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Abdul Kircher fotografiert von der Gesellschaft Ausgestoßene

Ob es der Typ ist, der alles, was er auf dem Boden findet, in der Hoffnung raucht, high zu werden, oder ein küssendes Pärchen im Rollstuhl, der Berliner Abdul Kircher erzählt die Geschichten von Leuten, mit denen die meisten nicht mal reden möchten.

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März 11 2015, 1:00pm
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Abdul Kircher ist der erst 18-jährige Fotograf mit einem grünen und einem blauen Auge, der wahrscheinlich mehr Ahnung vom wahren Leben hat als du. Die Personen, die in seinen Bildern abgebildet sind, tragen alle ihr eigenes Päckchen. Ihre Geschichten sind düster und gleichzeitig inspirierend: Abdul setzt sich zu Obdachlosen und redet mit ihnen, er zündet sich eine mit einem Drogenabhängigen an und erzählt dann ihre Geschichten, denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte, oder?


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Im Elend sieht er das Schöne und rückt diese Ausgestoßenen wieder ins Licht. Der in New York lebende Berliner hat zwar seinen eigenen Modelvertrag, war das Gesicht von Diesel und fotografierte das Next-Models-Showpack, aber seine Leidenschaft gehört den Leuten auf der Straße, denen er auf gleicher Augenhöhe begegnet, sie fotografiert und deren Geschichten er erzählt.

Woher kommst du?
Ich bin gebürtiger Berliner mit türkischer Abstammung.

Was machst du?
Mich interessieren Leuten, die die Gesellschaft normalerwiese wegsperrt. Ich spreche mit ihnen, höre mir ihre Geschichten an und versuche, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Sie sind nicht nur Motive, sondern sie werden Teil von meinem Leben.

Wo triffst du die Leute, die du fotografierst?
Das ist purer Zufall. Deshalb ist es in einigen Monaten ruhiger, besonders im Winter, wenn keiner nach draußen geht. Ich gehe niemals auf die Straße und suche nach Leuten, die ich fotografieren könnte. Es passiert einfach. Das macht es schwierig, weil man manchmal wochenlang niemanden trifft.

Kennst du ihre Geschichte, bevor sie vor deiner Kamera landen?
Ich kenne viele persönlich. Für gewöhnlich kommentiere ich etwas, was die Person trägt oder etwas Anderes, was mir an ihnen auffällt. Dann kann ich einschätzen, wie offen die Person ist und ob sie mir ihre Geschichte erzählen wird. Der Rest passiert einfach. Man muss sich einfach nur treiben lassen. Das Gespräch muss sich natürlich entwicklen. Wenn man Obdachlose fotografiert, muss man ihnen das Gefühl geben, dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet. Ich setzte mich zu ihnen auf den Boden, trinke etwas mit ihnen oder mache was auch immer. Sie sollen sich wohl fühlen, wenn sie einem nämlich nicht vertrauen, hat das Bild nicht dieselbe emotionale Intensität, für mich zumindest. Es geht mehr um die Geschichten als um die Fotos an sich. Manchmal schaue ich mir alte Bilder an und sehe keine Geschichte. Diese Bildern können noch so toll sein, aber sie haben keinen sentimentalen Wert. Mir fällt es schwer, darauf stolz zu sein.

Kannst du uns eine Geschichte, die dich besonders inspiriert hat, erzählen?
Einmal habe ich ein obdachloses Teenager-Pärchen fotografiert. Ihre ganze Geschichte ist inspirierend: Wie sie sich kennengelernt haben bis hin zu den Hindernissen, die sie überwinden mussten. George und Louie haben sich auf Tumblr gefunden, Handynummern ausgetauscht, haben dann wie wild SMS geschrieben und nachts gefacetimed. Beide waren ehrgeizige Models, die auf ihren großen Durchbruch gehofft haben. Sie wollten sich in New York treffen, weil es keinen besseren Ort gibt, um diesen Traum zu verwirklichen. George sagte: "Ich habe meiner Mutter nicht gesagt, dass ich nach New York ziehe. Ich habe ihr erzählt, dass ich in einem teuren Modelapartment wohnen werde, obwohl ich keine Ahnung hatte, wo ich schlafen würde." Nach einem Jahr bei Walmart hatte George endlich genug Geld für ein One-Way-Ticket in den Big Appel gespart. Louie wurde ziemlich gleichzeitig von seiner Mutter aus dem Haus geschmissen. Also kam er auch nach New York. Louie fand am Anfang Unterschlupf bei einem befreundeten Fotografen und George bei seinem Agenten, mit dem er das Zusammenleben aber nicht ertragen hat.

