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      kultur Max Migowski 23 November 2016

      woher kommst du eigentlich?

      „Woher kommst du eigentlich?” – Diese Frage haben wir einer Reihe junger (Wahl-)Berliner und Berlinerinnen gestellt. Wie sie die Frage interpretiert haben und was sie unter Heimat und Identität verstehen, erfahrt ihr hier.

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      „Woher kommst du eigentlich?" - Vermutlich hat jeder diese Frage schon mehr als ein Mal gestellt bekommen. Es ist, aus welchem Grund auch immer, eine Frage, mit der man öfter konfrontiert wird. Aber was ist darauf eigentlich die Antwort? Klar, man kann davon ausgehen, dass der Fragende den Namen eines Landes, einer Stadt oder bestimmten Region hören will oder das zumindest antizipiert. Was sagt unsere Herkunft denn wirklich über uns aus? Wieso ist diese Frage so alltäglich, wenn sie doch zunächst rein gar nichts über uns persönlich zu verstehen gibt? Die Frage, so einfach sie sich für die meisten anfangs beantworten lässt, wirft bei genauerem Nachdenken eigentlich nur noch mehr Fragen auf. Ist es zwingend, dass meine Herkunft mit meinem Ich zusammenhängt? Ist die eigene Identität zweifellos an meine kulturellen Ursprünge gekettet? Sich diese Fragen zu stellen, zu reflektieren, woher man kommt, woher man kommen will, ob man mit seinen Wurzeln, oder viel eher mit der damit verbunden gesellschaftlichen Auffassung dessen konformgehen kann—oder überhaupt will—, ist in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. In diesen rauen Zeiten, in denen das weltpolitische Klima für viele nicht zeitgemäß und einfach schlicht menschenverachtend erscheint, scheint eine Frage unumgänglich zu sein: In welchem Verhältnis steht das Individuum zum Großen und Ganzen, aus dem es entspringt? Wir haben uns mit Menschen in Berlin unterhalten und sie genau vor diese Frage gestellt. Ihre Aufgabe war es, auf die Frage Woher kommst du eigentlich?, genau das zu antworten, was ihnen hierzu in den Sinn kommt. Was für unterschiedliche Reaktionen und Gedanken diese vermeintlich simple Frage ausgelöst hat, haben wir euch für euch zusammengetragen:  

      Nicolai
      „Ich bin gebürtiger Däne. Ich bin viel herumgekommen, habe in verschiedenen Ländern und Städten gelebt. In Berlin bin ich seit etwa drei Jahren. Ich identifiziere mich schon sehr mit meinen skandinavischen, oder präziser, meinen dänischen Wurzeln. Es gibt eine Art Lebensstil, eine Form, wie wir mit uns und unseren Mitmenschen umgehen. Das Gesetz von Jante entstammt einem Buch, das das Mindset skandinavischer Menschen gewissermaßen erklären soll. Viele haben sich von diesem Buch angegriffen gefühlt, da es eine Art Regelbuch für das Verhalten eines Skandinaviers sein soll. Wir sind nicht so viele und, ich glaube, wir haben ein etwas seltsames Verständnis von uns in Beziehung zu unserer Gesellschaft. Wenn auch nicht mit Absicht, wird Skandinaviern beigebracht bescheiden mit ihrem Selbstbewusstsein zu sein und dieses immer wieder zu hinterfragen. Nationalität ist für mich zwar nichts Aktives, aber ich glaube sie spielt schon eine große Rolle und kann uns, wenn auch nur unterbewusst, formen. Es fängt ja damit schon an, dass jedes Land, jede Kultur eigene Werte hat. Mit diesen wirst du groß. Es liegt dann an jedem selbst, ob man diese annimmt oder gegen sie ankämpft. Was ich an Berlin so liebe, ist, dass es eine Stadt ist, die seit jeher gegen vermeintliche Regeln rebelliert. Die Geschichte der Stadt und der Leute spricht—damals wie heute—für sich. Anderswo hat man viel stärker das Gefühl, dass man sich irgendwem oder irgendetwas anpassen oder fügen muss."

