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      beauty Sabrina Shim 14 Juni 2017

      wie es ist, mit südkoreanischen schönheitsidealen aufzuwachsen

      Dass Frauen in vielen Kulturen unter dem Druck stehen, bestimmten Standards zu entsprechen, ist so weit nichts Neues. Doch in Südkorea herrscht ein besonders rigider Standard.

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      Dieser Artikel erschien zuerst auf i-D UK.

      Die Kosmetikerin hatte Probleme mit dem Lidschatten. Ich befand mich in einem südkoreanischen Schönheitssalon in einem Vorort von Toronto und war Brautjungfern bei der Hochzeit meiner Cousine. Natürlich habe ich mich pflichtschuldig hübsch gemacht.

      "Warum lassen Sie sich nicht einfach operieren?", fragte die Dame mich, ziemlich laut und außer sich.
      "Lassen Sie sich operieren!"
      "Warum haben Sie sich bisher noch nicht operieren lassen?"
      "Sie würden so schön aussehen!"
      "Jede hier hat sich bereits operieren lassen."

      Meine Cousine, meine Tante, die anderen Brautjungfern, die kleine Armee aus Hairstylistinnen und Kosmetikerinnen waren alle dabei — alle koreanischstämmig (ich bin in Kanada geboren und aufgewachsen, aber auch koreanischstämmig). Und natürlich hatten meine Cousine, meine Tante, die anderen Brautjungfern und die kleine Armee aus Hairstylisten und Kosmetikerinne alle die doppelte Lidkorrektur, auch asiatische Blepharoplastik genannt, um die Falte im Oberlid zu erzeugen, wenn man ohne geboren wurde. Ich habe meine Mutter im Stuhl neben mir angeschaut. Sie war die einzige Person im Raum mit einem Monolid, wie es so bezaubernd für Leute ohne Falte genannt wird. Alles, was sie rausbringen konnte, war ein leises "Neeein".

      Ich habe mich selbst zu Ende geschminkt. Ich musste mir kein Rouge mehr auftragen, weil ich durch die Wut und die Scham schon rot im Gesicht war. Ich war 27 Jahre alt und habe mich immer noch nicht wohl mit meinem Aussehen gefühlt oder war nicht sicher vor der Beurteilung durch andere. Das ist meine Welt von K-Dramas.

      Wie am Anfang der i-D Serie Beyond Beauty with Grace Neutral gesagt wird, stehen Frauen in vielen Kulturen unter dem Druck, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen. Doch in Südkorea herrscht ein besonders rigider Standard. Der lässt sich wie folgt zusammenfassen: große Augen (mit einer Falte, natürlich,  eine gerade, kleine Nase, eine Kinnlinie in V-Form und porenreine Porzellanhaut. Das ist nur das Gesicht. Du musst auch dünn sein. Gebräunte Haut wird nicht gerne gesehen. Momentan geht der Trend zu mehr Muskeln, aber natürlich subtil und skulpturengleich.

      Auch auf i-D: Schau dir die Doku mit Grace Neutral über die Schönheitindustrie in Südkorea an

      In den letzten fünf Jahren wurde viel über die plastische Schönheitschirurgie in Südkorea berichtet. Das Land hat Brasilien als Ort mit den meisten Schönheitsoperationen pro Kopf überholt, was Interesse von Publikationen wie The New Yorker, Buzzfeed und The Daily Mail und verschiedenste Onlineplattformen geweckt hat. In den meisten Artikeln lag der Fokus darauf, wie K-Pop-Stars versuchen, westlich auszusehen. Zwar ist heute der Einfluss von modernem K-Pop auf die Gesellschaft immens, aber ich erinnere mich noch, wie ich in den 80ern aufgewachsen bin, lange vor dem Aufstieg von hallyu (so wird die Beliebtheit südkoreanischer Kultur in anderen Ländern genannt). Meine Mutter hat uns damals schon aktiv dazu motiviert, uns am südkoreanischen Schönheitsideal zu orientieren, auch wenn wir auf der anderen Seite der Welt gelebt haben.

      Sie hat an meiner Nase herumgezerrt, um meine Nase zu verlängern. Sie hat viel darüber gesprochen, wie wichtig es sei, schön und schlau zu sein und wie wichtig Erfolg sei. Sie hat es gefreut, dass ich kein plattes Gesicht hatte; und dass ich bereits relativ große Augen hatte, trotz des Monolides. Sie hat mich nicht in die Sonne gelassen. Als ich in die Pubertät kam, wurde mein Gewicht zu einem Thema, auch wenn ich dünn war. "Sei vorsichtig, die Shim-Familie neigt zum Übergewicht, was bedeutet, dass du fett sein wirst", hat sie mich ständig gewarnt. Ich wurde sofort zum Hautarzt geschickt, als ich die ersten Pickel bekommen habe. Sie hat mir aufhellende Hautprodukte gekauft. Ich muss es gar nicht sagen: mein Selbstbewusstsein war im Keller.

