Die VICEChannels

      film Schayan Riaz 18 Februar 2016

      „wir brauchten versprecher. wir brauchten alles, was lebendig war.“

      „24 Wochen“ ist der einzige deutsche Wettbewerbsfilm der diesjährigen Berlinale. Wir haben mit Regisseurin Anne Zohra Berrached und Schauspielerin Julia Jentsch über Verantwortung, Authentizität und Abschiedsschmerz gesprochen.

      „wir brauchten versprecher. wir brauchten alles, was lebendig war.“ „wir brauchten versprecher. wir brauchten alles, was lebendig war.“ „wir brauchten versprecher. wir brauchten alles, was lebendig war.“
      © Friede Clausz

      Schon vor dem ersten Berlinale-Screening wurde über Anne Zohra Berracheds Film 24 Wochen viel geredet und geschrieben. Nur ein deutscher Film im Wettbewerb des bedeutendsten deutschen Festivals: Was bedeutet das fürs deutsche Kino? Wird 24 Wochen den großen Erwartungen gerecht werden? Abtreibung—so ein heikles Thema. Wie wird der Film damit bloß umgehen? So viel Verantwortung, bevor auch nur eine einzige Sekunde des Films auf der Leinwand zu sehen war ...

      Man kann es nicht anders sagen: 24 Wochen ist ein nahezu perfekter Film. Wie gut, dass keine weiteren deutschen Filme im Wettbewerb laufen. Sie wären gegen die Wucht von 24 Wochen verblasst. Es stimmt einfach alles: das natürliche Spiel, die leichte und unprätentiöse Erzählweise dieser sehr schwierigen Thematik, die sichere und geschickte Regie von Anne Zohra Berrached. Vor allem aber das unsentimentale, ausgeglichene Drehbuch, bei dem keiner richtig oder falsch liegt. Es geht in erster Linie eben um Menschen, mit all ihren Komplexitäten und Widersprüchen.

      Für Berrached ist es der zweite Spielfilm. Mit Zwei Mütter war sie 2013 auf der Berlinale vertreten, damals in der Sektion Perspektive Deutsches Kino. Im Wettbewerb zu sein, ist ein großer und unerwarteter Erfolg für sie. Bei einem Interview-Termin nicht unweit des Berlinale Palasts erzählt die Regisseurin von der großen Nacht. „Ich habe hier einiges erlebt, was ich nicht kannte, glauben Sie mir. Das ganze Prozedere. Wie du von der einen Sache zur nächsten gezogen wirst. Wie man sich in die Limousinen reinsetzt, wie man über den roten Teppich marschieren muss. Wie ein Zirkuspferdchen, aber das macht ja auch irgendwie Spaß. Ist ja alles für den Film."

      Alles für den Film. Das merkt man in jeder Einstellung, in jeder Szene. Astrid (Julia Jentsch) ist eine sehr erfolgreiche Kabarettistin. Markus (Bjarne Mädel) ist sowohl ihr Ehemann als auch Manager. Als sie erfahren, dass ihr zweites Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen wird, entscheiden sie sich dafür, sich der Herausforderung gemeinsam zu stellen. Aber kurze Zeit später folgt der nächste Schock: das Baby hat auch einen Herzfehler und muss nach der Geburt operiert werden. Vielleicht mehrmals. Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit nie gesundes Leben führen können.

      Anne Zohra Berrached ist der Geschichte gegenüber in jeder Situation so ehrlich geblieben wie nur möglich. „Mein Interesse ist nicht, etwas zu verschönen. Mein Interesse ist es, etwas so authentisch wie möglich darzustellen. Es echt werden zu lassen." Ganze Szenen wurden improvisiert, oft wurden Fachkräfte wie Ärzte von Menschen besetzt, die den Beruf auch im echten Leben ausüben. Diese Methode verleiht dem Film eine weitere Dimension der Realität.