      @nicolaivesterkærkrog

      Rafaela, 27 
      Ich bin in Mühlheim an der Ruhr geboren, bin dort zur Schule gegangen und groß geworden. Meine Eltern kommen aus Kroatien, dadurch bin ich auch in einer Art kroatischer Community aufgewachsen. Ich habe mich auch immer mehr als Kroatin gefühlt. Für mich ist Heimat mehr ein Gefühl, als ein konkreter Ort, an dem ich den und den Lebensabschnitt verbracht habe. Ich fühle mich eigentlich überall zu Hause. Es gab eine Zeit, in der ich alle zwei Jahre woanders war. Auch in Ländern, deren Sprache ich nicht gesprochen habe. Aber ich habe es trotzdem irgendwie hinbekommen und dadurch habe ich auch keine Angst vor dem fernen Unbekannten. Irgendetwas wird mich aber immer nach Kroatien ziehen. Meine Familie lebt dort, wir haben ein Haus. Das Meer, der Geruch, die Sprache. Damit identifiziere ich mich. Aber es ist endlich mal Zeit, abzusehen von dieser Idee Nationalität. Die Erde, die Länder und Grenzen sind für mich fließend. Ich finde es schade, wenn jemand zu stolz auf seine Herkunft ist. Es ist doch eigentlich alles nur Zufall. Diese ganzen Diskussionen. Die Welt gehört doch jedem, oder nicht? Das ganze Missverständnis um den Begriff Heimat muss geklärt werden. Nationen gibt es doch im Grunde genommen erst seit es den Pass gibt. Grenzen sind unnatürlich, von uns künstlich erschaffen. Wenn es Katastrophen in der einen Gegend gibt, ist es doch klar, dass sich das dort angesiedelte Volk weiterbewegt, an einen sichereren Ort. Jeder hat doch dasselbe Recht auf eine Heimat, ein Zuhause, oder etwa nicht?"

      @rafaelakacunic

      Ana, 28
      Eigentlich komme ich aus Georgien, aber mich damit zu identifizieren, finde ich sehr schwer. Wo komme ich her? Von der Erde [Lacht]. Gerade in den letzten paar Jahren habe ich festgestellt, dass ich mehr Berlinerin bin als alles andere. Außer meiner Mutter, vermisse ich an Georgien nichts, es verbindet mich auch nichts damit. Es ist eigentlich eine schmerzhafte Überlegung, der ich immer wieder versuche, aus dem Weg zu gehen. Ich verstehe sehr gut, wie Flüchtlinge oder Migranten sich fühlen müssen. Du bist dort irgendwie nicht zu Hause, wo du lebst, aber auch nicht dort, wo du herkommst. Und das ist schmerzhaft. Die Frage, woher man eigentlich kommt, wird irgendwann immer gestellt, man kann ihr nicht entkommen. Aber man kann selbst entscheiden, was man dazu sagt."

      @anatabatadze

      Negroma
      „Für mich ist meine Herkunft ein stetig voranschreitender Prozess. Meine Arbeit, meine Kunst ist ursprünglich dem Gefühl entstanden, sich nicht am richtigen Ort zu fühlen. Ich bin im Süden Brasiliens aufgewachsen. Der Großteil der Bevölkerung bestand dort aus weißen Einsiedlern, die sich wenig Mühe gegeben haben, die brasilianische Kultur aufzugreifen oder wahrzunehmen. Dort habe ich mich hinsichtlich meiner Hautfarbe, meines Geschlechts, meiner Sexualität, meines Körpers nicht wirklich gut aufgehoben gefühlt. Ich hatte mit einigen Problemen zu kämpfen. Die Frage nach meinem Wurzeln habe ich mir daher schon sehr oft selbst gestellt, aber ohne auf eine bestimmte Antwort hinzufiebern. Statt einen Ort als meine Heimat zu definieren, stellt mein Körper, meine Existenz für mich meine Heimat dar. Mein Beruf, mein Leben, alles was mich ausmacht kommt von mir, kommt aus meinem Körper. Alles, was ich bisher erlebt habe, und alles, was ich zukünftig erleben werde, macht aus, wer ich bin und woher ich komme. Es ist keine Frage der Geografie. Früher war mein Zuhause, meine Heimat ein Haus. Ein Gebäude. Inzwischen habe ich gelernt, dass es mit einer Örtlichkeit nichts zu tun haben muss. Ich bin so viel herumgekommen, da lässt es sich ohnehin nicht festlegen. Viele Menschen verwerfen ihre Vergangenheit und ihre Wurzeln, um neu anzufangen. Aber ich finde, man sollte alles, was einen auf die ein oder andere Art und Weise geprägt hat, als Teil eines Ganzen verstehen. Man kann es nicht anfassen oder sehen, aber man weiß: Es ist da. Heutzutage ist es klarer als je zu vor, dass die Frage nach der Herkunft problematisch ist. Menschen und Kulturen werden geradezu gegeneinander aufgehetzt. Ständig stellt man mir die Frage, woher ich komme. Und ständig frage ich mich an dieser Stelle, was die Leute mit dieser Information eigentlich anfangen wollen, warum es sie interessiert. Möchten sich mich irgendwie kategorisieren? Wollen sie mich besser kennenlernen? Man kann über so viele andere, schöne Dinge sprechen. Um dich kennenzulernen, muss ich mich mit dir nicht über dein Herkunftsland unterhalten."

