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Wie Walter van Beirendonck zum Held der Techno-Szene wurde

Wir schauen uns die Kollektionen des belgischen Modeschöpfers, wegen denen die Raver der Neunziger wie Science-Fiction-Figuren, Aliens oder personifizierte Kondome herumliefen, genauer an.

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Sep. 23 2015, 10:05am

„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalisch, modisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene.

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Rave in den Neunzigerjahren. Eine Generation tanzt sich frei von gesellschaftlichen Zwängen. Die Berliner Stahlbeton-Mauer ist gefallen, Grenzen werden weder geografisch noch zwischen Geschlecht, Klasse und Nationalität gezogen. Eine Generation tanzt in den schrägen Entwürfen von Walter van Beirendonck.

Over the Rainbow, Twinkle Twinkle Little Star, Cosmic Culture Clash. Titel, die tatsächlich wie musikalische Hymnen der Rave-Generation klingen, sind in Wahrheit die Namen von Walter van Beirendoncks Kollektionen. Von 1993 bis 1999 entwarf der wohl bunteste wie schillerndste Teil der berühmten „Antwerp Six" und - ohne es zu forcieren - exakt die Kleidung, die Raver tragen wollten. Die It-Marke der Techno-Fans: W<, auszusprechen „Walt", ausgeschrieben „Wild & Lethal Trash", zu Deutsch etwa „wilder und tödlicher Müll".

Tatsächlich war diese Marke eine von van Beirendonck entworfene Zweitlinie des deutschen Denim-Labels Mustang, erschaffen mit der Absicht, die Jugend mit frischer Mode zu ködern. Walter van Beirendonck mit seinen absolut nicht-kommerziellen Wahnsinn-Kollektionen als verantwortlich zeichnenden Designer einzusetzen, klingt erstmals nach einer Schnapsidee, die jedoch aufging. Die Raver kauften.

Für den Designer aus Antwerpen, der sein eigenes, gleichnamiges Label dafür auf Eis legte, hatte die Kooperation einige Vorteile: hohe Budgets bei gleichzeitiger Freiheit zum modischen Experimentieren (was er zweifellos tat!) sowie ein professionelles Team und italienische Produktionsstätten, die seine Ideen umsetzten. Am Ende wurde alles massentauglich zu erschwinglichen so-gar-nicht-Designer-Preisen verkauft.

Die Klamotten von W< sahen mit neuen High-Tech-Stoffen wie Neopren und reflektierende oder in der Dunkelheit leuchtende Oberflächen nach (modischer) Zukunft aus. In die Kleidungsstücke integrierte Lichteffekte und Slogans wie „Kiss the Future" oder „Believe" erlaubten Kommunikation auch bei lauter Techno-Musik. Kreischende Farben und überspitzte Silhouetten fanden - Geschlecht egal - Verwendung. Im Frühjahr/Sommer 1994 war die Kollektion „Twinkle, Twinkle Little Star" ein kunterbuntes Potpourri unterschiedlicher, ethnischer Kluften. „Cosmic Culture Clash" ließ im Herbst/Winter 1994/95 unter anderem Geishas mit Disco-Typen modisch verschmelzen und „Plastic Pleasure Productions" stand im Herbst/Winter 1995/96 mit hautengen Ganzkörperanzügen aus Latex und Leder, hier und da bestückt mit plastisch modellierten männlichen Genitalien, als ein Symbol für Safe Sex. Eine Gummi-Kollektion im doppelten Sinn und eine Kollektion, die damals wie heute leider viel zu häufig als eine Ode an den Fetisch verstanden wurde.

