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nadya von pussy riot definiert punk neu

Vergiss, was du zu wissen glaubst. In diesem Manifest von Pussy Riot wird die wahre Bedeutung von Punk und die Veränderungen, die wir im Jahr 2017 brauchen, auf den Punkt gebracht.

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Juli 11 2017, 5:55am

Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

Ihr wisst, was Pussy Riot ist. Es ist die unverblümte feministische, regierungs- und kirchenkritische Punkrockband aus Russland, von der ihr regelmäßig hört, weil sich Leute (üblicherweise die russische Regierung) über sie aufregen, wenn sie mit frechen Feminismus- und Guerilla-Aktionen für Meinungsfreiheit und LGBTQ-Rechte kämpft. 

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Vielleicht erinnert ihr euch auch noch an die Schlagzeilen aus dem Jahr 2012, als Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Alechina von Pussy Riot zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden, weil sie mit Sturmhauben bekleidet in der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau einen Putin-kritischen Song performt haben. "Mutter Gottes, Jungfrau Maria, bitte vertreibe Putin" haben sie damals geschrien, bevor sie dann von Sicherheitskräften weggezerrt und beschuldigt wurden, die orthodoxe Kirche beleidigt und die öffentliche Ordnung untergraben zu haben. Mit ihren Aktionen haben sie nicht nur die weltweite Aufmerksamkeit auf die eingeschränkte Meinungsfreiheit in Russland gezogen, sondern damit auch konstruktive Reaktionen hervorgerufen und ein allgemeines Bewusstsein für die Missstände geschaffen. Als sie aus dem Gefängnis entlassen wurden, waren sie längst zu berühmten Symbolen des Punk Spirit aufgestiegen, zu Anführerinnen einer andauernden Revolution und zu einem Beispiel dafür, für das zu kämpfen, woran man glaubt.

Auch auf i-D: Zusammen mit Adwoa sind wir nach Los Angeles geflogen und haben dort starke Frauen getroffen, die etwas verändern wollen.

Seitdem haben Pussy Riot provokante Musikvideos veröffentlicht und sich für die bitter nötige Revolution stark gemacht, egal wo sie sich gerade aufhalten. Und weil der Kampf noch lange nicht zu Ende gekämpft ist, hat Nadya ein Manifest verfasst, um Leute überall auf der Welt zu mobilisieren und stark zu machen, das wir dir nicht vorenthalten wollen. 

"Seid hartnäckig. Bleibt konzentriert. Panik wird euch nicht weiterhelfen. Seid geduldig. Es muss noch vieles getan werden, aber das ist in Ordnung.

Überzeugt eure Feinde von euren Ansichten. Macht Gefängnisdirektoren zu euren Verbündeten. Gewinnt die Herzen derer, die den Feind unterstützen. Überzeugt die Polizei, dass sie auf eurer Seite sein sollte. Wenn die Armee sich weigert, in die Menge der Protestierenden zu schießen, hat die Revolution gewonnen.

Seht die Prügel als Ehrenzeichen. Wenn ihr sagt, dass der Kaiser nackt ist, werdet ihr vielleicht ins Gesicht geschlagen. Ihr werdet als geisteskrank, verrückt, pervers, als gefährliche Idioten bezeichnet. Aber ihr seid die glücklichste Sorte von Idioten, die es geben kann — Idioten, die die himmlische Freude kennen, die Wahrheit auszusprechen.

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Ein Punk zu sein bedeutet, die Leute ständig zu überraschen. Es geht nicht darum, für immer den Irokesenschnitt zu tragen, denn wenn ihr das tut, seid ihr kein Punk, sondern ein Konservativer. Ein Punk zu sein bedeutet, systematisch euer Selbstbild zu verändern, schwer definierbar zu sein, politische und kulturelle Grundlagen zu sabotieren, eure eigenen kulturellen und genetischen Codes zu erschaffen und die Natur zu untergraben. Die Veränderung von Meilensteinen ist für mich etwas natürliches. Selbstverständlich sind noch viele weitere Veränderungen notwendig. Ich vereine sehr viele sehr unterschiedliche Musikstile und jedes Lied hat einen eigenen Stil. Es passt mir nicht, dass so viele sich an einen einzigen Stil klammern. Das ist meiner Meinung nach kein Punk. Am Klavier zu sitzen ist etwas, das nicht erwartet wird, aber ich mache es manchmal. Deswegen kommen in meiner Musik ab und zu auch Klaviersolos vor.

Punk ist eine Methode. Bach und Händel sind meine größten Punk-Inspirationen. Mir gefällt das Konzept einer Punk-Subkultur, die zu sehr in einer gewissen Vorstellung gefangen ist, nicht. Der radikale russische Künstler Alexander Brener hat die Leute kritisiert, die Skinny Jeans tragen, diese an den Knien aufreißen und sich dann für krasse Punks halten — es braucht schon etwas mehr, um Punk zu sein.

Zerreißt an einem Tag eure Jeans, tragt am nächsten Louboutins, rasiert auch an einem anderen den Kopf, und lasst euch die Haare dann wieder bis zur Hüfte wachsen. Unterlauft die Erwartungen, verändert sie und trotzt ihnen — immer. Das ist Punk für mich.

Ihr fragt euch, was mit Pussy Riot los ist? Warum wir ständig unsere Methoden und Mittel verändern? Illegale Konzerte, Artikel und Bücher, Reden, Zeichnungen, Poster, Musikvideos … Es ist nichts weiter, als Kunst als Protestakt. Künstler ist nicht derjenige, der immer wieder das Gleiche bei seinem Publikum auslöst, sondern der, der der Zeit folgt. Ich bin bereit, neue Mittel auszuprobieren, und dabei eventuell auch zu scheitern, eine Anfängerin zu sein, eine falsche Künstlerin, eine falsche Musikerin, eine falsche Schauspielerin. 

'Wir beide werden als staatsfeindliche Künstler bezeichnet', hat Ai Weiwei mir mal gesagt.

Und auch als 'falsche Künstler', habe ich hinzugefügt.

'Ja, staatsfeindliche und falsche Künstler', erwiderte er

Sucht nach der Wahrheit, die hinter bestehenden Grenzen und Definitionen wartet. Folgt eurem Instinkt und ihr werdet die Möglichkeit haben, bestehende Regeln auf so wunderschöne Weise zu brechen, dass ihr vielleicht sogar neue Normen, neue Paradigmen erschafft. Nichts, was starr ist, ist perfekt." 

Credits


Einleitung: Frankie Dunn
Fotos: Amanda Merten

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