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      fotografie Juule Kay 19 Mai 2017

      auf der suche nach sich selbst: fotografen verraten uns ihr konzept von identität

      Anlässlich der heutigen Eröffnung von Laurence Philomènes “Non-Binary-Portaits“-Ausstellung in Berlin haben wir gemeinsam mit ihr und den beiden Fotografen Joseph Wolfgang Ohlert und Eylül Aslan über Gender, Nicht-Binarität und Sexualität gesprochen und herausgefunden, worauf es dabei wirklich ankommt.

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      Das Leben ist genauso bunt und vielfältig wie die Menschen, die es leben. Warum existieren in der Gesellschaft also immer noch so viele Label und Schubladen? Und was ist aus dem altbekannten Motto "Leben und leben lassen" geworden? Diese Fragen versuchen, Laurence Philomène, Joseph Wolfgang Ohlert und Eylül Aslan in ihren Arbeiten zu beantworten. Während Laurence Philomène sich in ihrer Non-Binary-Portraits-Serie mit der Frage nach Gender-Identität mit Hilfe ihrer Freunde auseinandersetzt, bietet Joseph Wolfgang Ohlert mit seinem Buch Gender as a Spectrum eine Plattform für die Frage, was einen Mann zu einem Mann und eine Frau zu einer Frau macht. Eylül Aslan beschäftigt sich wiederum auf spielerische und geheimnisvolle Art und Weise mit Fragen der Identität und Weiblichkeit. Wir haben uns mit den drei vor Laurence Ausstellung mit Curated by Girls heute Abend an einen Tisch gesetzt und über ihre eigenen Erfahrungen mit diesen Themen gesprochen. Was dabei für spannende Erkenntnisse herausgekommen sind, lest ihr am besten selbst: 

      Du hast heute deine Ausstellung in Berlin Laurence, die sich sehr viel um Gender dreht. Wie würdet ihr euch alle denn selbst identifizieren?
      Eylül: Das ist ja gerade der Punkt: Alles ist sehr fließend wie Gender eben auch. Ich habe Literatur studiert, also sollte ich eigentlich ein Autor, Übersetzer oder Lehrer sein. Ich bin aber Fotograf geworden, weil ich Geschichten erzählen möchte.
      Laurence: Ich bin nicht-binär und die meisten meiner Freunde auch. Das heißt, dass ich mich nicht zwangsläufig als Frau oder Mann identifiziere. Viele meiner Fotografien behandeln das Thema Gender. Es geht mir aber nicht darum zu belehren, sondern dass sich Leute in meinen Fotografien wiedererkennen und bestätigt fühlen. Seit Kurzem versuche ich, die Leute, die ich fotografiere, erzählen zu lassen, wer sie sind. Und sie so zu zeigen, wie sie selbst gerne gezeigt werden wollen. 
      Joseph: Ich sehe mich an sich auch nicht als Fotograf, mein Beruf hat verschwimmende Grenzen. Leute machen heutzutage viele verschiedene Dinge. In Bezug auf Gender würde ich mich aber als schwuler Cis-Mann identifizieren. 
      Eylül: Ich bin wirklich neidisch darauf, dass ihr aus einer Kultur kommt, die so unterstützend ist, was diese Themen anbelangt. Ich komme aus einem Land, in dem du dich dafür schämst, eine Frau zu sein. Ihr habt zumindest diese Möglichkeiten, auch wenn ich glaube, dass wir alle auf verschiedenen Ebenen zu kämpfen haben.

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      Wie seid ihr zum ersten Mal in Kontakt mit diesen Themen gekommen?
      Eylül: Meine Mutter ist Politikerin und sehr liberal. Ich musste an diesen Themen interessiert sein, weil das alles war, worüber sie geredet hat. 
      Laurence: Ich habe mich auf der Uni sehr viel mit Gender beschäftigt, was wohl auch viel mit meinem Coming-out zusammenhing.
      Joseph: Als kleiner Junge habe ich gerne mit Puppen gespielt und Kleider sowie Ohrringe getragen. Ich wollte damals ein Mädchen sein. Vor allem in der Pubertät bin ich in verschiedene Geschlechterrollen geschlüpft. Als ich dann in die Schule gekommen bin, habe ich mich gefragt, was wirklich in mir steckt, was ich mehr erforschen sollte und wo dieses kleine Mädchen verschwunden ist, das ich sein wollte. Ich habe viel über das Konzept Identität nachgedacht und versucht, meine eigene Stimme zu finden und die ganzen Eindrücke von außen herauszufiltern. Ich habe akzeptiert, dass das kleine Mädchen nicht verschwunden ist und immer noch irgendwo in mir steckt. 

