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      musikinterviews Alexandra Bondi de Antoni 18 Mai 2017

      wie diese soundkünstlerin mit pflanzen musik macht

      Wir haben Mileece zum gemeinsamen Gespräch mit der Flower Stylistin hinter Mary Lennox, Ruby Barber, gebeten.

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      ©TigerTiger

      Denkt man an die Geräusche, die die Natur so von sich gibt, kommt einem schnell das Typische in den Kopf: Da ist das Summen der Insekten, die Rascheln der Blätter, das Knacken der Äste, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Wassers. Dass diese Töne in der Musik als Effekte eingesetzt werden, ist nichts wirklich Neues. Dass Pflanzen jedoch selbst Musik machen und so Soundlandschaften kreieren allerdings schon. Die Klangkünstlerin Mileece ist einer der Vorreiterinnen auf diesem Gebiet und übersetzt durch speziell gebaute Synthesizer, mit denen sie Pflanzen verkabelt, deren Energieströme in Klänge. 

      Ihre Arbeiten hat sie im Zuge von diversen Installationen schon im MoMa in New York oder im Zuge der Loop-Konferenz von Ableton letztes Jahr in Berlin gezeigt. Gerade wurde sie für ihr Projekt Treehugger beim Tribeca Festival ausgezeichnet. Bei ihrem letzten Besuch in der deutschen Hauptstadt haben wir sie zum Gespräch gebeten. Und da wir hier in der i-D Redaktion alles andere als einen grünen Daumen haben, haben wir die Flower Stylistin hinter Mary Lennox, Ruby Barber, auch noch dazu eingeladen. Ruby kreiert, seitdem sie vor ein paar Jahren von Australien nach Berlin gekommen ist, Blumenarrangements, die man vom The Store im Soho House bis zu den Runways der Berlin Fashion Week und den Bühnen des Musikfestivals Berlin Atonal sehen kann. Mit uns besprechen die beiden Frauen darüber, wie Mileeces selbstgebaute Geräte überhaupt funktionieren und ob die Jahreszeiten den entstehenden Sound beeinflussen. 

      Ruby: Wie würdest du das beschreiben, was du da genau machst?
      Mileece: Ich bin keine Pflanzen-Physiologin, aber ich habe alles zu dem Thema gelesen — was nicht sehr viel ist — und kann euch sagen, dass wir nach bioelektrischem Strom in lebenden Objekten suchen. Alles, das lebt (Menschen, Pflanzen, Tiere, Bakterien, etc.), hat diese Art der Energie, ist geladen. Sie erzeugen alle Energie. Es geht uns also darum, dieses Merkmal einzufangen und es zu verstärken, um es als Klang wahrnehmen zu können.

      Was beeinflusst den Klang? Hat jede Pflanze einen eigenen Klang?
      Mileece: Es sind nicht die Pflanzen selbst, die den Klang erzeugen, sie erzeugen den Strom, die Energie, und ich mache mir meine Geräte zunutze, um die Linien, die ich auf dem Monitor sehe, in Klänge zu übersetzen. Ich versuche, ähnliche Linien den jeweiligen Tönen zuzuordnen, um mir eine Art Vokabular aufzubauen. Aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob jede Pflanze eine eigene Frequenz hat. Nach meinen bisherigen Erkenntnissen würde ich sagen nein, aber ich habe mit Physiologen gesprochen, die der Meinung waren, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass sich die Töne unterscheiden. Ich versuche aber, für meine Experimente ähnliche oder gleiche Pflanzenarten zu benutzen.

      Foto: TahitiaHicks, MoCA

      i-D: Gibt es einen Unterschied in den Messergebnissen, wenn du auf die Pflanzen Druck ausübst?
      Mileece: Nein, das hat auf den Energiestrom keine Auswirkungen.

      Haben die Jahreszeiten einen Einfluss?
      Mileece: Meine Jahreszeiten beeinflussen den Strom [Lacht]. Ich habe festgestellt, dass meine Stimmung einen Einfluss auf die Messergebnisse hat, was ziemlich verrückt ist, wenn man darüber nachdenkt, aber es ist wirklich passiert. Oft habe ich gedacht, dass meine Geräte kaputt sind, dabei haben sie einfach nur auf mich reagiert. Die ersten Messungen habe ich 2005 gemacht. Ich hatte die Ideen, habe die Hard- und Software entwickelt und das Programm geschrieben.

      Auf Amuse spricht Ruby über ihre Arbeit in Berlin und ihre Zusammenarbeit mit Amira Fritz

      Ruby: Wie lange hast du dafür gebraucht?
      Mileece: Es hat um die drei Monate gedauert, bis ich alles fertig hatte. Am längsten habe ich dafür gebraucht, jemanden zu finden, der meine Idee finanziell unterstützen würde. Es war nicht so einfach, immerhin war ich eine junge Frau Anfang Zwanzig, die den Leuten erzählte, dass sie mit Pflanzen Musik machen wolle und sie um Geld bat, um so mein Projekt zu fördern. Die meisten Leute waren nicht sehr hilfsbereit. Ich habe viele Jahre gebraucht, um das Coding zu lernen.

      Foto: Nicole Ragland

      Hast du seitdem eines deiner Programme verändert?
      Mileece: Nicht wirklich, nein. Ich habe viele Synthesizer gebaut, um die Klänge zu verbessern. Und einige meiner Codes musste ich neu schreiben, nachdem die Betriebssysteme aktualisiert wurden, aber ansonsten ist alles mehr oder weniger so geblieben, wie es war. Es macht wahrscheinlich mehr Sinn, es als Lern- und Anpassungsprozess zu beschreiben statt als Veränderung.