Tanzende Models, hypnotisierende Klänge und harte Technosounds bei futuristisch ausgeleuchteter Atmosphäre - Walter van Beirendonck verwandelte verlassene Lagerhäuser ebenso wie vornehme Pariser Strip-Schuppen für seine Shows in Untergrund-Partys. Kurzum: Jede Präsentation wirkte wie die kleine, modespektakuläre Schwester der frühen Love Parade. Dabei sieht der Designer mit dem dichten Bart, trotz des absolut freundlichen Blicks, eher aus wie ein Mitglied der Hell's Angels als ein Raver. „Einmal wollte ich zu einem Rave in München, aber sie wollten mich nicht reinlassen, weil ich aussah wie ein Biker und nicht wie ein Techno-Typ", erinnert sich Walter van Beirendonck. „Ich trug Nieten und damals schon einen Bart und sie sagten ‚Nein nein, das hier ist nicht deine Szene, geh doch zu dem Hardrock-Laden da hinten.' Aber ich meinte ‚Die tragen alle meine Klamotten hier!' Dann fanden sie heraus, wer ich bin und ließen mich am Ende doch rein."

Walter van Beirendonck hat sich die Rave-Schiene nicht ausgesucht. Die Musik hat ihn gefunden. Oft wird bei den musikalischen Referenzen in der Mode der Unterschied zwischen eine Subkultur modisch zu erschaffen mit dem simplen Abbilden verwechselt. Van Beirendonck tat immer ersteres. Die Raver machten sich seine Stilistik zu Eigen und nicht umgekehrt. Ähnlich authentisch ist das bis heute nur Vivienne Westwood gelungen, deren Mode in den Siebzigerjahren von Punks weltweit adaptiert wurden. „Musik ist vor allem eine Inspiration. Ich sehe keinen Grund darin, bestimmte Looks der Musikgeschichte zu kopieren oder sie neu aufleben zu lassen", findet van Beirendonck und trifft die Problematik musikalischer Zitate in der (Luxus)Mode auf den Kopf. Meist nämlichen werden dabei lediglich die Uniform einer von ihren Melodien und Klängen geprägten Subkultur stilistisch aufgegriffen und für ein breites Publikum massentauglich verbraten.

Walter van Beirendonck jedenfalls wurde - anders als Vivienne Westwood - zum Übergang in ein neues Jahrtausend gemeinsam mit den Ravern erwachsen. Die gereifte Jugend wankte aus den Lagerhäusern in den Schein des Tageslichts und streifte ihre grelle und blinkende Disco-Kluft ab, um sich schließlich in unscheinbaren Nadelstreifenanzügen hinter den Bankschalter zu setzen. Und auch ihr einstiger Lieblingsdesigner entdeckte den klassischen, akkurat geschnittenen Zweiteiler in seinen Kollektionen, die wieder seinen eigenen Namen trugen und ohne das Zutun eines deutschen Jeans-Labels kreiert wurden, für sich. Wenn auch in van Beirendonck'scher humoristischer und immer noch subtil gesellschaftskritischer Art.

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Heute sind es seine Studenten, die Walter van Beirendonck als Direktor des Mode Departments der Königlichen Akademie der Schönen Künste auf den Pfad des Neuen und des Identitätsstiftenden schickt. Am Ende der einmal jährlich stattfindenden Abschlussshow wird auf dem Laufsteg nicht nur ähnlich hart gefeiert wie einst bei einer Show von Walter, ausgewählte Studenten vermögen sogar die modische Subkultur von morgen zu entwerfen. „Auch in diesem Jahr haben meine Studenten eine Bandbreite unterschiedlicher Visionen gezeigt", erklärte der Designer gegenüber i-D nach der Show im Juli 2015.

„Die Akademie gibt ihren Studenten die Möglichkeit, sich so individuell und persönlich wie möglich zu entwickeln." Darum vielleicht hat in den vergangenen Jahren Casper Werner, Master-Absolvent 2015, mit bunt gelederten Hybriden aus Stiefeln und Hosen eine neue Uniform für die modernen Rockstars kreiert, Ehssan Morshed Sefat, Master-Absolvent 2013, mit einem Potpourri exotischer Teile eine neue Reggae-Kluft geschaffen und Manon Kündig mit ihrer Bachelor-Kollektion im Jahr 2011 mittels tragbarer und aufblasbarer Gummitotenköpfe eine ironisierte Dark-Metal-Mode konzipiert. . . Die Party ist noch nicht vorbei, sie zieht sich nur immer mal wieder anders an.

Hier geht es zu mehr Techno auf i-D.

Credits


Videos und Fotos via Walter van Beirendonck
In Kooperation mit Converse.

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