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"Ich mache Musik, damit ich nicht sprechen muss"

Tommy Genesis schreibt in einem persönlichen Essay über ihre Identität und Sexualität und teilt mit uns die Lyrics zu ihrem neuen Song "A Free Freestyle for Anyone to Perform", den sie exklusiv für i-D geschrieben hat.

von Tommy Genesis; Übersetzt von Michael Sader; Fotos von Mario Sorrenti
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Okt. 25 2017, 1:41pm

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer neuen The Sounding Off Issue, no. 350, Winter 2017.

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Als ich geboren wurde, nannte mich meine Mutter Genesis. Mein Vater wollte mich nicht so nennen, weil er Angst hatte, dass ich dafür gehänselt werde. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass der Name manchmal das Einzige war, das mich daran erinnert hat, dass es auch Gutes gibt. Ich halte an meinem Namen wie ein Versprechen Gottes fest. Wann immer ich mich klein und unbedeutend fühle, sage ich mir: "Ich bin Genesis. Du musst einen Auftrag haben, ansonsten hättest du dein Glück schon aufgebraucht."


Auch auf i-D: Wir haben einen Tag eine junge Skateboarderin begleitet


Meine Eltern haben sich in der Kirche kennengelernt. Mein Vater hat meine Mutter zum ersten Mal gesehen, als sie Klavier gespielt hat – und zwar für ihn. Mein Opa kommt ursprünglich aus Indien und ist in jungen Jahren eingewandert. Er war Wissenschaftler, meine Oma Krankenschwester. Sie haben in einem Dorf an der Südspitze Indiens gelebt bis sie nach Kanada ohne irgendwelche Versprechen gegangen sind, um dort zu praktizieren. Sie hatten nur das, was sie am Körper getragen haben. Die Entscheidung, ihre Familie und ihre Traditionen hinter sich zu lassen, hat ihr Leben verändert.

Tommy trägt eine Jacke und einen Jumpsuit von Miu Miu. Hut: Stylist's Studio.

Als ich kleiner war, habe ich viel Zeit in Autos verbracht. Wir waren ständig unterwegs. Durch den Job von meinem Vater sind wir ständig umgezogen – das Auto wurde zu einem Safe Space. Es war mein Zuhause. Manchmal blieben wir ein paar Wochen in derselben Stadt, manchmal auch nur ein paar Tage. Meine Mutter hat uns immer versucht zu beschäftigen: entweder haben wir Dinge gebastelt oder draußen gespielt. Sie hat uns das Gefühl vermittelt, dass wir heimatlos sind. Meine Mutter und mein Vater waren unterschiedlicher ethnischer Herkunft und lebten in einem Vorort. Als ich aufgewachsen bin, habe ich nicht verstanden, warum manche Dinge passiert sind. Warum die Leute meinen Vater so behandelt haben, wie sie ihn behandelt haben. Warum die Leute mich auf eine bestimmte Art und Weise behandelt haben. Oder warum meine Schwester, die helle Haut und helle Augen hat, nicht gemobbt wurde.

Ich habe jeden Abend dafür gebetet, dass sich meine Augenfarbe ändert. Aber ich erinnere mich genauso an das erste Mal, als ich stolz darauf war, wer ich bin. Das war im Ferienlager. Ich war acht und keines der anderen Mädchen wollte mit mir spielen. Als ich gefragt habe, warum sie nicht mit mir reden, antworteten sie mir, dass sie mit Leuten wie mir nicht sprechen dürften. Ich hatte es nicht verstanden. "Was stimmt nicht mit mir?", habe ich sie gefragt. "Deine Haut ist zu dunkel", haben sie geantwortet. Ich habe mich so unwohl gefühlt und meinen Vater angerufen. Er kam ins Ferienlager und hat jedem Mädchen mit Sommersprossen gesagt, wenn man all' ihre Sommersprossen kombinieren würde, wären sie dunkler als ich. Er hat ihnen von meinem kulturellen Erbe erzählt. Woher ich komme und sie gefragt, wie sie sich fühlen würden, wenn niemand mit ihnen spielen würde, weil sie so hell sind. Am Ende haben alle geweint. Ich wünschte, dass es immer so einfach wäre.

