Anzeige

die weisheit und die sorgen von yohji yamamoto

Wir sprachen mit dem Meister nach seiner Pariser Show am Wochenende über eine Karriere und ein Leben ohne Reue.

|
Okt. 7 2015, 8:02am

Photography Charlie Engman

Sie haben gesagt, dass Mode nichts mit Trends zu tun hat. Was meinen Sie genau damit?
Ich habe noch nie den Gesetzen der Mode gefolgt. Ich habe immer Abkürzungen gefunden oder bin meinen eigenen Weg gegangen. Ich habe gegen das System von Trends angekämpft und etwas Neues entgegengesetzt. Wenn jemand sagt, dass etwas schön ist, dann mag ich das nicht.

Anzeige

Sehen sie sich als Künstler?
Ich weiß es nicht. Ich bin immer vorsichtig mit dem Wort „Kunst" umgegangen. Was ist Kunst? Etwas, was das Herz berührt und das Leben verändert? Es ist ein kostbares Wort, es ist gefährlich, es auf unangemessene Art und Weise zu verwenden. Wenn Mode Kunst wäre, dann wäre sie keine Mode.

War Mode nie Kunst?
Nein, niemals. Es ging immer um Kleidung.

Hat sich die Modewelt seit Ihren Anfängen verändert?
Ja, Fast-Fashion hat alles ruiniert. Die Leute verschwenden Kleidung. Sie kaufen und kaufen, manchmal ohne die Teile zu tragen und letztlich landet alles im Müll. Das ist Umweltverschmutzung. Sogar einige der Produkte, die verwendet werden, um Kleidung herzustellen, ist giftig. Es gibt bereits so viel unnötigen Müll auf der Welt. Wie viele Flugzeuge fliegen gerade durch den Himmel? Die Erde wird wärmer. Sie ist böse. Wir sollten wirklich darüber nachdenken, wie wir unsere Branche besser managen. Ich bin kein Umweltschützer, aber bereits seit einer ganzen Weile habe ich das starke Gefühl, dass die Erde wütend ist. Jeder muss sich beruhigen. Keine Hektik. Es ist ermüdend, diese Leute, die immer mehr wollen. Geld ist langweilig, denken Sie nicht auch? Etwas, das Freude bereiten soll, macht Leute nervös.

Wissen Sie um ihren Einfluss auf Designer?
Die neue Generation von Designern hat keine Zeit, um zu atmen. Sie sollten aufhören, auf ihre Bildschirme zu schauen. Sie nehmen die Welt durch ihre Computer wahr, aber sie kenne die Welt nicht. Für mich ist das kein Kampf. Ich habe niemals jemanden auf meinem Niveau gefunden. Ich habe keinen Rivalen, noch nicht.

Denken Sie ans Aufhören?
Ich kann mir nicht vorstellen, in Rente zu gehen. Das muss so langweilig sein. Außerdem kann ich mein Label schwer ohne mich vorstellen. Ich glaube, dass Yohji Yamamoto mit Yohji Yamamoto sterben wird.

Sind sie nostalgisch?
Ja, ein wenig. Die Vergangenheit hat etwas Romantisches. Sie stimuliert mich intellektuell. Aber ich ruhe mich nicht auf meinen Lorbeeren aus. Ich möchte jede Saison innovativ sein. Dieser Rhythmus hält mich am Laufen. Ich bin nie zufrieden, nie glücklich mit meiner Arbeit. Das Streben nach „immer besser", das ist mein Antrieb, was mehr ist als nostalgisch zu sein. Ich bin Pessimist. Meine Mutter war Witwe. Ich bin in Armut groß geworden. Mit fünf habe ich begriffen, dass die Welt unfair ist. In mir lodert es. Diese Last wiegt schwer, aber sie hat mich auch immer davor bewahrt, mich mit Mittelmäßigen zufrieden zu geben.

Anzeige

Wie können wir Mittelmäßigkeit vermeiden?
Als ich in Tokio angefangen habe, hat mich jeder kritisiert „Wieso hat er diese schmutzigen Outfits entworfen?". Anstatt mich selbst aufzugeben, entschied ich mich, ein Risiko einzugehen und nach Paris zu gehen. In dieser hübschen Stadt eröffnete ich in der Hoffnung, dass dort die Leute meine schmutzige Kleidung schätzen würden, einen kleinen Laden.

Das hat funktioniert, sie hatten viel Erfolg.
Ich war immer vorsichtig, was Erfolg angeht. Erfolg zieht viel Gewalt an. Die Leute werden neidisch und eifersüchtig. Wenn man davon gekostet hat, dann rennt man dem Erfolg immer hinterher. Für mich ist Erfolg die Belohnung für gute Arbeit. Amerikaner haben andere Maßstäbe für Erfolg (lacht, Anm. d. Red.).

Was möchten Sie?
Ich wurde zu Enzyklopädie, wenn es um Mode geht. Ich kann jede Frage beantworten. Aber sie fängt an, mich zu nerven. Manchmal möchte ich sie hinter mir lassen. Ich habe mit dem Schreiben und Malen angefangen. Ich bin ein Phönix. Ich möchte auch Filme machen.

Welche Art von Filmen?
Eine Mischung aus Fiktion und Dokumentation. Oder vielleicht auch Pornos.

Credits


Text: Tess Lochanski 
Foto: Charlie Engman

more from i-D