luft zum Atmen nehmen. Diese Standards werden vom kapitalistischen Patriarchat verteidigt und von den weißen Cis-Männern hochgehalten." Wir haben mit MKNZ über DIY-Tattoos, intersektionale Werte, queere Tätowierungen und Fat-Shaming gesprochen.

Wie bist du zum Tätowieren gekommen?
Ich habe mit 20 angefangen meine Punk-Freunde zu tätowieren. Denen hat es nichts ausgemacht, dass ich auf ihren Körpern tätowiere lerne. Sie konnten mir zahlen, was sie wollten. Das funktionierte für mich zu der Zeit, weil ich auch einen Job hatte, durch den ich meine Miete zahlen konnte. Es hat lange gedauert, dass ich so viel Selbstvertrauen hatte und mir vorstellen konnte, mit dem Tätowieren Geld zu verdienen. Ich hatte auch Angst davor, dass ich mir durch das Geldmachen die Freude daran kaputtmache. Zum Glück war es nicht so.

Wie hast du deinen Stil entwickelt?
In meinen Tattoos spiegelt sich meine Geschichte wider: Wie ich meine Freunde, Liebhaber, Mitbewohner an ungewöhnlichen Körperstellen tätowiere und welchen Wert Community hat. Ich liebe Tätowierungen, die etwas davon verraten, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind. Ich halte die Motive mit Absicht so unsauber, dadurch kommen die Langweiler nicht zu mir. Cis-Männer kontaktieren mich selten, aber die wenigen, die das tun, sind besonders süß und respektvoll. Das soll auch so bleiben.

Wie verändert sich die Tattoo-Kultur durch queeres Tätowieren? Und was muss noch geändert werden?
Wenn es ernst gemeint ist, dann durchbricht queeres Tätowieren die Mainstream-Vorstellung, dass ein Tattoo eine bestimmte Bedeutung hat. Queer Tattooing stärkt die queere Community und verbindet Menschen. Es sorgt dafür, dass die Unterdrückten wieder die Macht haben. Queer Tattooing bedeutet nicht, als weißer Tätowierer Motive zu verwenden, die in nicht-weißen Kulturen als heilig gelten. Aber auch queere Tattoo-Kultur kann rassistisch, transphob, fat-phobic und elitär sein. Weiße, queere Tätowierer haben die Pflicht, für intersektionale Werte zu kämpfen. Sie müssen sich über Unterdrückung informieren, die sie selbst nicht erfahren, und sie müssen daran arbeiten, kolonialistische Werte in ihrer eigenen Praxis abzubauen. Wichtig ist auch zu verstehen, dass wir zwar queere Tätowierer sind, aber wir keine homogene Szene sind. Jeder Mensch hat eine andere Arbeitsweise, einen anderen Lebensstil und ist Mitglied in anderen Szenen. Wir sollten diese Unterschiede anerkennen und sie nicht verschwinden lassen.

Warum ist es wichtig, dass du füllige Körper in den Arbeiten zeigst?
Hier geht es um das Thema Sichtbarkeit. Anfangs habe ich meinen eigenen Körper nicht geliebt oder stand ihm auch nur neutral gegenüber. Erst als ich in den Medien positive Darstellungen von dicken Menschen gesehen habe, fing ich an, meinen eigenen Körper zu lieben. Und in Mainstream-Medien eine positive Darstellung von dicken Körpern zu finden, ist nicht leicht. Dicke Körper werden fast ausschließlich durch einen Blickwinkel der Gewalt betrachtet. Dicke Körper werden in der Popkultur regelmäßig gequält, geärgert, verletzt, gedemütigt oder ganz ignoriert. Für mich ist die positive Darstellung von Körpern wie meinem extrem wichtig.

Was ist der Unterschied zwischen Fat-Acceptance und Body-Positivity?
Fat-Acceptance und Body-Positivity sind nicht dasselbe. Der Begriff Body-Positivity wurde weitgehend von der Fitness-Community vereinnahmt, um sich selbst dafür zu feiern, dass man einen Körper hat, den der Mainstream sowieso schon akzeptiert. Natürlich ist es wichtig, den eigenen Körper zu lieben. Aber es ist nicht progressiv dünne, weiße Körper zu zelebrieren. Wir müssen genauer sein und deshalb den Begriff Fat-Acceptance verwenden. Denn "fett" ist kein böses Wort, es beschreibt nur einen Zustand. Dass ich mich als "fett" bezeichne, ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Ich wusste, dass ich fett bin, lange bevor ich wusste, dass ich queer, eine Künstlerin oder eine Frau bin. Wenn wir endlich anfangen, dieses Wort als neutrales Adjektiv und nicht als Beschimpfung zu verstehen, nehmen wir ihm den Schmerz und die Scham, die dem Thema Fett-Sein anhängt.

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Warum sollte mich das als schlanke Person interessieren?
Wenn dickenfeindliche Rhetorik von nicht-dicken Menschen nicht in Frage gestellt wird, wird diese Sprache normal und zementiert die Lage von dicken Menschen. Ich denke, dass es viele schlanke Menschen gibt, die einfach Angst haben, das falsche Wort zu verwenden und uns nur deswegen nicht öffentlich unterstützen. Ich kann verstehen, dass es beängstigend ist, öffentlich über Unterdrückung zu sprechen, die man nicht persönlich kennt. Aber es ist allemal besser, diese schwierigen Debatten zu führen und vielleicht auch manchmal ein falsches Wort zu benutzen, als nichts zu tun und die Arbeit den Betroffenen allein zu überlassen. Das Thema geht alle an.

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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