Jacke und Top von Saint Laurent by Anthony Vaccarello.

Ich habe viele komische Erinnerungen. Ich komme aus eine Welt voller Missbrauch, Wut und Schmerz. Meine indischen Vorfahren waren geteilt. Ich komme aus einer Familie von Hindu-Priestern; die Familienmitglieder, die zum Christentum konvertiert sind, gingen ins Exil. Apostel Paulus hat die meisten Südinder zum Christentum konvertiert. Ich bin keine typische Vertreterin meiner Familie. Ich bin wohl die kontroverseste Möglichkeit überhaupt: eine bisexuelle Rapperin mit Migrationshintergrund und einem Kunstabschluss.


Musik war für mich nie etwas, worüber ich nachgedacht habe­ – so ist es immer noch. Ich komme aus dem Film und führe deswegen bei meinen eigenen Musikvideos immer noch selbst Regie und Schnitt. Ich bin eine sehr diskrete Person. Gleichzeitig stolz und schüchtern zu sein, ist das unangenehmste Gefühl, das es gibt. Ich rede nicht gerne über meine Kunst und auch nicht über mich selbst. Interviews fallen mir schwer, ich fühle mich nie wohl. Ich vertraue niemandem mein wahres Ich an. Ich mache Musik, damit ich nicht sprechen muss. Ich glaube an Phänomenologie. Das bedeutet für mich Kunst zu machen, die etwas und nicht über etwas ist. Das Gleiche denke ich über Musik und Interviews. Wenn ich hier sitzen und dir erklären müsste, warum etwas gut ist, dann ist dieses etwas bereits gescheitert. Wenn ein Werk nicht ohne Erklärungen des Künstlers in der Welt existieren kann, ist es dann überhaupt Kunst? Ich habe mit dem Rappen angefangen, weil ich der Überzeugung war, ich kann nicht singen. Vor Kurzem habe ich mit dem Singen angefangen, weil ich der Überzeugung war, ich kann nicht rappen.

Robe: Supreme. Vintage Bodysuit: Malin landaeus. Sneaker: Fenty x Puma.
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Meine jüngere Schwester ist 14. Sie ist mein absoluter Lieblings-Mensch auf der Welt. Außer meiner Mutter kenne ich keine Person, die so mitfühlend, vergebend und intelligent ist wie sie. Ich habe sie in den 14 Jahren nicht ein einziges Mal wütend erlebt. Nicht ein Mal. Sie geht jede Situation mit einer Mentalität einer viel älteren Person an. Das erwähne ich deshalb, weil sie erst seit diesem Jahr meine Musik hören darf. Mein Vater ist mein größter Unterstützer. Er hat mir aber gesagt: "Wenn du willst, dass deine kleine Schwester deine Musik hört, dann mache einen Song, den sie auch hören kann." Damit meinte er, dass der Song nicht von Pussys und Ärschen handeln soll. Ich war zu Hause bei meinen Eltern in Kanada, habe den Türschlitz mit Socken verstopft, mein kleines Home-Studio aufgebaut und Logic angeschlossen. An diesem Tag habe ich den Song I'm Yours geschrieben. Das war der Anfang meines Albums.

Letzte Woche kam ein junges Mädchen in New York auf mich zu und sagte mir, dass sie Engel sehen kann. Ich glaube an Engel. Ich hatte bisher nicht immer das Gefühl, dass ich die Plattform verdiene, die ich habe, aber mit meinem nächsten Album Genesis hoffe ich, dass sich das ändert. Sie haben mich gebeten, über meine Sexualität zu reden, aber Sex ist gar nicht die treibende Kraft hinter meiner Musik. Je älter ich werde, desto offener werde ich für andere Formen von Energie. Die Welt ist wie ein 19-jähriger Boy, der seine Wünsche mit seinen Bedürfnissen verwechselt. Ich habe das auch, aber mittlerweile weiß ich, dass es nichts gibt, das mir andere geben können, das ich nicht bereits in mir habe. Ohne meinen Geist wäre ich nur Haut, Knochen und Blut.