      Glaubt ihr, dass sich das eigene Konzept der Identität über die Jahre hinweg verändern kann?
      Joseph: Vielleicht habe ich das falsch formuliert, ich wollte nicht nur dieses kleine Mädchen sein, ich war es. Nur weil ich einen Penis habe, heißt das nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt kein Mädchen sein konnte. 
      Eylül: Aber das ist auch ein Problem der Sprache. Im Türkischen haben wir das gleiche Wort für "er", "sie" und "es". Für mich ist das sehr ironisch, weil die Gesellschaft in der Türkei so sexistisch ist. Vielleicht brauchen wir einfach diese Revolution in der Grammatik! In Schweden gibt es zum Beispiel das Wort "hen" für beide Geschlechter. 
      Laurence: Ich bin mit Französisch aufgewachsen und spreche es nicht mehr wirklich, weil es eine sehr geschlechtsspezifische Sprache ist und ich mich daher nur schwer ausdrücken kann. 

      Es muss sich also hinsichtlich der Sprache etwas verändern. Wie seht ihr die Repräsentation von Gender in den Medien?
      Laurence: Über mich wurde sehr oft im kanadischen Fernsehen berichtet und das ist ein wirklich großartiges Privileg. Ich habe aber auch das Gefühl, dass viel nur um Click-Bait geht, im Sinne von "Schaut wie fortschrittlich wir sind". Es geht nie wirklich tiefer. Trotz meiner medialen Präsenz werde ich aber trotzdem nicht wirklich ernst in der Industrie genommen und zum Beispiel für ein Covershooting angeheuert.
      Joseph: Das stimmt. Die letzten Jobs, die ich hatte, waren Geschichten über Trans-Menschen, weil sich die Leute dachten "Er hat ja ein Buch darüber rausgebracht." Und natürlich kann und möchte ich das machen, aber ich bin kein Trans-Fotograf, sondern fotografiere Porträts von Menschen.
      Eylül: Leute lieben es, dir ein Label aufzudrücken und dich in eine Schublade zu stecken, deswegen bin ich jetzt auch die feministische Fotografin.
      Laurence: Du hast so Recht! Ich werde auch immer als Verkörperung der queeren Fotografin wahrgenommen.

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      Was können wir dagegen tun?
      Eylül: Wir brauchen mehr Akzeptanz. Wenn die Leute endlich anfangen würden, alle so zu akzeptieren, wie sie sind, dann gäbe es auch kein Problem. In der Türkei kannst du sogar online auswählen, ob du im Bus neben einem Mann oder einer Frau sitzen möchtest. Und in der Metro setzt sich keine Frau neben einen Mann, weil sie Angst hat, dass er sie belästigen könnte. Alles basiert auf Angst und das treibt mich echt noch in den Wahnsinn! 
      Joseph: Wir müssen andere Menschen an diesen Punkt bringen, an dem wir schon sind. Uns einfach zeigen, nicht verstecken und einander unterstützen. Dann wird das ganze Thema auch außerhalb unserer Bubble sichtbar. 
      Laurence: Ich finde, dass Kunst eine tolle Plattform ist, um über diese Themen zu sprechen. Auch wenn meine Arbeit vielleicht nicht immer bezahlt wird, löst sie ein Gespräch darüber aus. Das ist ein guter Anfangspunkt, um Leuten die Augen und den Verstand zu öffnen. 

      Welchen Ratschlag würdet ihr jemandem geben, der gerade dabei ist, sich selbst zu finden?
      Laurence: Identität ist fließend und verändert sich über die Zeit. Es ist OK, zu sagen, dass du dich gerade zu diesem Zeitpunkt so fühlst, sich das im Laufe der Zeit aber auch verändern kann. Das ist die Freiheit, die du hast, wenn du dich als nicht-binär identifizierst. Leider gibt es auch diese Auffassung, dass junge Millennials all diese neuen Gender-Identitäten erschaffen hätten, dabei gibt es schon seit sehr langer Zeit in so vielen Kulturen vielfältige Geschlechter. 
      Eylül: Richtig. Gerade bin ich mit einem Mann verheiratet, war vorher aber auch schon in Frauen verliebt. Ich muss mir kein Label wie bisexuell aufdrücken lassen, sondern ich bin Eylül. Was genau verrät dir meine sexuelle Orientierung? Es gibt dir nur ein Vorurteil darüber, wer ich sein könnte. 
      Joseph: Du solltest außerdem nicht nach endgültigen Antworten suchen, die gibt es nämlich nicht. Du kannst eine für den Moment finden, aber keine allumfassende. Das ist ähnlich wie mit der Liebe: Du kannst einen Menschen jetzt in diesem Moment lieben, ihm aber nicht versprechen, dass du es für immer tun wirst. Es geht um das Hier und Jetzt, egal ob es um die Liebe, Sexualität, Identität oder Gender geht. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Es ist schon da, in dir drin, du musst nur in dich gehen und es aus dir herausholen. 

      @laurencephilomene
      @josephwolfgangohlert
      @eylulaslan
      @curatedbygirls

      Ab heute kannst du dir Laurence Non-Binary-Portraits-Ausstellung in der coGalleries in Zusammenarbeit mit Curated By Girls in Berlin ansehen. Alle Informationen dazu findest du hier

      Credits

      Text: Juule Kay
      Fotos: Laurence Philomène 

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