      Erzähl uns doch etwas mehr über dein anderes Projekt Children of Wild.
      Mileece: Seit ich 15 bin, interessiere ich mich für Umweltwissenschaften und haben viel darüber gelernt. Ich mache mir viele Gedanken um unsere Umwelt. Es ist meine Art, unterschiedliche Systeme miteinander zu verbinden, und alles, was ich bisher gemacht habe, alle Kooperationsprojekte, an denen ich beteiligt gewesen bin, miteinander zu verknüpfen.

      Mary Lennox, Foto: Amira Fritz 

      Hat eine Pflanze, aus der gerade eine Blume wächst, einen anderen, höheren Energiestrom?
      Mileece: Das weiß ich nicht. Zur Zeit untersuche ich zum Beispiel die elektrischen Impulse, die eine Blume sendet, um den Bienen zu signalisieren, dass sie kommen und ihren Teil machen können.Vor allem interessiere ich mich aber für die Art der Kommunikation zwischen Pflanzen und anderen Lebewesen, die nicht mal wahrnehmen oder wissen können, dass sie existieren. Wir haben uns heutzutage total von der Natur entfremdet.

      i-D: Warum ist das deiner Meinung nach so?
      Mileece: Die Religion und Wissenschaft haben viel dazu beigetragen. Alles ist in Kategorien unterteilt und bis ins kleinste Detail erklärt, damit wir es verstehen oder beiseite schieben können, weil wir es nicht verstehen. Es ist so komplex und gleichzeitig so einfach. Ich bezeichne es immer als einen Mangel an Respekt für das Unbekannte.

      Ruby: Wie haben die Besucher auf deine Installationen reagiert?
      Mileece: Für mich ist es sehr ergreifend und besonders, zu sehen, wie sich die Leute meine Arbeiten anschauen. Manche gehen bereits mit einer festen Meinung hinein und nehmen es daher nicht wirklich ernst. Aber die Leute, die offen an das Ganze herangehen, gehen dann auch meistens mit einer ganz anderen Denkweise nach Hause - und das ist wirklich toll. Was ich auch total gerne beobachte, ist das verwunderte Gesicht, wie es eine Freundin von mir nennt. Dieser überraschte, überwältigte und etwas verwirrte Gesichtsausdruck.

      Ist eine bestimmte Pflanze bei den Besuchern besonders beliebt? Hat jemand mal gesagt "Ich möchte diese Pflanze hören?"
      Mileece: Danach fragen eigentlich nur wenige. Viele Leute fragen eher nach Rat, wie sie gewisse Pflanzen am besten pflegen sollen. [Lacht]
      Ruby: Das passiert mir auch ständig. 

      i-D: Würdest du das, was du machst, als elektronische Musik bezeichnen oder in diese Richtung einordnen?
      Mileece: Ich nenne sie organische elektronische Musik. Was meine Musik von der normalen elektronischen Musik unterscheidet, ist meine Herangehensweise, das Coding und die Computer, die ich benutze, und die Genauigkeit dessen, was ich mache. Ich glaube, ich könnte keine andere Musik machen, als die mit den Pflanzen. Es fühlt sich komisch an, als eine Art Performer angesehen zu werden, ich bevorzuge die Produktion der Klänge und übergebe die Komposition lieber anderen, die sie in etwas anderes umwandeln.

      Dome Landschaft

      Ruby: Denkst du, dass wir alle irgendwann einmal Pflanzen als Instrument benutzen können?
      Mileece: Das ist nicht so einfach. Aber genau das ist es, was ich versuche. Ich will es anderen Leuten zugänglicher machen, ein Produkt oder vielleicht sogar eine App entwickeln, damit sie das machen können, was ich mache, nur kabellos und einfacher. Im Grunde sprechen wir hier von Arbeit mit Mikro-Spannungen, also etwas, das es überall gibt und das man so leicht nutzen könnte.

      Mary Lennox, Foto: Amira Fritz

      i-D: Erinnert ihr euch noch an den Moment, in dem euch klar war, dass ihr mit Pflanzen arbeiten wollt?
      Ruby: Die Natur ist unglaublich vielfältig. Ich bin nie davon gelangweilt, ich glaube, das geht auch gar nicht. Und das ist eigentlich schon immer meine Einstellung gewesen, deswegen habe ich mich entschieden, es zu meinem Beruf zu machen. Viele Floristen haben diese Kindheitserinnerungen, wie sie über eine Blumenwiese laufen oder mit ihrer Oma Blumen pflücken. Bei mir ist das nicht der Fall. Aber meine Eltern hatten beide kreative Berufe, unser Haus war also immer voller interessanter, ungewöhnlicher Kunstwerke, die mich auf gewisse Weise inspiriert haben.
      Mileece: Es war eine merkwürdige Situation. Mobius8, ein Künstler, hat mir seine Techniken gezeigt, durch die er Dinge in der Luft erzeugt hat. Und da kam mir die Idee holographischer Pflanzen. Dazu kommt, dass ich schon lange Umweltaktivistin bin. Außerdem hat mich auch eine bestimmte Szene in einem Film dazu angeregt, als jemand eine Pflanze berührt und sie diesen schrecklichen Laut von sich gegeben hat. Ich dachte mir also "OK, heute haben wir Computer, wir können das besser machen." Ich war damals 19. 

      mileece.is

      marylennox.de

      Credits

      Text: Alexandra Bondi de Antoni
      Fotos: über Mileece

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      Themen:planzen, mary lennox, mileece, berlin, kultur, musik, musikinterviews, pflanzen

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