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      fotografie Emily Manning 17 Mai 2017

      diese porträts junger tramper dokumentieren ein leben fernab der gesellschaft

      Seit 2011 fotografiert Michael Joseph junge Tramper und Trainhopper in Schwarz-Weiß. Wir haben mit dem New Yorker Fotografen über die Freundschaft und Freiheit dieser Menschen gesprochen.

      Alister & Sherie, New Orleans, LA 2016

      Vor zehn Jahren kam mit Into the Wild die Literaturverfilmung von Jon Krakauers gleichnamigen Roman in die Kinos. In der Geschichte geht es um Christopher McCandless, Absolvent der Emory University, der 25.000 Dollar an OxFam gespendet, seine Kreditkarten zerschnitten hat und durch Amerika gereist ist. Sein Trip mit Auto, Zug, Kajak und zu Fuß brachte ihn an den Colorado River, ein Farmer-Dasein in South Dakota, in eine Hippie-Kommune im Norden Kaliforniens und schließlich in die Wälder von Alaska. Auf seinen Reisen hat er sich mit anderen zusammengetan und manchmal sogar alte Bekannte wiedergetroffen.

      Christopher McCandless war natürlich nicht der erste Mensch, der die Gesellschaft abgelehnt hat, um stattdessen ein ungebundenes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Und er war auch nicht der Letzte. Seit 2011 fotografiert Michael Joseph Tramper und Trainhopper, die ein Leben ohne festen Wohnsitz führen. Wie bei McCandless entstehen zwischen ihnen Freundschaften, die sich dann wieder aus den Augen verlieren bis sich irgendwann, irgendwo die Wege wieder kreuzen. Diese Lebensweise hat zu einer lose verbundenen Gruppe aus Reisenden geführt, wie der Fotograf sie nennt, die verstreut über die USA leben. Seine Fotoserie Lost and Found wird nun in New York ausgestellt.

      Blue Eyes, New Orleans, LA 2013 

      "Diese Kids erinnern an die Kinder des Dust Bowl in den 30ern, gemixt mit Wurzeln in der Punk- und Hausbesetzerszene. Auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen sie ihr Zuhause und manchmal auch ihre Arbeit", schreibt Joseph in dem Begleitessay zur Fotoserie. "Manche haben gar keine andere Wahl, als vor einer unhaltbaren Familiensituation zu fliehen", während andere wiederum bewusst ihr Nest verlassen, um sich selbst oder ihren Platz zu finden. 

      Im Gegensatz zu vielen anderen Fotografen, die diese Community fotografieren, sind die Aufnahmen von Joseph nicht dokumentarisch. Er fotografiert seine Motive vor einem neutralen Hintergrund und kennt sie vorher nicht. Die Menschen, die sonst immer unterwegs sind, fotografiert er in stillen Momenten. "Ohne den geografischen Bezug liegt die Aufmerksamkeit ganz auf der Person statt auf dem Ort, denn ihre Umgebung kann jeder Ort zu jeder Zeit sein." Anstatt die Community als Ganzes darzustellen, geht es bei mir mehr um die Individuen, die er trifft. Und wie die Reisenden kommen und gehen, so fotografiert Joseph dieselben Leute in unterschiedlichen Städten und an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben.

      Molly, New Orleans, LA 2014

      Der erste Reisende, den Jospeh fotografiert hat, heißt "Knuckles". Ein junger Mann mit einem Anker-Tattoo auf seinem Gesicht. Als Joseph aus einem Taxi in Las Vegas stieg, sah er ihn zum ersten Mal, aber sie haben sich einfach nur Hände geschüttelt und sind beide weitergelaufen. Im Verlauf der Fotoserie hat Joseph andere Reisende getroffen, deren Wege sich mit Knuckles gekreuzt haben oder sich zumindest an sein Tattoo erinnern konnten. Obwohl er versucht hat, wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen, haben sie sich erst drei Jahre später wiedergetroffen. Das war in Chicago. "Ich musste von der U-Bahn in den Schienenersatzverkehr umsteigen, weil sie gebaut haben. Und da habe ich ihn gesehen. Ihn hat es gefreut, dass er endlich sein Porträt sehen konnte, das ich von ihm geschossen habe. Drei Monate später habe ich ihn am Union Square in New York City gesehen und wir haben das Wochenende miteinander verbracht. Vor ungefähr einem Jahr habe ich in Charlotte eine Vorlesung gegeben und habe danach zu Abend mit seiner Familie gegessen. Es war echt atemberaubend zu sehen, wie sehr eine Kamera verbinden kann."

      Auch wenn Joseph nicht die Umgebung seiner Motive dokumentiert, finden sich in seinen Bildern viele Informationen über wichtige Meilensteile der Reisenden. Er schreibt über die Tattoos, die sich die Reisenden oft selbst stechen: "Wie das Graffiti auf den Wänden der Straßen, in denen sie wohnen und den Zügen, auf die sich aufspringen, werden die Körper und die Gesichter dieser Leute zu den bildlichen Dokumenten ihrer Leben." Die Kleidung ist meistens selbstgenäht, zusammengeflickt und hat ihren Ursprung im Punk. Einige von ihnen sind Straßenmusikanten. 

      Blue, Austin, TX 2015

      Doch die Freiheit hat ihren Preis. Christopher McCandless wurde von der Polizei gefangen genommen und verprügelt, als er auf Güterzüge in Los Angeles gesprungen ist. Eine Erfahrung, die auch viele der Menschen in Josephs Motiven gemacht haben. Drogen- und Alkoholsucht gehören ebenso zum Leben auf der Straße wie ein Entzug, der ohne Begleitung zum Tod für sie führen kann. Dazu führt auch eine andere Art von Abhängigkeit, der Adrenalinkick, wenn sie auf Züge aufspringen und mitfahren. Einige sind dabei gestorben, als sie auf Waggons ohne Boden aufgesprungen sind oder unter die Räder gekommen sind. Wenn die Verletzungen nicht behandelt werden und sich entzünden, führt das oft zu Amputationen.

      Und doch überwiegen für viele die Vorteile dieses unsicheren und ungewissen Lebensstils. Viele hätten laut Joseph alle 48 US-Bundesstaaten, die per Zug erreichbar sind, besucht und Gegenden der USA kennengelernt, die viele von uns nie sehen werden. Der Fotograf möchte ihren Lebenstil weder glorifizieren noch entwerten. Aber er verstehe, warum sie diesen Weg eingeschlagen haben: "Sie sind glücklicher, weil ihnen die Gesellschaft nicht diktiert, was sie machen oder was besitzen sollen. Sie haben die Zeit herauszufinden, wer sie sind, bevor ihnen die Welt sagt, wer sie sein sollen."

      Lauren, Austin, TX 2014

      Otter Pig, Austin, TX 2016

      Lost and Found kannst du dir bis zum 17. Juni 2017 in der Galerie Daniel Cooney Fine Art in New York anschauen. Alle Informationen findest du hier.

      Credits

      Text: Emily Manning
      Fotos: Michael Joseph, Courtesy of the artist and Daniel Cooney Fine Art

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      Themen:fotografie, kultur, michael joseph, tramping, reisende, trainhopping, lost and found

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