      @negroma

      Nuzia
      „Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, denke ich als erstes an meine Eltern. Ihretwegen bin ich hier. Eine richtige Antwort auf die Frage, woher ich komme, kann ich vielleicht zum Ende meines Lebens geben. Das Leben ist doch wie eine Reise: Bestimmte Erfahrungen und Situationen üben einen großen Einfluss auf den Verlauf deines Lebens aus. Es mag sich vielleicht kitschig anhören, aber ich definiere mich einfach nicht durch einen Ort auf der Landkarte. Es ist einfacher, jemanden zu beurteilen, in eine Schublade zu stecken, wenn man ihn fragt, woher er eigentlich kommt. Aber es gibt meiner Meinung nach keine richtige Antwort darauf. Für mich befindet sich das alles noch im Fluss. Natürlich ist es einfacher für den Fragenden, wenn ich von einem Ort spreche. Damit ist die Frage oberflächlich geklärt. Aber meine Frage ist dann, wieso diese Frage? Nichts ist für immer. Jetzt komme ich von hier, in 20 Jahren bin ich vielleicht ganz woanders. Es hat doch nichts mit mir als Mensch, mit meiner Persönlichkeit zu tun, welche Nationalität ich habe oder aus welchem geografischen Ort ich komme."

      @nuzia

      Olle, 32
      „In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, lebe ich seit rund 13 Jahren nicht mehr. Es fühlt sich nicht wie mein Zuhause an. Aus dem Land, in dem ich danach sieben Jahre gelebt habe, wurde ich verwiesen. Das fühlt sich für mich also auch nicht mehr wie mein Zuhause an. Berlin wird auch nie wirklich mein Zuhause sein. Ich fühle mich dem Konzept des Umherwanderns, dem Menschen ohne Heimat, viel verbundener als allem anderen. Wie es Bruce Chatwin in seinem Buch The Songlines erklärt hat: Der Mensch wurde erschaffen, um umherzuziehen. Als Dinge wie Landwirtschaft und andere Innovationen aufgekommen sind, wurde der Mensch sesshaft. Alles, was falsch an dieser Welt ist—das Patriarchat, die Kriege um Ressourcen, Nationalismus—rühren daher, dass der Mensch aufgehört hat, umherzuziehen und sich zu bewegen. Der vermeintliche Fortschritt, der Entwicklungsprozess vom Menschen als Nomaden zum Mensch als sesshaften Einsiedler wird uns zum Verhängnis. Wir zerstören damit unsere Welt. Wenn mich also jemand fragt, woher ich wirklich komme, denke ich nicht, an einen Ort oder an etwas, das ich besitze. Die Schöpfung ist mein Zuhause. Ich werde, solange ich kann, weiter die Welt bereisen. Wo immer sich Wahrheit und Freiheit findet, da will ich sein. Wir hier haben das Privileg, einen Ort unsere Heimat zu nennen. Ein Großteil unserer Mitmenschen kann ihren Aufenthaltsort nicht ihr Zuhause nennen, weil den ganzen Tag Bomben auf sie herrunterregnen. Wir müssen den Begriff, das Prinzip Heimat weiter ausbauen und neu definieren."

      Credits

      Text: Max Migowski
      Fotos: Tereza Mundilová

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      Themen:kultur, berlin, heimat, identität, fotografie, tereza mundilová, interviews, identity politics

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