      Julia Jentsch, Hauptdarstellerin und Hauptanwärterin auf den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin (Es wäre ihr zweiter Silberner Bär), hat die Arbeitsweise der Regisseurin geschätzt. „Sie hat uns lieber frei gelassen. Wir hatten zwar die geschriebenen Szenen vorliegen und es gab meistens sehr genaue Positionsangaben, also wo eine Szene stattfinden sollte, aber wie wir genau spielen sollten, da hat Anne uns erst mal machen lassen. Die halb-dokumentarischen Szenen mit den Fachpersonen waren komplett improvisiert. Da hat sie zum Beispiel gesagt ‚Wir sollen versuchen, Stichwörter zu erwähnen'. Damit wir da und da hinkommen. Die Ärzte sollten alles so machen und sagen, wie sie es auch im Alltag wirklich tun. Also wenn zum Beispiel ein Paar mit diesen Fragen zu ihnen kommen sollte. Das war so speziell und so spannend zu sehen, dass es funktioniert hat im Film."

      Für den Zuschauer sind solche Szenen spannend, weil sie so alltäglich sind. Es sind echte Konversationen, die man im echten Leben führt. Nichts Gestelltes, kaum Exposition. Natürlich stellt man sich als Zuschauer dann immer die Frage, ob man die gleichen Entscheidungen wie die Figuren im Film treffen würde. Kann man bei solchen Themen als Schauspieler überhaupt noch abschalten oder nimmt man bei solch einem intensiven Dreh die Arbeit mit nach Hause? Für Julia Jentsch war es schwierig. „Das war so ein hartes Programm. Ich blieb immer an der Geschichte dran, habe weiter über den Charakter nachgedacht. Immer wenn ich zu Hause war—ich habe ja selbst ein Kind—ist man natürlich kurzzeitig wieder rausgerissen. Aber ansonsten ist das alles sehr intensiv gewesen, auch während den Dreharbeiten." Und wie war es, als alles abgedreht war? „Es war ein Abschiedsschmerz gegenüber dem ganzen Filmteam. Ich werde den Moment am letzten Drehtag nie vergessen. Alle mussten auschecken und dann waren irgendwie alle im Hotelfoyer und keiner wollte gehen. Ein paar fingen an zu singen, andere saßen auf dem Boden. Weil es wirklich eine sehr besondere Zeit war. Und plötzlich mussten wir uns verabschieden. Auch von dieser Familie, es entsteht ja eine Familie, die man lieb gewinnt, die Teil deines eigenen Lebens wird."

      Die Grenze zwischen Realität und Spiel verschwimmt in 24 Wochen auch dadurch, dass Regisseurin Anne Zohra Berrached grundsätzlich nicht probt. „Meistens passieren in den Proben die schönsten Sachen. Und dann machst du die Kamera an und der Moment ist tot. Die Schauspieler spielen nur das nach, was wir gerade in der Probe gemacht haben. Es ging mir aber gar nicht darum, etwas nachzumachen, sondern in diesen Momenten etwas zu fühlen. Denn wenn man etwas fühlt, dann sieht man das auch auf der Leinwand. Überraschungen sind sehr gut für so was. Ich habe mich einmal mit Bjarne für etwas abgesprochen, was Julia in einer bestimmten Szene überraschen sollte. Sie reagiert da aus sich selbst heraus. Und das brauchte ich für die Szene. Ich brauchte, ich würde fast sagen, primitives Verhalten. Instinktives Verhalten. Das produziert Authentizität. Realistisches Spiel. Alle Sachen, die man wegschneidet, die man normalerweise als Regisseur nicht haben will, brauchten wir. Wir brauchten Versprecher. Wir brauchten alles, was lebendig war."

      Alle diese Methoden wirken sehr gut und helfen Anne Zohra Berrached, uns ein Filmerlebnis zu liefern, was tief unter die Haut geht. 24 Wochen ist ein Film, über den man lange sprechen wird. 

      24 Wochen

      Das könnte dich auch interessieren:

      • Wir stellen dir hier die zehn Filme vor, die du während der Berlinale nicht verpassen solltest.
      • Meryl Streep spricht in Berlin über die fehlende Vielfalt in Hollywood.
      • Lies hier unser Interview mit Regisseur Ira Sachs.
      Credits

      Text: Schayan Riaz
      Fotos: via berlinale.de / © Friede Clausz

      Stay i-D! Like uns auf Facebook, folge uns auf Twitter und Instagram.

      Themen:film, kultur, berlinale, 24 wochen, anne zohra berrached, julia jentsch, berlinale 2016

      comments powered by Disqus

      Heute auf i-D

      Mehr laden

      featured on i-D

      Weitere Features