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George sagte: "Ich traf buddhistische Mönche und sie schleppten mich an diesen Ort, an dem ich singen sollte. Was ich dann auch tat. Ich sang dafür, dass wir bei einem befreundeten Fotografen unterkommen können. In darauf folgenden Nacht bekam ich sein OK." Nach einem Monat des Zusammenlebens traten Spannungen auf und ohne Vorwarnung wurden sie rausgeworfen. Sie hatten kein Geld, keinen Job und kein Dach über dem Kopf. Louie erinnerte sich: "Es war 1 Uhr nachts, als er uns rausgeschmissen hat, und wir saßen an der Ecke von einem Häuserblock. Leute, die Obdachlosen helfen, kamen zu uns und haben uns zur Unterkunft für Teenager gefahren, aber die hat erst um 9 Uhr morgens aufgemacht. Also gingen wir in den Central Park und schliefen im Gras." Louie arbeitete bei Ann Taylor, aber sein Gehalt würde er erst in der nächsten Woche bekommen, also blieben sie in der Unterkunft. Währenddessen begann George, bei Topshop zu arbeiten. Obwohl sie ein bisschen Geld gespart hatten, konnten sie sich immer noch kein eigenes Apartment leisten, also kehrten sie Heim zu ihren Müttern, die ihnen dann das restliche Geld zuschossen, so dass sich George und Louie eine 1-Zimmer-Wohnung in der Bronx für 200 Dollar pro Woche leisten konnten.

Ich erzähle ihre Geschichte nicht, um Versagen zu zeigen, sondern weil ich den Mut dieser beiden Männer bewundere. Auf eigene Faust sind sie hierher gezogen und wollten ihren Traum verwirklichen. Ihre Geschichte zeigt, dass bei der Verwirklichung von Träumen Hürden auftauchen, die man überwinden muss. Ich wünsche ihnen wirklich alles Gute. Nie aufgeben, sondern immer weitermachen.

Was ist die traurigste Geschichte?
Die Geschichte von Bobby ist definitiv eine der traurigsten Transformationen, die ich bei der Dokumentation der Obdachlosen in New York mitbekommen habe. Bobby lebte in den frühen 90ern zusammen mit einem Typen, der ihm erst viel später erzählte, dass er HIV positiv war, in der Dyckman Street. Ein paar Jahre vergingen und er zog mit seiner wunderschönen, langjährigen Freundin Glenette in die Bronx. Sie hatten nie Sex. "Eines Nachts war ich wirklich verdammt geil und ich bettelte sie so sehr an und sie wollte nachgeben und mit mir schlafen … [Aber dann] sagte ich: 'Weißt du was? Ich kann dir das nicht antun … Wenn ich jetzt Sex mit dir habe, verändere ich dein ganzes Leben … Scheiß auf den Sex." Plötzlich fingen seine Worte an, undeutlich zu werden, und Tränen flossen über sein Gesicht. Bevor sie sich dann doch trennten, sagte er ihr: "Ich kann nicht jede Nacht neben dir liegen und nicht Liebe mit dir machen."

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Seine Freundin war wunderbar, sie hat ihn von der Straße ferngehalten und auch weg vom Alkohol (Er fing mit 14 an und war mit 18 abhängig). Bobby hatte auch nüchterne Phasen. Aber dann eines Nachts began er wieder zu trinken, was ihn natürlich in den alten Trott brachte. Plötzlich begann er damit, seine Punk-Klamotten zu verkaufen, um seine Abhängigkeit zu finanzieren. Er sagte zu mir: "Jedes Mal, wenn ich an sie denke, schiebe ich den Gedanken ganz weit weg und versuche mich abzulenken; Ich möchte nicht an sie denken, also konzentriere ich mich mit aller Macht auf den Alkohol." Es tut mir weh, darüber auch nur zu sprechen. Das Traurigste daran ist, dass er sich nicht an mein Gesicht erinnern kann, wenn ich ihn besuche, als ob sein Hirn nach jedem Absturz auf Neustart drückt. Er erzählt mir immer und immer wieder dieselben Geschichten. Er sagt immer zu mir: "Du bist der Einzige, der sich tatsächlich hinsetzt und sich wirklich mit mir unterhält." Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, sagte er mir: „Ich habe eine Sucht, die ich füttern muss; sie ruft mich, sie ist in meinem Kopf, sie schreit: ‚Bobby, komm und hol' mich' und ich gehe und hole sie." Als er aufstand, hinterließen seine Exkremente eine sichtbare Spur auf dem Zement. Er fing zu weinen an: "Ich möchte sie anrufen … Ich liebe sie mit meinem ganzen Herzen: Sie bedeutet alles für mich. Sie hat immer zu mir gestanden. Sie ist mein Mädchen. Ich spreche nicht gerne darüber, du hättest es niemals erwähnen sollen." Ich dachte daran, mir mit ihm einen Schuss zu setzen, da warnte er mich: "Du benutzt aber nicht meine Nadel, du musst zwei Sets besorgen. Ich lasse nicht zu, dass du meine Nadel benutzt. Ich habe den Virus."