      Als ich Ende der 90er an die Uni gekommen bin, habe ich die junge Frauen wahrgenommen, die nach Südkorea geflogen sind, um sich dieser Lid-Operation zu unterziehen, wenn es erforderlich war auch für Nasenkorrekturen. Ich habe erst Mitte der 2000er von den Operationen zur Kiefer-Korrektur erfahren. Damit wird die die Kinnlinie in V-Form gebracht. Es wird geschätzt, dass sich zwischen 20 und 33 Prozent der Frauen in Seoul unters Messer legen. Die BBC hat über eine Umfrage berichtet, in der 50 Prozent der südkoreanischen Frauen erklären, dass sie in ihren Zwanzigern chirurgisch nachgeholfen haben. Zu meiner Erleichterung hat mich meine Mutter nie dazu ermutigt, mich operieren zu lassen. Sie hat sich angeblich auch nie selbst unters Messer gelegt. Als ich ungefähr 20 war, hat sie sich Permanent-Make-up tätowieren lassen: die Augenbrauen, der Lidschatten und die Lippenkontur. Sie hat das natürlich nicht so genannt, weil Tattoos damals — wie auch heute noch — in Südkorea ein gesellschaftliches Tabu sind.

      Auf auf i-D: Diesem Tabu geht Grace Neutral in diesem Video nach

      Mit 23 bin ich für mein Masterstudium nach England gegangen. Als ich zu Weihnachten nach Hause geflogen bin, war sie von meiner Gewichtszunahme (von einer 26er auf eine 27er Taille) erschrocken. Ich nannte sie "Freiheitkilos", die erst durch die Distanz möglich wurden. Das fand sie aber nicht lustig. Danach begann unser wöchentliches Telefonat mit der Frage: "Hast du noch mehr zugenommen?" "Nein." "Bist du sicher?" "Ja." "Das werde ich beurteilen, wenn ich das nächste Mal sehe."15 Jahre später und die Telefongespräche laufen immer noch so ab. Ich habe damals immer geheult, nachdem wir aufgelegt hatten, mittlerweile lache ich darüber. 

      Anfangs fand ich es hilfreich, die Kommentare über mein Aussehen einfach auszublenden. Am Ende habe ich alles, was mich in meinem Leben an Südkorea erinnert, ausgeblendet, außer dem Essen. Denn seien wir ehrlich: Kimchi ist einfach zu gut. Ich habe mir geschworen, nie wieder in dieses Land, in dem solche Schönheitsideale entstehen konnten, zurückzukehren. Ich habe versucht, zu verstehen, woher meine Mutter und das ganze Land diese Einstellung haben.

      Auch auf i-D: Grace Neutral geht der Frage nach, wie sehr K-Pop die Schönheitsvorstellungen in Südkorea beeinflusst

      Ich habe mich eingehender mit Themen wie Konfuzianismus, Südkoreas Geschichte, dem geringen Stellenwert von Individualität, der schnellen Industrialisierung und Technologie nach dem Koreakrieg, der Wirtschaft und der Rolle des Staates im Privatleben beschäftigt. Am Ende kam ich für mich zu folgendem Schluss: Meine Mutter hat versucht, das einzige Wertesystem, das sie kannte, in mich einzupflanzen. Aber ich muss diese Werte gar nicht annehmen, besonders da keine von uns seit 1979 mehr in Südkorea war. Wir haben beide an etwas festgehalten, das für uns eigentlich fremd ist: in meinem Fall, die Vorstellung eine ausschließlich koreanische Identität zu haben; im Fall meiner Mutter, dass ihre Tochter im Ausland aufgewachsen ist.

      Ich bin jetzt fast 40 und fühle mich im Allgemeinen so wohl, wie ich aussehe, und noch wichtiger: so, wie ich bin. Vielleicht auch um verloren gegangene Zeit aufzuholen, befolge ich seit Jahren die berüchtigte südkoreanische Hautpflege-Routine in zehn Schritten (Double Cleansing, Essenz, Toner, Seren, Gesichtsmasken, Öle, Augencremes, Feuchtigkeitspflege etc.) und bin Fan der Boyband Big Band, vor allem von G-Dragon geworden. Ich plane auch bald, mein selbstgewähltes Exil aufgeben und nach Seoul zu reisen. Das könnte zwar die Dinge weiter verkomplizieren, aber hey, zumindest habe ich schöne Haut.

      Credits

      Text: Sabrina Shim
      Foto: Screenshot aus Beyond Beauty with Grace Neutral

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      Themen:beauty, kultur, alternative beauty, korea, südkorea beyond beauty, meinung

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