Pullover, Hemd und Hut von Raf Simons.
Jacke: Supreme. Hut: Louis Vuitton. Ohrringe: Chloé. Socken: Nike. Schuhe: Rockport works.
Robe: Supreme.
Hoodie: Balenciaga.
Kimono und Bodysuit von Chanel. Socken: Nike. Schuhe: Timberland.
T-Shirt: Gucci. Armreifen: Balenciaga. Bandana: Stylist's Studio.
Hoodie von Raf Simons.

"A Free Freestyle for Anyone to Perform" von Tommy Genesis

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so small and so new my spine straightens
I see the ruler it makes sense
the window is foggy the history soggy
my pain is so boring the trees are so golden
we look to the sky and it drops on our eyes –
see the fire at night the emblem it lights up the rights up
we make all our signs but have nothing to say
we make all our beds but have nowhere to lay
I am poison I manifest moments of pain
I am toxic I talk like it matters to men
I am donkey not horse I don't run the race
they will ride me but they mean won't use me to chase shot of the henny I don't eat leaves and drink water like chimpanzee
in the dark we will fight for our heart when our heart eats a heart
let me eat you not in a sexual way- let me eat you with what I need to fill this pain

big emblem across your forehead reads all thoughts are foreign
stay inside your car don't lock the doors don't chip the paint
don't drive too fast – don't invite me to places that make memories that last
look inside your tolerance can you see that it's bent – can you see that I'm twisted
my eyes and my hair you stare like stairs it's twisted in there
tongue swirls and it works I can swallow the hurt but I won't let you look at me pebbles to dirt
I am twisted I walk on my hands and my wrists I am circus, a lion I talk like a kid
but the kid sees a lion, a lion within and I will not untwist and I will not unhinge

want to open the door then just knock from within
want to open the door then just knock from within

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dark waters dark part dark skin is God's art
dark heavens dark patterns the cyclical lantern
when stars die and regenerate like star-fish with their arms in the way that we see all this bodily harm
we don't eat we are girls and we like to be skinny
we like to be light so you throw us and use us and make us your wife
we like to feel hungry
we like to feel lonely
we like to be on our knees crawling for home
we want to be wanted but will not leave if you don't want us
we like to be trusted but will not go if you don't trust us
we like to be loved but will not be defeated if you just don't love us
our fetus will crust us and make us your side chick –
from now till forever the sunrise will catch us alone with the weather

we fly
cause we're pretty
we're girls
with legs and the wings
we like to feel pretty
but will settle for sin

one day you'll invite me said the voice in my sky
one day you will love me said the voice in my high
my vision is changing my limits are shaking my chin is fresh shaven my mind is wet pavement
I cannot get in but I won't sit it out
so i just walk in a circle and open my mouth
the best is the issue cause once it is good all you want is the good
while the worst is the part that converts half the heart

Credits


Fotos: Mario Sorrenti
Fashion Director: Alastair McKimm

Haare: Bob Recine / The Wall Group verwendet Rodin.
Make-up: Francelle / Art + Commerce.
Nägel: Alicia Torello / The Wall Group verwendet Essie.
Fotoassistenz: Javier Villegas und Kotaro Kawashima.
Licht: Lars Beaulieu.
Stylingassistenz: Desiree Adedje, Sydney Rose Thomas und Madeleine Jones.
Haarassistenz: Kabuto Okuzawa.
Make-up-Assistenz: Ryo Yamazaki.
Produktion: Katie Fash und Steve Sutton.
Casting Director: Samuel Scheinman / DM Fashion Studio.

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