Du hast die Partyszene fotografiert: betrunkene Jugendliche, die Drogen nehmen, und so weiter. Warst du Teil dieser Szene oder hast du sie nur dokumentiert?
Zu dieser Zeit hab ich ein Mädchen gedatet, das viel in der House-Party-Szene unterwegs war. Ich hatte kaum Freunde, aber durch sie lernte ich jeden in meiner Schule kennen, die Partys, einfach alles. Von der Mittelstufe bis zur Oberstufe war meine Kamera eine Art Tagebuch. Weil ich einfach nicht zum Partymachen tauge, habe ich mit meiner Kamera festgehalten, was passierte. Als ich damit begann, die Bilder ins Internet zu stellen, war das Feedback überwältigend, besonders von Jugendlichen außerhalb New Yorks. Sie gingen auf verrückte Partys, um sich zu betrinken und Spaß zu haben, aber als sie die Fotos gesehen haben, erkannten sie Dinge an sich selbst, denen sie sich vorher gar nicht so bewusst waren. Louis Althusser argumentiert, dass man keine Kultur analysieren kann, deren Teil man ist. Aber weil ich nicht Teil dieser Kultur war, fiel es mir leichter, Schönheit in diesen partygezeichneten Kids zu finden.

Warum denkst du, dass so viele Leute von der Idee, Tragödie und Verkommenheit in Verbindung mit Schönheit, fasziniert sind?
Wenn man Schönheit in der Tragödie finden kann, findet man Licht im Dunkeln. Schönheit ist nicht notwendigerweise etwas das uneingeschränkt umwerfend ist, aber was eine Tragödie in einen Triumpf verwandeln kann. Also etwas, was als traurig, böse oder bösartig gesehen wird, in etwas Gutes zu transformieren. Und was noch wichtiger ist: Es erlaubt einem, sich seiner eigenen persönlichen Dunkelheit zu stellen und darin das Licht zu finden.

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Du hast das Next-Models-Showpack fotografiert. Das unterscheidet sich ja sehr von deinen normalen Arbeiten und du hast es dennoch geschafft, dem Ganzen deinen eigenen Stempel aufzudrücken. Was war die Idee dahinter?
Ich habe sehr eng mit Peter Cedeno, ein Senior Manager bei Next, zusammengearbeitet und wir wussten von Anfang an, dass es keine Modestrecke werden wird. Es war ein Projekt, das die gängigen Schönheitsvorstellungen in Frage stellen sollte. Ich denke, indem ich meine Bilder mit denen der Models vermischt habe, muss sich der Betrachter mit seiner/ihrer Definition von Schönheit auseinandersetzen.

Findest du Modefotografie interessant?
Nicht wirklich, um ehrlich zu sein. Als ich mit dem Fotografieren anfing, versuchte ich mich selbst zu überzeugen, dass ich Teil der Modebranche werden will. Aber während Praktika und Test-Shoots habe ich bemerkt, dass meine Ästhetik nicht wirklich dazu passt: Meine Arbeiten waren immer sehr dunkel und rau. Viele Models konnten meine Fotos nicht mal verwenden. Nachdem ich das verstanden hatte, begann ich, die reale Welt zu fotografieren und Leute zu treffen, für die ich mich wirklich interessiere.

Was bedeutet Schönheit für dich?
Schönheit kommt von innen. Wenn du im Inneren schön bist, spiegelt sich das im Äußeren wider. Klar, kann man hübsch sein, aber das ist nicht alles.

Ist Fotografie das, was du für den Rest deines Lebens machen willst?
Ja, aber ich bin nicht sicher, ob es dieselbe Fotografie sein wird. Es ist anstrengend, ständig Leute zu dokumentieren, die durch harte Zeiten gehen. Weil ich meine Motive gerne persönlich kennenlerne, färbt sich ihre Stimmung auf mich ab und ich nehme mir ihre Geschichten zu Herzen. Manchmal muss man sich von bestimmten Kunstgattungen distanzieren und neue erkunden, um eine bessere Einsicht zu gewinnen und herauszufinden, was man möchte. Deshalb fotografiere ich gerade kaum.

Wer sind deine Lieblingsfotografen?
Mich interessieren Fotografen, die Fotojournalismus und Kunst nahtlos miteinander verbinden. Wenn man Motive hat, die man getroffen hat, ihr Vertrauen gewinnt und mit ihnen an Kunstwerken arbeitet, ist das einfach großartig. Joel-Peter Witkins Arbeiten sind eine große Inspiration. Er arbeitet mit abgetrennten Körperteilen und erzeugt so eine gespenstische Stimmung. Ann Kenneally und Diane Arbus mag ich auch sehr gerne. Ich versuche, mich von anderen Fotografen als Inspirationsquellen so weit wie möglich fernzuhalten.

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Was würdest du tun, wenn du kein Fotograf wärst?
Ich wäre gerne Maler oder in einer Heavy-Metal-Band. Aber ich habe überhaupt keine Koordination.

Was sind deine drei Lebensweisheiten?
Lebe im Moment, hinterfrage gesellschaftliche Normen und, am wichtigsten, liebe deine Mutter.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Ich lebe von Tag zu Tag. Wenn ich an die Zukunft denke, werde ich echt depressiv.

abdulkircher.com

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