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      fotografie Benoit Loiseau 19 Mai 2017

      francesca delorenzo hat 10 jahre lang ihre dates von craigslist fotografiert

      Drei Jahre nach ihrem viel zu frühen und plötzlichen Tod werden die Aufnahmen der Fotografin in einem neuen Archivprojekt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

      Die junge Fotografiestudentin Francesca DeLorenzo, genannt Frenchie, sitzt im Jahr 2004 an einem Wintertag vor ihrem Computer in ihrer Wohnung in San Francisco. Sie meldet sich bei der Website Craigslist an und verfasst einen Post, der sich in etwa so anhört: "Ich bin eine junge Fotografin und suche Männer, die sich in ihrer Wohnung für ein Kunstprojekt fotografieren lassen wollen." Im Laufe der nächsten Jahre hat sie sich mit über 30 Männer aus der Stadt getroffen, war bei ihnen Zuhause, hat intime Porträts mit ihnen inszeniert und sich in den Aufnahmen zur weiblichen Protagonistin gemacht.

      "Das war ziemlich mutig und gefährlich", sagt Maria DeLorenzo, die ein Archivprojekt ins Leben gerufen hat, um an die Arbeiten ihrer Schwester zu erinnern. „Ich glaube, dass diese Männer die Vorstellung verlockend fanden, mit einer wunderschönen, jungen Frau in Unterwäsche in diesen Bildern zu sein. Diese Spannung und dieses Verlangen sieht man in den Fotos. Ich erinnere mich noch daran, wie besorgt ich war, dass sie nicht vorsichtiger ist. Aber sie war schon immer furchtlos."

      Die Fotos aus der Serie Trompe L'Oeil Love gehören zu den Hunderten Arbeiten, die wiederentdeckt wurden, seit es das Archiv gibt. In den Fotografien mit ihren übers Internet rekrutierten Männern stellt Frenchie häusliches Leben auf bizarre Art und Weise nach und zeigt auch die brutale Einsamkeit. Die sozialen Dynamiken in ihren Fotos erinnern an den kanadischen Fotografen Alix Cléo Roubaud (der ebenfalls im Alter von Anfang 30 verstorben ist). Die häuslichen Settings erinnern an die Arbeiten des verstorbenen Larry Sultan.

      "Bei dem Projekt geht es darum, wie sie zu Beziehungen und Monogamie steht. Das war eine offene Fragestellung", erklärt ihr enger Freund und Ex-Lover Seby Caceres, der dabei hilft, die Fotos zu digitalisieren und zu archivieren. "Ich bin mit ihr zu den Shootings gegangen. Wir saßen in der Uni und sie hat eine Nachricht auf ihr Craigslist-Angebot bekommen und zu mir gesagt: 'Hey, ich habe eine E-Mail von einem der Typen von Craigslist bekommen, willst du sie sehen?'. Nachdem sie bei ihnen in der Wohnung war, hat sie sich den Mann angeschaut, mit dem sie zusammenarbeiten wollte. Außerdem hat sie immer kleine Geschichten um die Shootings gebaut, wie zum Beispiel: 'Wir machen uns in deinem Zimmer für die Arbeit fertig.' Während sie ihre Filmkamera und das Stativ aufgebaut hat, sollte der Typ die Szene spielen. Die Fotoserie war fast schon seine Studien über die Männer und ihr Verhalten."

      Frenchie ist in San Diego aufgewachsen und war schon als Kind für ihre künstlerische Ader bekannt. Auf der Schule hat sie mit dem Fotografieren angefangen, hat lange Tagebucheinträge geschrieben und Collagen mit einer Punk-Ästhetik gebastelt. "Ich weiß noch, dass ihre Arbeiten immer etwas düster und schattig waren", sagt ihre Schwester Maria. "Sie war immer so cool. Ihre Kunst hat sich schon immer älter angefühlt, als sie es tatsächlich war."

      Aber Frenchie war drogenabhängig und hat sich nach ihrem Schulabschluss versucht, das Leben zu nehmen. Sie fuhr mit dem Auto über eine Klippe. Als sie ins Meer stürzte, "realisierte, dass sie doch leben wollte", erinnert sich Seby. Sie hat es geschafft, sich aus dem Auto zu befreien. Die Narbe auf ihrem Arm ist die bleibende Erinnerung daran. "Sie sah die Absurdität des Lebens und das war auch ein Teil davon, was sie erkundet hat", erinnert sich ihr Freund. "Das Leben hat sie tief traurig gemacht, sie fand es aber auch sehr lustig. Sie hat alles weggelacht."

      Die Fotos sind am Schnittpunkt zwischen der tiefsinnigen Einsamkeit und den oft unfreiwillig-komischen Situationen am stärksten. "Sie wollte die Distanz zwischen Menschen betonen", erklärt Seby. "Es geht um die Einsiedler, die wir alle sind, und den Fakt, dass wir die anderen nie kennen." Mit ihren Fotografien hat sie die heterosexuellen Dynamiken zwischen Männern und Frauen dekonstruiert. Die Bandbreite der Männer ist groß, sie sind unterschiedlich alt und haben ganz verschiedene Hintergründe. Sie zeigt sich in absurden Alltagsmomenten, die als ausgestreckter Mittelfinger an die Banalität des Lebens und die Beziehungen, die wir anstreben, interpretiert werden können. Manchmal sieht sie gelangweilt aus. Manchmal unerschrocken oder verletzlich. Ohne viel Mühen taucht sie in die Szenen ein. Es wirkt so, als ob sie uns davon überzeugen will, wie einfach das Leben sein kann.

      "Ich erkenne in ihren Fotos ihre Stärke und Wut", schreibt Maria auf der Website des Projekts. "Die Art von Einsamkeit, die man spürt, wenn man vom Leben und von anderen Menschen umgeben ist. Ihre Unerschrockenheit. Ich sehe, dass sie einfach schonungslos sie selbst war."

      Im März 2014 —zehn Jahre nach dem Beginn der Fotoserie — erhält Seby einen Anruf von Francescas Vermieter. Sie hatte ihn, zu seiner Überraschung, als ihren Notfallkontakt angegeben. Die damals 31-jährige Fotografin ist an einer Überdosis gestorben. "Keiner von uns wusste, dass sie immer noch Drogen nimmt", erinnert sich Maria. "Sie hatte einen neuen Job und ein neues Haustier. Es war klar, dass es impulsiv war und ihr Tod ein Unfall war."

      Kurz nachdem sie Frenchies Wohnung ausgeräumt haben, haben Maria und Seby entschieden, dass sie das Archivprojekt starten wollten. Um die Fotografien der Verstorbenen zu zelebrieren und sie der Welt zugänglich zu machen. "Wenn sie noch leben würde, hätte sie mir nie erlaubt, dass ich ihre Sachen durchwühle. Sie hätte wahrscheinlich auch nie dem Projekt zugestimmt", so Maria über ihre Schwester. Eine GoFundMe-Kampagne hat bisher 8000 Dollar gesammelt. Mit dem Geld wollen sie die Negative der Abzüge scannen, damit digitale Dateien erstellt werden können, um sie zu schützen, zu archivieren und mit anderen zu teilen.

      @francescadelorenzo

      Credits

      Text: Benoit Loiseau
      Fotos: Francesca DeLorenzo

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      Themen:fotografie, kultur, francesca delorenzo, frenchie delorenzo, einsamkeit, alltagsmomente

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